Blog-Archive

Wer profitiert vom Bild des „bösen Russen“? Woher stammt das Bild eigentlich?


Leider ist kein Videomaterial sowohl von Kabel1 als auch von n-tv ausgestrahlten sehr gut gesendeten Dokumentation, mehr auffindbar.
Der Kalte Krieg (The Cold War Files) (Großbritannien, 2015)

DO 19.1., 21:05 Uhr, kabel eins Doku Während des beinahe 40 Jahre andauernden Kalten Krieges stand die Welt kurz vor der totalen nuklearen Zerstörung. Was hat es mit der Theorie auf sich, dass dieser nervenzermürbende Krieg auf dem Lügenkonstrukt eines einzigen Mannes gründet? Reinhart Gehlen, ehemaliger Chef des Geheimdienstes der Deutschen Armee, soll unwahre Informationen weitergeleitet haben. Lediglich ein kurzer Trailer ist noch abrufbar

Hintergründe:
Woher stammt eigentlich das Bild vom bösen Russen?
Die Antworten findet man in unserer eigenen Geschichte.
Versetzen wir uns dafür einmal zurück in die Jahre 1943/1944…

Die anfängliche Blitzkrieg Euphorie ist in Deutschland längst verflogen. Sowohl in der Bevölkerung als auch an verschiedenen Stellen des Nazi Machtapparats glaubt man nicht mehr an einen Sieg. Für viele stellte sich schon damals die Frage, was kommt nach dem Krieg?
Mit dieser Frage beschäftigten sich auch schon damals die vermeintlichen Sieger.
Für die einen würde die Kriegsniederlage zwangsläufig auch zum Ende ihres privaten Daseins führen, ob als Hingerichteter oder als verurteilter Kriegsverbrecher, keine wirkliche Überlebensperspektive…
Für die Anderen stellte sich die Frage nach dem Nachkriegsdeutschland als Siegermacht.
Auf beiden Seiten gab es schon zu Zeiten des Krieges entsprechende Überlegungen und Vorbereitungen.
Die Briten und die USA entwickelten schon frühzeitig ihren „Re-Education“ Plan für das Nachkriegsdeutschland und auch auf Seiten der Nazis gab es diverse Pläne für das „Danach“. Es wurden Fluchtpläne vorbereitet, Kriegsbeute versteckt und manch seltsame Koalitionen wurden geschmiedet. Manche dieser Geschichten, wie die von Adolf Eichmann oder Klaus Barbie, sind uns heute bekannt.
Wenig bekannt hingegen sind die Geschichten von Reinhart Gehlen – CIA Deckname „UTILITY“ – dem damaligen Chef der Spionageabteilung „Fremde Heere Ost“ und auch die Geschichte des ersten deutschen Nachkriegskanzlers, Konrad Adenauer.
An dieser Stelle sollte sich jeder noch einmal intensiv mit den näheren Umständen beschäftigen – 1943/1944 der Krieg war noch in vollem Gange…
Aus der damaligen Sicht wäre es völlig abwegig gewesen anzunehmen der spätere BND Chef könnte einmal Reinhart Gehlen heißen, oder?
Aber auch die Vorstellung ein Konrad Adenauer könnte der erste deutsche Bundeskanzler werden, war im Grunde unmöglich. Man stelle sich vor, der Mann war nicht mehr als ein Kölner Bürgermeister den kaum jemand in Deutschland überhaupt kannte. Noch dazu trat er für eine, bis dahin nicht existierende Partei, der CDU gegen eine SPD an, die schon damals eine lange und unbefleckte politische Geschichte vorzuweisen hatte.
Wie konnte es unter diesen Umständen überhaupt zu einem Bundeskanzler Adenauer kommen?

Die Antworten darauf sind vielen nicht bekannt.

Schon 1944 wurden von US Spezialeinheiten geeignete politische Führungskräfte für ein Nachkriegsdeutschland gesucht. Adenauer hatte dabei das große Glück, dass einer der maßgeblichen US Offiziere den schrulligen Rheinländer noch aus der Zeit des 1. Weltkriegs kannte und sich bei der Suche an ihn erinnerte. Zwischen Adenauer und diesem US Offizier fand schon vor Kriegsende ein Gespräch dazu statt.

Der Fall Gehlen ist zum einen ein Paradebeispiel für das unmoralische Spiel der Geheimdienste und zum anderen für eine der gravierendsten geopolitischen Folgen für die Welt nach dem 2. Weltkrieg verantwortlich.

Auch an dieser Stelle muss man sich nochmals der Situation von 1943/1944 bewusst werden – die USA waren unser Kriegsgegner gemeinsam mit Russland und den anderen Alliierten bekämpfte man das Naziregime. Warum kam es eigentlich zu dieser Feindschaft zwischen Russland und den USA?
Gerne wird uns dazu das Märchen von der angeblichen kommunistischen Weltherrschaft erzählt. Aber wie sollte ausgerechnet Russland, das Land das die meisten Kriegsopfer zu beklagen hatte, das noch dazu im inneren unter Stalin genug zu leiden hatte und wirtschaftlich am Boden lag, sich mit der kommunistischen Weltherrschaft beschäftigen? Wenn es ein Land neben Deutschland gab, das genug vom Krieg hatte, dann wohl Russland.

Und doch kam es schon bald nach dem Ende des 2. Weltkriegs zum „Kalten Krieg“.

Und an dieser Stelle kommt Reinhart Gehlen ins Spiel. Er, der mit seinem Spionage-Netzwerk „Fremde Heere Ost“ über einen damals einzigartigen Zugang zu dem, für die USA und Briten völlig unbekannten Land Russland hatte, hatte etwas von unglaublichem geopolitischem Wert in der Hand.
In den Geheimdienst Archiven der US-Regierung kann sich jeder der Lust und Zeit hat und es ganz genau wissen will, die umfangreichen Original Dokumente aus der Zeit durchstöbern. Der eifrige Rechercheur wird dabei unter anderem auf hochinteressante Schriftstücke von einem Treffen in der Schweiz von 1943 zwischen R. Gehlen und einem Special Agent Dulles, stoßen.

Manchmal sind es die kleinen Zufälle, die uns bestimmen und die Geschichte lenken.

Die Gebrüder Dulles, ja auch ein Flughafen in USA wurde nach einem der Brüder benannt, waren damals maßgebliche Akteure, die die Nachkriegs-Weltgeschichte mitbestimmten.
Beide hatten beste Kontakte in die damalige Welt des Kapitals. Mit ihren Verbindungen zur Nazifreundlichen „Schröder Bank“ war eine gute Basis für eine äußerst fruchtbare Beziehung zum Nazi-Spion Gehlen gegeben.

Zurück zum historischen Wendepunkt der Beziehungen zwischen Russland und den USA.

Es war dieses historische Dreiecksverhältnis zwischen den Interessen Dreier Personen, die wesentlich zu den Rollen der USA, Russland und dem Nachkriegsdeutschland geführt hat.

Da war der deutsche Nazi General, der eigentlich auf der Anklagebank in Nürnberg hätte sitzen müssen, aber für die Amerikaner zum Schlüssel in die geheime Welt Russlands gebraucht wurde.
Da war der unbescholtene, unbekannte, rheinische Regionalpolitiker Konrad Adenauer, der mit allen Mitteln, gegen einen schier übermächtigen SPD Kandidaten, Bundeskanzler werden wollte und Deutschland zurück auf der weltpolitische Bühne sehen wollte.
Da waren die USA, in einer für sie ganz neuen Rolle, als Weltmacht und den daraus resultierenden Notwendigkeiten. Aber mit einer großen Lücke in Sachen Russland.

Kurzum, diese Konstellation führte im Ergebnis dazu, dass sich die USA dazu entschlossen auf die Karte „Gehlen“ zu setzen und damit bis in die späten 50er Jahre zu 100% ein von Gehlen geprägtes Russland Bild hatten. Gehlen wiederum musste sich vor allem vor den Russen nach dem Krieg fürchten, denn er war maßgeblich für den Tod von tausenden russischer Kriegsgefangener verantwortlich. Seine einzige Überlebenschance war also die USA gegen Russland zu positionieren, denn nur dann waren seine Informationen für die Nachkriegszeit für die USA von strategischer Bedeutung. Gehlen dürfte daher schon weit vor Kriegsende für den amerikanischen Geheimdienst, der von Allen Dulles geleitet wurde, gearbeitet haben.
Das erfolgreiche Dreigestirn komplettierte dann auch noch Konrad Adenauer, der sich ebenfalls die guten Kontakte Gehlens zu Nutze machte. Gehlen bzw. die USA machten Adenauer zum Kanzler und Gehlen wurde mit dem Aufbau des ersten bundesrepublikanischen Geheimdienstes in Pullach, zuerst unter Federführung der CIA, später dann als BND, beauftragt.
Adenauer nutzte Gehlen unter anderem auch dazu die SPD auszuspionieren und sogar der spätere Kanzlerkandidat W. Brandt wurde von Adenauer widerrechtlich bespitzelt. Selbst die CDU nutzte Gehlen zum Aufbau eines Parteieigenen Geheimdienstes, der nachweislich zumindest bis in die Ära H. Kohls aktiv war, Stichwort „Zaunkönig-Stiftung“

Manchmal ist die Welt ganz klein…
Reinhart Gehlen, Konrad Adenauer und Allan Dulles schufen den bösen Russen. Nur dadurch konnte Nachkriegsdeutschland seine weltpolitische Bedeutung erhalten, die es ohne die Feindschaft zwischen den USA und Russland niemals hätte erlangen können.
http://www.kabeleinsdoku.de/tv/verschwoerungstheorien/video/13-der-kalte-krieg-reinhart-gehlen-als-schluesselfigur-clip?utm_source=twitter&utm_medium=social&utm_term=social_onsite&utm_campaign=kabeleinsdoku.de&utm_content=share_video_bottom

Meine Wochenendarbeit ist fertig…
Ich frage mich schon sehr lange womit sich die deutsche Außenpolitik erklären lässt.
Warum stimmt mein Deutschlandbild einfach nicht mit dem überein, wie sich deutsche Politik seit Jahrzehnten gebärdet?
Ich bin für Frieden, im Grunde auch für eine EU, für soziale Gerechtigkeit und durchaus auch für eine Ressourcen schonende Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Eigentlich sind das doch alles ebenso von fast allen etablierten Parteien propagierte politische Inhalte ihrer Politik. Und doch klafft immer öfter eine unglaubliche Lücke zwischen der verkündeten und der praktizierten Politik.
Also habe ich mir mal die Arbeit gemacht die Hintergründe und Zusammenhänge der praktizierten Politik besser verstehen zu können.
Mein Fazit ist erschreckend….ok, viele werden das als eine weitere Verschwörungstheorie abtun, aber das ist wegen der vielen historischen Fakten tatsächlich kaum denkbar…
Nein, zusammengefasst komme ich zu der Überzeugung einer ziemlich beängstigenden Kontinuität der geopolitischen Praxis.
Die EU, die USA, der Ost-Westkonflikt und mittendrin das geschlagene kleine Deutschland, dass offensichtlich immer wieder als Zentrum der Weltpolitik aufblitzt.
Sind wir auf dem Weg zum 4. Reich?
Politik verstehen – Historische Zusammenhänge Teil 1-4 Allen Dulles

https://derblauweisse.wordpress.com/?s=Politik+verstehen

Related Articles

Teil 1: Über einen Täuschungskünstler, der die Welt zu seiner Bühne machte

Teil 2: Vom OSS zur CIA

Teil 3: Zwei Jahrhunderte Rückstand im Spionagegeschäft

Teil 4: Von Kuba über Kennedy bis Vietnam

CIA Archiv

CIA Files on Reinhard Gehlen

Politik verstehen – Historische Zusammenhänge erkennen Teil 4 Allen Dulles


Von Kuba über Kennedy bis Vietnam


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 4/4)

Geheimdienstchef Allen Dulles versagte bei der CIA-gesteuerten Invasion in der kubanischen Schweinebucht kläglich. Nach den Kennedy-Attentat dominierte und manipulierte der umstrittene Schattenmann die hiermit befasste Warren-Kommission. Seine letzten Einsätze bestritt der pensionierte Spion gegen ultrarechtsgerichtete Landsleute.

Teil 1: Über einen Täuschungskünstler, der die Welt zu seiner Bühne machte

Teil 2: Vom OSS zur CIA

Teil 3: Zwei Jahrhunderte Rückstand im Spionagegeschäft

Bereits 1955 hatte Dulles den kubanischen Diktator Fulgencio Batista in Havanna bei einer guten Zigarre über die Gefahren des Kommunismus aufgeklärt. Auf dem Hinweg hatte er in Florida den streitbaren Geschäftsmann Joseph Kennedy besucht und bei dieser Gelegenheit dessen Sohn John kennen gelernt. Batista, der den Großteil der Staatseinnahmen abzuzweigen pflegte und die Infrastruktur verlottern ließ, gestattete den Aufbau eines CIA-Büros, das dem kommunistischen Übel entgegenwirken sollte.

Joseph Kennedy. Foto: sec.gov

Cuba libre

Am 1. Januar 1959 war einem kubanischen Rechtsanwalt nach mehreren Anläufen seine Revolution gelungen. Während Fidel Castro 16 Monate in den Wäldern untergetaucht war, hatte er sich als Meister der Täuschung erwiesen und beispielsweise Interviews mit Journalisten durch vorgetäuschte Meldegänger „stören“ lassen, die von fiktiven Einheiten berichteten. Das Militär des im Volk verhassten Diktators überschätzte Castros Streitmacht maßlos, die in Wirklichkeit nur aus einer Hand voll Kämpfer bestand, genannt die Barbudos (die Bärtigen).

Während die eigentliche Revolution beinahe ublutig verlief, verspielte Castro Sympathien durch Exekutionen von politischen Gegnern. Die CIA hielt Castros Regime für instabil und dachte laut 2005 veröffentlichten Akten sogar daran, ihm Waffen und Geld anzubieten. Eisenhower hielt ihn nicht für wichtig genug und zog eine Partie Golf einem Treffen vor. Stattdessen empfing ihn Vizepräsident Nixon, der Castro zwar nicht für einen Kommunisten hielt, jedoch eine „naive Haltung zum Kommunismus“ diagnostizierte. Nachdem sich Castro Industrieller sowie der Mafia entledigt hatte, wollte man in Washington nicht länger zusehen.

James Bond vs. Fidel Castro

Spionageromantiker Dulles war ein großer Fan von Ian Flemings James Bond-Romanen. Auch, wenn 110 einem 007 in der echten Spionagewelt keine Überlebenschance gab, sandte er dem mit ihm inzwischen befreundeten Senator John F. Kennedy jeweils den neuesten Bond mit seinen fachmännischen Randbemerkungen. Als Kennedy 1960 mit Fleming und einem CIA-Mann dinierte, fragte dieser den Autor, wie denn wohl James Bond Fidel Castro beseitigen würde. Fleming fantasierte, Bond würde Flugblätter über einen erfundenen amerikanischen Nuklearunfall in der Karibik lancieren und verbreiten, eine atomare Verseuchung setze sich speziell an Gesichtshaaren an. Dies würde Castro und seine Barbudos dazu veranlassen, sich umgehend zu rasieren, wobei die Machos zwangsläufig ihr Gesicht verlören.

Als man Dulles diesen albernen Flaks erzählte, reagierte der CIA-Chef nicht etwa amüsiert, sondern wies seinen Giftmischer Sidney Gottlieb aus dem MK Ultra-Programm an, einen Weg zu finden, um bei Castro Haarausfall auszulösen. Ein anderer verworfener Plan sah vor, in Istanbul einen als kubanischen Gefangenen posierenden Agenten zu präsentieren, der von einer „Deportation nach Sibirien“ geflohen sei. Dulles Vorschlag, Anschläge auf kubanische Zuckerraffinerien zu verüben, wurde von Eisenhower abgelehnt, da man diese schnell reparieren könne. Zu diesem Zeitpunkt war selbst Dulles gegen eine Liquidation gewesen. Nixon befürwortete jedoch Dulles Vorschlag, Castro durch eine mit LSD präparierte Zigarre bei einer wichtigen Rede der Lächerlichkeit preiszugeben.

Barbudos

Die CIA startete eine Propagandakampagne per Radio, unterschätzte allerdings völlig die Loyalität der Kubaner zu Castro, der sie von einem brutalen Regime befreit und vielen erstmals Zugang zu staatlichen Versorgungssystemen verschafft hatte. Unter den nach Florida und Louisiana geflüchteten Castro-feindlichen Kubanern rekrutierte die CIA zunächst Agenten für eine „Gegenrevolution“, die in einem geheimen Lager in Panama in Sabotage, Attentaten und im Organisieren von Widerstandszellen ausgebildet wurden. Eisenhower hatte darauf bestanden, dass keine Spur zu ihm zurückzuverfolgen sein dürfe und von allen Beteiligten Eide zur absoluten Geheimhaltung gefordert. Mindestens 60 exilkubanische Geheimagenten wurden nach Kuba eingeschmuggelt und mit Material aus der Luft versorgt – so der Plan. Von den 30 Fallschirmabwürfen verfehlten 90% ihr Ziel, die restlichen führten Castros Geheimdienst zu denjenigen Geheimagenten, die man noch nicht abgefangen hatte. 48 Stunden nach Beginn dieser Operation 40 verstummte auch das letzte Lebenszeichen.

Wahlkampf mit der Zuckerinsel

Angesichts Castros 60.000 Männer bedurfte es einer Armee. In geheimen Trainingslagern in Guatemala bildete die CIA eine solche Streitmacht aus, zunächst 500 Kämpfer. Dulles baute eine Exilregierung auf, die nach Beginn einer Gegenrevolution nach Kuba eingeflogen und über Funk offiziell um amerikanische Hilfe nachsuchen sollte. Vizepräsident Nixon wollte sich mit der Befreiung Kubas vom „Kommunismus“ für den anstehenden Präsidentschaftswahlkampf empfehlen und wie seinerzeit Kriegsheld Eisenhower nach dem D-Day glänzen. Der Zeitplan erwies sich jedoch als zu knapp bemessen.

Den Gepflogenheiten entsprechend wurde während des Wahlkampfes auch der Gegenkandidat über die Sicherheitslage von Dulles persönlich ins Bild gesetzt. Entgegen einer verbreiteten Legende, der auch Nixon aufsaß, hatte Dulles Kennedy nur solche Erkenntnisse verraten, die ohnehin der Presse zu entnehmen waren, insbesondere nichts über die Invasionspläne. Kennedy wiederum attackierte die Regierung dafür, sich Castro gegenüber als zu weich zu erweisen, was den sich verraten fühlenden Nixon irrtümlich in Rage und Dulles in Misskredit brachte.

JFK

Am 8.November 1960 gewann John F. Kennedy die Wahl mit einer hauchdünnen Mehrheit. Ausschlaggebend waren die Stimmen etwa in Chikago gewesen, welche dort sowie in vier weiteren Bundesstaaten auf Manipulation an den Wahlurnen durch das Organisierte Verbrechen beruhten. Die Mafia, welche auch die Gewerkschaften auf Kennedy-Kurs gebracht und ihren Hofmusikanten Frank Sinatra in den Wahlkampf für den Katholiken eingespannt hatte, wollte sich mit dieser Gefälligkeit den neuen Präsident geschmeidig halten.

Insbesondere dessen Bruder Robert, der sich in Kongressausschüssen telegen als starker Mann gegen die Mafia positioniert hatte, galt es in Abhängigkeit zu bringen. Nachdem speziell die Gangster der Ostküste zuvor nach Kuba ausgewichen waren, hatte der Mob an einer Gegenrevolution ein besonderes Interesse. Doch die Kennedys spielten ein doppeltes Spiel, sehr zum Leidwesen von Carlos Marcello, dem Paten der Südstaatenmafia, dem die amerikanische Staatsangehörigkeit fehlte und der insoweit verwundbar war.

Invasionspläne

Als Dulles Kennedy in die Invasionspläne einweihte, verschwieg er ihm, dass Eisenhower diese keineswegs genehmigt hatte. General Lyman Louis Lemnitzer, der die Pläne mit dem Generalstab erörterte, erkannte wie seine Kollegen sofort, dass die Aktion wegen der zu geringen Streitmacht ohne professionell militärische Hilfe scheitern musste. Dennoch gab er eine positive Empfehlung – vielleicht deshalb, weil er der absehbar beschädigten CIA endgültig die Zuständigkeit für verdeckte Kriege abzujagen trachtete. Zudem empfand der karikaturhafte General für den militärisch niederrangigen Nachfolger des Fünfsterne-Generals Eisenhower, der die Wahl gestohlen hatte, tiefste Verachtung. Sollten die Amateure doch das Militär rufen, wenn sie nicht alleine zurecht kämen. Auch Dulles und andere CIA-Planer machten sich hinterher Vorwürfe, Kennedy gegenüber ihre Skepsis nicht geäußert zu haben.

Lyman Louis Lemnitzer. Foto: jcs.mil

Schweinebucht

Für eine erfolgreiche Anlandung war die Zerstörung der kubanischen Luftwaffe unerlässlich, welche der Missionsplaner William K. Harvey, der damals den Berlin-Tunnelbau geleitet hatte, vehement einforderte. Kennedy lehnte den Einsatz amerikanischer Flugzeuge kategorisch ab und ließ lediglich einen einzigen Bomber zu, der mit kubanischen Hoheitszeichen maskiert wurde. Als Cover-Story wollte man einen desertierten kubanischen Piloten inszenieren. (Das später der Presse präsentierte „kubanische“ Flugzeug wies eine Kuppel modernerer Bauart auf als die Maschinen, die sich in Castros Besitz befanden.) Harvey ignorierte den Befehl des Präsidenten und setzte acht Bomber ein. Selbst dem Außenminister hatte man die Invasion verschwiegen, der entsprechende Meldungen gutgläubig dementierte.

Die Luftangriffe zerstörten nur die Hälfte der kubanischen Luftwaffe, die wiederum erfolgreich CIA-Frachter mit Munition versenkte. Als Anlandungsziel war ein Strand gewählt worden, dessen Zugang zu den Schutz bietenden Bergen von einem Mangrovengestrüpp versperrt wurde und zudem sumpfig war. Da sich die CIA auf Karten von 1895 verlassen hatte, war dies den Strategen unbekannt. Zudem waren die Verschwörer längst von Castros Geheimdienst infiltriert worden und wurden bereits erwartet. Weder die versprochenen Fallschirmabwürfe mit Munition trafen ein, noch sonst eine Luftunterstützung. Auch die bereitstehende Marine wartete vergeblich auf ihren Einsatzbefehl. 1.189 Exilkubaner wurden festgenommen, während über 114 ihr Leben ließen. Der Tod von vier amerikanische Piloten blieb ein Staatsgeheimnis, weshalb man die Witwen belog. Auch Castro hatte Hunderte Tote zu beklagen. „Castro ist kein Kommunist, aber Sie tun alles, damit er einer wird“ hatte Chruschtschow einst kommentiert.

Abgang

Kennedy machte gar nicht erst den Versuch, die Rolle der USA in dieser vorgetäuschten Revolution abzustreiten. Zunächst kündigte Kennedy wutschnaubend an, die CIA „in Tausend Stücke zerschlagen“ zu wollen. Schließlich befasste er mit der Aufsicht über die Spionagebehörde seinen Bruder Robert, der ebenfalls ein Spionageenthusiast gewesen war und die Anzahl der verdeckten Aktionen vervielfachte. Obwohl Dulles nun unhaltbar geworden war, nahm JFK ihn gegen Kritiker öffentlich wie auch innerhalb der Regierung in Schutz. Im September 1961 schließlich stellte Dulles seinem engen Freund Senator Prescott Bush seinen Nachfolger John McCone vor, ebenfalls ein besonders antikommunistisch eingestellter Republikaner. Dulles führte seinen gleichaltrigen Nachfolger auf einer Europareise bei den Stationschefs ein, verschwieg ihm jedoch die illegalen Postöffnungen, MK Ultra sowie die Attentatsversuche auf Castro.

Nachdem die CIA gescheitert war, schlug der militärische Stabschef Lemnitzer eine militärische Lösung vor. Um eine solche der Weltöffentlichkeit gegenüber zu „rechtfertigen“, griff Lemnitzer tief in die eigentlich der Agency gehörende Trickkiste und schlug vor, terroristische Angriffe auf amerikanische Schiffe oder Flugzeuge unter falscher Flagge vorzutäuschen oder tatsächlich durchzuführen, die Kuba angelastet werden sollten. Verteidigungsminister McNamara lehnte ab.

Elimination by Illumination

Der CIA war jede Strategie recht, Castro zu diskreditieren. Für den Fall des Scheiterns der ersten bemannten US-Raumfahrtmission plante man, dieses dem kubanischen Geheimdienst in die Schuhe zu schieben. John Glenns Flug glückte.

Der verrückteste Plan, den die CIA damals ausheckte, war die Inszenierung der Wiederkunft Jesu Christi. Nach einer entsprechenden Kampagne sollte von einem U-Boot aus der Nachthimmel pyrotechnisch illuminiert werden. Dieses „göttliches Signal“ sollte christliche Kubaner ermutigen, den atheistischen Diktator zu stürzen. Diese Komödie wurde jedoch nie aufgeführt.

CIA-Campus

In seinen letzten Dienstjahren hatte Dulles viel Energie auf die Konstruktion der neuen Zentrale in Langley verwandt. So träumte Dulles von einer Art Universitäts-Campus, der das elitäre Selbstverständnis der CIA betonen sollte. Mit Fassung ertrug es der pensionierte Spion, dass McCone seine schönsten Vorschläge gestrichen hatte: So sollte das Büro ursprünglich über mehrere Türen verfügen, die es seinen Besuchern ermöglicht hätten, ihn unbemerkt und voneinander ungesehen aufzusuchen. Mit einem Kommunikationssystem sollte jeder Agent sofort zu kontaktieren sein.

In Dulles Vision hätte wohl nur noch Walter Schellenbergs legendärer Schreibtisch gefehlt, in dem angeblich ein Maschinengewehr gegen unliebsame Besucher eingebaut gewesen sein soll. Realisiert wurde jedoch wenigstens sein Rohrpostsystem, eines der größten der Welt, in welchem die amerikanischen Spione ihre Geheimnisse im Haus herumsausen lassen konnten. Da eine Plakette hätte entfernt werden können, bestand Dulles auf der Eingravierung seines Namens in die Wand. Der von Kennedy eingeweihte Campus sollte knapp vier Jahrzehnte später jedoch nach Prescotts Sohn in „George Bush Center for Intelligence“ umbenannt werden.

Kubakrise

„Wenn ich Chruschtschow wäre, ich würde Atomraketen nach Kuba bringen,“ meinte Robert Kennedy. Derartiges war inspiriert von den US-Raketen an der sowjetisch-türkischen Grenze auch dem Moskauer Schachspieler in den Sinn gekommen, der ein gekonntes wie zynisches Verwirrspiel trieb, in welchem die von Dulles hinterlassene CIA keine allzu große Hilfe bot.

Das gefährliche Ratespiel der Amerikaner mochten einige KGB-Leute nicht mehr weiter mit ansehen. Anfang der 60er tauchten einige geheimnisvolle Überläufer auf, über die Historiker noch heute grübeln, ob sie authentisch waren, oder ob ein doppeltes oder gar dreifaches Spiel gespielt wurde. Manche vermuten, Chruschtschows KGB-interne Kritiker hätten der zum Spionieren unbegabten CIA auf diesem Kanal kommunizieren wollen, dass die Sowjetunion entgegen Chruschtschows Bluff damals nur über ein dramatisch geringeres atomares Potential verfügte, als man es in Langley und im Pentagon argwöhnte. Kurioserweise waren es verantwortungsbewusste CIA-Leute, die sich zweimal überlegten, ob sie diese Informationen wirklich an das Pentagon weitergeben sollten: Sie befürchteten, die Verwundbarkeit könnte die Falken zu einem Erstschlag ermutigen. Le May etwa wollte die Kubakrise durch einen atomaren Angriff beenden.

Dallas

Am 22. November 1963 beging John F. Kennedy Selbstmord.

Er tat dies, indem er in einem offenen Wagen fuhr, obwohl der Secret Service Tage zuvor zwei Attentatsversuche vereitelt hatte, bei denen von Hochhäusern aus geschossen werden sollte.

Er tat dies, indem er sich mit Menschen umgab, für die politischer Mord ein legitimes Mittel zum Zweck darstellte.

Er tat dies, indem er die Südstaaten besuchte, denen er die Abkehr von der tief verwurzelten Rassentrennung mit Nachdruck aufzwang.

Er tat dies, indem er in das Revier des mit seinem Bruder befehdeten und in Morden seit vier Jahrzehnten routinierten Mafioso Carlos Marcello reiste, der mit seiner Südstaatenmafia die damals für ihre Korruption bekannte Dallas-Polizei kontrollierte.

Er tat dies, indem er das Absteigen seiner Personenschützer vom Cabrio und den Abstand zur Motorradeskorte akzeptierte, obwohl er an Menschenmassen vorbeifuhr, in denen auch mit ultrarechten Amerikanern, aber auch mit aufgebrachten Exilkubanern gerechnet werden musste, von denen viele im benachbarten Louisiana untergebracht waren.

Er tat dies, indem er u.a. die Verantwortung für ein laufendes Programm an blutigen Terroranschlägen auf Kuba trug, jedoch auf die Auswahl einer Reiseroute vertraute, die an einer Stelle mangels Zuschauermassen ein perfektes Schussfeld bot.

Er tat dies, indem er an ausgerechnet diesem Tag auch einen geheimen Boten nach Kuba geschickt hatte, der diskret ausloten sollte, wie die Spannungen künftig beigelegt werden könnten – sich also wie in der Kubakrise als zu weich gegenüber dem Kommunismus erwies.

„Habt ihr meinen Bruder getötet?“ fragte ein aufgebrachter Robert Kennedy die CIA.

Anti-Kennedy-Flugblatt am Tag vor seinem Tod in Dallas

Warren-Kommission

Als der sofort zum Präsident vereidigte Lyndon B. Johnson eine Kommission zur Klärung des Attentats unter der Leitung von Richter Earl Warren zusammenstellte, stand Dulles Name ganz oben auf der Liste. Johnson wollte weder hören, dass der Mord ein Werk Moskaus, noch eines Havannas sei, da die politischen Folgen nicht wünschenswert erschienen. Ermittlungen in Richtung der innenpolitischen Gegner, denen Dulles selbst angehörte, verboten sich. Von Dulles erwartete man eine reibungslose Verbindung des Gremiums zur CIA. Im Gegenteil schützte Dulles die Agency vor geheimnisgefährdeten Untersuchungen. Der Spymaster erwies sich als eifrigstes Mitglied der Kommission, die allerdings nur selten tagte und sich 10 Monate Zeit nahm.

Keine Mafia

Auch gegen die amerikanische Mafia wollten die Mitglieder der Warren-Kommission nicht so recht ermitteln: Richter Warren war mit dem Mafiaanwalt Murray Chotiner befreundet, der u.a. den Bruder der Privatsekretärin von Südstaatenmafioso Carlos Marcello vertrat. Hale Boggs stammte aus Louisiana und war Marcello wegen Wahlkampfspenden verpflichtet. Ebenfalls aus Louisiana kam Staatsanwalt Leon D. Hubert, der dort für seine Zurückhaltung gegenüber der Marcello-Organisation bekannt war. Die Senatoren Richard Russel und John Sherman Cooper hatten kein Interesse daran, dass der Mord an Bürgerrechtler Kennedy weißen Rassisten aus dem Süden angelastet werden würde – wie etwa dem Schwarzen-Hasser Marcello, der für seine hohen Spenden an den rassistischen Ku-Klux-Klan bekannt war.

Der Mann, der die Warren-Kommission zusammengestellt hatte, war vorher Senator im von Marcello kontrollierten Texas gewesen: Der neue Präsident Johnson, der die Kennedys ebenfalls hasste. Selbst der berühmte Bezirksstaatsanwalt von New Orleans, Jim Garrison, der später den Kennedymord erfolglos der CIA nachzuweisen versuchte, hatte mit Marcello lange seinen Frieden gemacht und fand nichts dabei, dass der Mafioso ihm kostenlose Hotelaufenthalte in Las Vegas, Spielkredite und eine günstige Immobilie ermöglichte. Garrison brachte zahlreiche Anzeigen gegen die Mafia zu Fall und profitierte wie Hoover von der bis in die 70er Jahre durchgehaltene Mär, es gäbe keine landesweit organisierte Mafia – andernfalls hätten er und Hoover ihre Unfähigkeit gegenüber dem organisierten Verbrechen einräumen müssen.

Familienjuwelen

Dulles hatte allerdings einen noch pikanteren Grund, die Mafia aus den Ermittlungen herauszuhalten, denn er musste ein delikates Geheimnis des toten Präsidenten, dessen Bruder und der CIA schützen: Die Regierung Kennedy hatte zur Beseitigung von Castro einen Mord in Auftrag gegeben – an die Mafia.

Wie in den Mitte 2007 freigegebenen Familienjuwelen nachzulesen ist, hatte die CIA bereits im August 1960 über den Mafioso Johnny Roselli zu Al Capones Nachfolger Sam Giancana und zum ehemals kubanischen Drogenkönig Santos Trafficante Kontakt aufgenommen. Man beschloss, Castro zu vergiften. Im Februar 1961 war auch der Justizminister der neuen Regierung, Robert Kennedy, in den Mordplan eingeweiht worden. Die Zusammenarbeit ausgerechnet Robert Kennedys mit der Mafia war deshalb so ungeheuerlich, weil dieser sich im Wahlkampf die Bekämpfung der Mafia auf die Fahnen geschrieben hatte und sich eine unerbittliche Vendetta mit dem Südstaatenmafioso Carlos Marcello lieferte, der als Pate von Amerikas ältester italo-amerikanischer Mafiafamilie formell dem landesweiten Syndikat vorsaß – das es nach damals offizieller Darstellung gar nicht gab.

Dem passionierten Taucher Castro wollte man einen mit Pilzsporen verseuchten Taucheranzug schenken, ihm explosive Muscheln auslegen und auf alle nur erdenklichen Arten vergiften. Ausgerechnet am Tag von Kennedys Ermordung war an einen Agenten eine als Kugelschreiber getarnte Giftspritze geliefert worden.

Von den auf Initiative von Robert Kennedy wieder aufgenommenen Mordplänen an Castro wussten außer den Kennedy-Brüdern und den beteiligten Mafiosi, soweit bekannt, nur noch Allen Dulles und sein Gewährsmann Richard Helms. Nicht einmal der neue Präsident Johnson oder der amtierende CIA-Chef McCone sollen eingeweiht gewesen sein. Das sollte auch so bleiben.

Alleintäter

Der Fall konnte jedoch ohne Behelligung der in Betracht kommenden Parteien abgeschlossen werden, wenn man der Öffentlichkeit einen verwirrten Täter präsentieren konnte, der aus eigenen Motiven ohne Unterstützung Dritter gehandelt hatte. Man benötigte einen „nützlichen Idioten“.

Nur wenige Minuten nach dem Attentat war der Polizei ein solcher Alleintäter zur Fahndung präsentiert worden, der angeblich auch einen Polizisten erschossen hatte. Der Verdächtige war in einem Kino festgenommen worden, das zur Kette des patriotischen Milliardärs Howard Hughs gehörte – einem langjährigen CIA-Partner, der seine Kinos der Firma als Agentenbasen für illegale Inlandsoperationen zur Verfügung stellte.

Hatte der Verdächtige Lee Harvey Oswald die Tat auch vehement bestritten und sogar vor einer Fernsehkamera geäußert, er solle lediglich als Sündenbock missbraucht werden, so konnte er sich nicht mehr in einem Gerichtssaal gegen den Mordvorwurf verteidigen. Marcellos Statthalter in Dallas, der dort einen von der Mafia betriebenen Nachtclub für korrupte Polizisten leitete, bekam einen Anruf, begab sich daraufhin ins Polizeipräsidium und erschoss den Verdächtigen. Ähnlich hatte es sich seinerzeit beim Mord an Louisianas Gouverneur Huey Long abgespielt, dessen angeblicher Attentäter sofort erschossen wurde, was allen Beteiligten lästige Ermittlungen ersparte.

Auf Dulles ging die Alleintätertheorie zurück, die zu dem Schluss führt, der sich in einem fahrenden Auto bewegende Kennedy sei ohne Anvisierungszeit mit einem neugekauften billigen Repetiergewehr mit falsch eingestellter Zielvorrichtung von einer einzigen Kugel erschossen worden, die trotz durchschlagener Knochen und Autositze nahezu unversehrt blieb, dennoch aber Materialspuren in der Hand des gleichfalls getroffenen Senators Conally hinterließ. Die zahlreichen Zeugenaussagen über Schüsse, die als von vorne kommend wahrgenommen wurden, sollten das Ergebnis des Warren-Reports ebenso wenig trüben wie die erste Obduktion in Dallas, die von der durch Militärärzte in Washington durchgeführten Obduktion dramatisch abwich.

Oswald und die CIA

In der geladensten Sitzung der Warren-Kommission wurde die Frage diskutiert, ob Oswald möglicherweise Verbindungen zum FBI oder zur CIA gehabt hatte. Dulles vermied ein Verhör der CIA-Offiziere, indem er seinen erstaunten Beisitzern eröffnete, dass eine Befragung sinnlos sei, da Geheimes nun einmal abgeleugnet werden würde. Auch die Frage, ob von den Offizieren denn wenigstens unter Eid eine ehrliche Antwort zu erwarten sei, verneinte Dulles. Ob ein Offizier denn wenigstens seinem Vorgesetzten wahrheitsgemäß antworten würde, ob Oswald zur CIA gehöre? „Vielleicht, vielleicht auch nicht. – Wenn es ein schlechter wäre, würde er es nicht.“

Dulles ließ seine Kollegen wissen, dass ein CIA-Offizier einzig seinem Präsidenten, nicht aber etwa dem Außenminister oder dem Verteidigungsminister Rechenschaft schuldig sei. Stillschweigend hatte er damit zum Ausdruck gebracht, dass weder der Vorsitzende Richter am Obersten Gerichtshof, noch ein Kongressausschuss „seine“ CIA zu befragen habe.

Die Kommission wollte jedoch wissen, weshalb ein Ex-Marine, der drei Jahre in der Sowjetunion gelebt und unbehelligt wieder die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, nicht die Aufmerksamkeit der CIA geweckt hatte. Im Gegenteil beschwor Oswalds russische Frau vor der Kommission ihre Annahme, ihr Mann habe für die CIA gearbeitet. Soweit er sich erinnern könne, meinte Dulles, habe er vor dem Attentat keine Kenntnis des Mannes gehabt. Dies war irreführend, denn der Spionagechef befasste sich grundsätzlich nicht mit den Namen der Feldagenten. Dulles lehnte es auch ab, für die Kommission in der CIA Dokumente einzusehen, da es bei besonders heiklen Einsätzen grundsätzlich keine Aufzeichnungen gäbe, damit sie abgeleugnet werden könnten. Obwohl Dulles eine Beurteilungsgrundlage lange bestritten hatte, präsentierte er schließlich die Aussage, Oswald sei kein CIA-Mann gewesen.

Ebenso wenig gäbe es Erkenntnisse, dass Oswald ein russischer Agent gewesen sei. Auch der umstrittene KGB-Überläufer Jury Nosenko verneinte Dulles gegenüber diese Frage, wobei Dulles Warrens und Hoovers Forderung, Nosenko zu vernehmen, erfolgreich abwehrte. Dulles Rivale FBI-Chef Hoover, der sich auf seine Weise mit der Mafia arrangiert hatte, sabotierte ebenfalls die Kommission, der er seine eigenen Erkenntnisse vorenthielt – etwa die über den ominösen David Ferrie, der Verbindungen zu Oswald, der CIA und Marcello hatte.

1978 sollte sich bei einer Untersuchung des Kongresses herausstellen, dass Oswald in die Mordpläne an Castro verwickelt war. Der kubanische Sicherheitsdienst hatte offenbar gut daran getan, Oswald seinerzeit ein von ihm nachgesuchtes Treffen mit Castro zu verweigern. Oswald war zudem wie Ferrie Mitglied einer rechtsgerichteten Jugendorganisation gewesen, zu deren Gründungsmitgliedern auch der Eigentümer des Schulbuchverlagsgebäudes in Dallas gehörte, von dem man Schüsse vernahm.

David Ferrie (zweiter von links) and Lee Harvey Oswald (ganz rechts) bei der Civil Air Patrol (1955)

„The American people don’t read“

soll Dulles gesagt haben, als man sich sorgte, wie die Öffentlichkeit wohl auf die Schwächen seiner Alleintäterbehauptung reagieren würde. Der Warren-Report stieß in den USA auf breite Zustimmung, während er in Europa angezweifelt wurde. Alle Versuche, die Akten wieder zu öffnen, wehrte Dulles ab und reagierte in den Folgejahren unwirsch, wenn man ihn auf Ungereimtheiten ansprach. Es stehe doch alles im Bericht. Und der sei gut.

Mississippi Burning

Zu dieser Zeit reisten im Freedom Summer Tausende weißer Bürgerrechtler in die Südstaaten, um schwarzen Wählern bei der Registrierung zur Präsidentschaftswahl zu helfen. In der Gegend der Stadt Jackson verschwanden die weißen Aktivisten Andrew Goodman und Michael Schwerner sowie ihr schwarzer Kollege James Chaney spurlos. Der Fall schlug hohe Wellen. Zur Vermittlung mit den sturen Südstaatlern wählten Johnson, Robert Kennedy und Hoover einen konservativen Mann aus, der bekannt dafür war, sich keine Vorschriften von Washingtoner Bürokraten machen zu lassen.

Tatsächlich wurde der per Luftwaffe eingeflogene Seniorspion vom örtlichen Gouverneur herzlich empfangen, der Bedauern für die gutmeinenden, aber wohl kommunistisch fehlgeleiteten jungen Männer äußerte. Auch vom Sheriff, der dem Ku Klux Klan nahe stand, war nicht viel zu erwarten. Beim Abendessen klärten die Honoratioren der Stadt Dulles darüber auf, wie die Unruhestifter aus dem Norden die Schwarzen zu Ungehorsam verführten, weshalb man sie zurückschicken solle. Selbst dem konservativen Dulles, dessen OSS unter Donovan lange keine jüdischen Informanten akzeptiert hatte, war von diesem rassistischen Fundamentalismus verstört. Am andern Tag sprach der Pastorensohn erstmals mit einem katholischen Bischof, der ihm Schwarze vorstellte, die von den Übergriffen des Ku Klux Klan berichteten.

Zurück in Washington sprach Dulles von einem Terrorismus neuer Qualität und machte Vorschläge, wie diesem entgegengewirkt werden könne. Der Präsident bat Dulles, vor die Journalisten zu treten und die jungen Leute vor Reisen in den Süden zu warnen. Doch Dulles ließ in der Pressekonferenz nicht die kleinste Bemerkung in diese Richtung fallen, was ihm manche als Courage anrechneten.

Als das FBI schließlich die verbrannten Leichen der Vermissten fand, wiesen sie Schussverletzungen auf. Dem Schwarzen hatte man die Knochen gebrochen. 2005 wurde einer der Täter verurteilt.

„Oh, perhaps we have already intervented too much in the affairs of other peoples.”

Im Präsidentschaftswahlkampf verteidigte Dulles den Demokraten Johnson, der von dem rechtskonservativen Republikaner Barry Goldwater attackiert wurde. Johnson sandte Dulles 1964 an die vietnamesische Front, wo in Kreisen des Militärs die ultrarechte John Birch Society Zulauf gefunden hatte, die es zu besänftigen galt. Diese kultivierte die Verschwörungstheorie, seit Roosevelt seien alle amerikanischen Präsidenten sowie die Dulles-Brüder Bestandteil einer kommunistischen Verschwörung, welche den Staat unterwandert habe.

Auf seiner Vietnamreise dürfte Dulles wenig ausgerichtet haben, ließ jedoch bemerkenswerte Äußerungen fallen. Während er offiziell den Kriegskurs seiner Regierung unterstützte, äußerte er Skepsis, ob die verdeckten Aktionen erfolgsversprechend seien. Da an der Front die wenigsten Offiziere wussten, weshalb sie sich dort eigentlich engagierten, erkannte Dulles früh, dass es ein Problem geben werde, der amerikanischen Öffentlichkeit den Sinn der Kriegshandlungen zu erklären.

Das US-Militär fand bald jedoch wieder Schiffe, die attackiert werden wollten.

Die von Dulles hinterlassene CIA sollte auch im Vietnamkrieg versagen. Die Vorstellungskraft der Analysten reichte nicht aus, um dem geheimen Tunnelsystem des Vietcong auf die Schliche zu kommen. Ebenso wenig konnten sich die Amerikaner vorstellen, dass Menschen, die aus Autoreifen hergestellte Sandalen trugen, in der Lage waren, mit umgebauten Radios amerikanischen Militärfunkverkehr abzuhören und entsprechend vorgewarnt den Bombardements zu entkommen.

Public Relations

Der Spion im Ruhestand musste jedoch an einer neuen Front kämpfen. Die Presse, die er stets zu kontrollieren verstand, bekam Wind von der zwei Jahrzehnte zuvor begonnenen verdeckten CIA-Finanzierung der Nationalen Studenten Organisation sowie deren Partner in Westeuropa, um sie in den Feldzug gegen den Kommunismus einzuspannen. Selbst Journalisten, mit denen Dulles langjährige Freundschaften gepflegt hatte, sparten nicht mit Kritik, so dass Dulles mit ihnen offen brach.

Sein Image besserte der inzwischen zum Großvater gewordene Dulles mit zwei populären Büchern auf: Great True Spy Stories und Great Spy Stories from Fiction.

Es war dies die Zeit, als in Partnerdiensten langjährige Doppelagenten in hohen Positionen enttarnt worden waren. Die darauf einsetzende Suche nach einem hochrangigen Spion in den eigenen Reihen führte zu einem hausinternen Klima der Verschwörung, das die riesige Spionagebehörde lähmte.

Tod

Als Dulles im Januar 1969 auf dem Sterbebett lag, befand sich in seiner Reichweite Kiplings „Kim“. Das „Große Spiel“ ging für den Schattenkrieger friedlich zuende. Das Vermächtnis der Dulles-Brüder, der Kalte Krieg, überdauerte noch zwei Jahrzehnte. Die Verschlagenheit und Brutalität, mit welchen die Dulles-Brüder in vielen Ländern vorgegangen waren, hatten sich im Gedächtnis nicht nur der Betroffenen tief eingeprägt. Obgleich sich die CIA-Methoden langfristig nur selten bewährt hatten, behielt sie die Firma bei.

Präsident Nixon kommentierte Dulles Tod: „But because of him — the world is a safer place today.“ Mancher mag versucht sein, den ersten Teil des Satzes zu streichen.

Related Article

Wer profitiert vom Bild des „Bösen Russen“ – Woher stammt das Bild eigentlich

Politik verstehen – Historische Zusammenhänge erkennen Teil 3 Allen Dulles


Zwei Jahrhunderte Rückstand im Spionagegeschäft


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 3/4)

In den 50er Jahren versuchte die Regierung Eisenhower, andere Nationen durch verdeckte Operationen zu kontrollieren. Zum Kampf gegen den Kommunismus wurde Dulles ermächtigt, im Ausland Politiker und Militärs zu bestechen, Wahlen zu fälschen, zu verleumdenden Terrorismus zu inszenieren, fremde Staatschefs zu töten, Revolutionen zu steuern und verdeckte Kriege zu führen.

Teil 1: Über einen Täuschungskünstler, der die Welt zu seiner Bühne machte

Teil 2: Vom OSS zur CIA

„You have got to have a few martyrs. Some people have to get killed.“

> CIA-Chef Allen Dulles, 1953, freigegeben 2003

Als erster CIA-Direktor war 1947 Admiral Roscoe Hillenkoetter eingesetzt worden, dessen kurioseste Leistung im Schutz von Staatsgeheimnissen der Luftwaffe bestand. So waren Tests von geheimen Flugzeugen und Spionageballons aufgefallen, welche Beobachter für UFOs hielten. Die geheimnisgefährdende UFO-Forschung überwachte Hillenkötter später persönlich.

Foto:CIA educational materials

Covert Actions

Allen Dulles trat anfangs lediglich als Berater der CIA auf. Offizieller Leiter der „Abteilung für spezielle Operationen“ war ab 1948 OSS-Veteran, Wallstreet-Anwalt und Alkoholiker Frank Wisner. Zuvor hatte Wisner ein Jahr als CIA-Stationschef in Berlin fungiert, wo er gerade einmal einen einzigen Agenten geworben und während der Berlin-Blockade eine militärische Lösung vorgeschlagen hatte.

Als Cover für die Kontrolle des CIA-finanzierten „Radio Free Europe (RFE)“ rekrutierten Dulles und Wisner amerikanische Honoratioren wie die Herausgeber von Newsweek und der New York Times sowie den Filmproduzenten Cecil B. DeMille. Auch die US-Zeitungen sollten im Sinne der CIA berichten, die im Gegenzug kooperativen Journalisten Informationen zuspielte.

Im OSS-Stil wollte Wisner den Kommunismus durch per Fallschirm abgesetzte Agenten zurückdrängen, die Sabotage verüben und Untergrundorganisationen aufbauen sollten. Für die Planung dieser „Covert Actions“ waren George Kennan und James Forrestal verantwortlich. Forrestal nahm sich bereits 1949 in der Psychiatrie das Leben, auch Wisner wurde 1956 manisch depressiv und erschoss sich 1965, Kennan wurde Alkoholiker.

Fallschirmagenten

2005 wurden bislang geheime Akten freigegeben, welche das volle Ausmaß von Wisners Fallschirmagenten dokumentieren. Wisner rekrutierte in Westeuropa Kriegsflüchtlinge, die er im Schnellverfahren zu Agenten ausbilden ließ und in ihr Heimatland entsandte.

Einige sprangen direkt über Moskau mit dem Fallschirm ab, Hunderte über Albanien, Jugoslawien, den Karpaten und der Ukraine. Die meisten der Fallschirmagenten wurden bereits bei der Landung von den sie erwartenden gegnerischen Abwehrdiensten abgefangen, welche die CIA-Trainingslager in Deutschland längst mit eigenen Agenten infiltriert hatten.

Die ungebetenen Spione in Stalins Imperium erwartete der Tod. Eine wesentliche Ursache der Fehlschläge waren die Trinkgelage zwischen CIA-Abwehrchef James Jesus Angleton und seinem britischen Amtskollegen Kim Philby gewesen, bei denen Anglelton Details streng geheimer Operationen ausplauderte – die Doppelagent Philby sofort an das KGB weitergab.

Die CIA, die über 400 Millionen $ ihres Etats von 587 Millionen $ in Wisners sinnlose und kontraproduktive Covert Actions zu investieren pflegte, war in der Sowjetunion absolut blind. Als die Sowjets bereits 1949 überraschend die erste Atombombe gezündet hatten, glaubte die CIA zunächst an einen Propagandatrick.

Zwar hatte die CIA keine Information darüber, ob der Gegner über eine oder über tausend Atombomben verfügte, wohl aber offerierte man dem Präsidenten die beruhigende Nachricht, den Sowjets stünden die zum Transport der tödlichen Fracht erforderlichen Raketensysteme erst 1969 zur Verfügung. Bereits 1957 sollte Sputnik die USA überfliegen.

Während sich Wisner vergeblich um fähige Agenten hinter dem „eisernen Vorhang“ bemühte, führte er nicht einen einzigen Agenten dort, wo die USA am meisten welche benötigt hätte.

Korea

Der Koreakrieg traf die CIA 1950 völlig unvorbereitet, weshalb CIA-Chef Hillenkoetter gegen Eisenhowers früheren Stabschef General Walter Bedell Smith ausgetauscht wurde. Wisner rekrutierte Tausende Koreaner und Chinesen, die nach ihrer Schnellausbildung als Geheimagenten über Nordkorea abgesetzt wurden. Nicht einer kehrte lebend zurück.

Walter Bedell Smith. Foto: moscow.usembassy.gov

Nachdem CIA-gesteuerte Koreaner versehentlich das Schiff des südkoreanischen Präsidenten beschossen, wies auch dieser die CIA umgehend außer Landes. Die Spionageagentur gab hinsichtlich eines möglichen Kriegseintritts Chinas dem Präsidenten Entwarnung. Dieser sah sich plötzlich mit einer überraschend aufgetauchten 300.000 Mann starken chinesischen Streitmacht konfrontiert.

Erfolglos bemühte man sich um amerikanische Agenten, die gewillt waren, über China abzuspringen. Man versuchte es schließlich mit Chinesen, die wie ihre in Osteuropa eingesetzten Kollegen ihren Einsatz mit dem Tod bezahlten. Wisners im Schnellverfahren ausgebildeten Geheimkrieger, die vom Militär als Amateure bewertet wurden, stifteten allerhand Schaden, aber keinerlei Nutzen. Wisners Versuch, in Korea ein Spionagenetz aufzubauen, wurde zu einem lukrativen Nebenerwerb für CIA-eigene Märchenerzähler vor Ort. Von den tatsächlich geworbenen koreanischen Informanten stellten sich praktisch alle als umgedrehte Doppelagenten heraus.

Selbst Bedell Smith war der Ansicht, die CIA solle operative Aufträge dem Militär überlassen und sich stattdessen auf den Nachrichtendienst konzentrieren – bei dem die CIA noch immer keine Ergebnisse vorzuweisen hatte. Doch Wisner hatte eine starke Lobby.

Special Plans

Lobbyist Allen Dulles, der die Außenpolitik im Council of Foreign Relations beeinflusste, stänkerte in Memoranden an den Präsidenten gegen die seiner Ansicht nach schwache Führung der CIA.

Aufgrund des Totalversagens in Korea wurde der Kritiker auf einen eigens geschaffenen Posten in die CIA berufen. Seine als „Special Plans“ deklarierte Abteilung kümmerte sich in Wirklichkeit um die Covert Actions. Zwischen dem Befehlsstrukturen favorisierenden General und dem doppelzüngigen Anwalt waren Spannungen vorprogrammiert.

Der clevere Anwalt wusste Misserfolge ungleich besser zu verkaufen. Dulles schwadronierte gegenüber Mitgliedern des Kongresses von „CIA-Guerillas“ in Korea. Später, als Erfolge ausblieben, seien diese Guerillas wohl in Schwierigkeiten geraten oder umgedreht worden. In Wirklichkeit hatte es nie welche gegeben.

Den Phantomarmeen lieferte die CIA Waffen im Wert von 152 Millionen $ und sandte Hunderte von weiteren Fallschirmagenten, die entweder umkamen oder in jahrelange Kriegsgefangenschaft gerieten. Eine schließlich von der CIA gesponserte Armee eines Li Mi hatte schließlich vom Krieg genug und setzte sich ins „goldene Dreieck“ ab, um ein Drogenimperium aufzubauen.

Glaubt man Dulles’ 2003 freigegeben Worten von 1953, so hatte er sich nichts vorzuwerfen und würde jederzeit wieder entsprechend handeln.

Organisation Gehlen

Genauso wenig wie die CIA-Guerillas in Korea, existierte auch das „Spionagenetz“ des deutschen Generals Reinhard Gehlen hinter dem „Eisernen Vorhang“. Gehlen hatte seit dem Krieg unter US-Patronat den offiziell nicht existierenden deutschen Auslandsgeheimdienst „Organisation Gehlen“ aufgebaut, in dem zahlreiche nationalsozialistisch belastete Deutsche eine Bleibe fahnden. Die „Org“ gewann ihre Information durch Befragung von Kriegsheimkehrern und heimliche Postöffnungen.

Wie Wisner hatte Gehlen zahlreiche nach Deutschland verschlagene Osteuropäer zum Aufbau eines Spionagenetzes gen Osten geschleust, die nicht zuletzt dank hochrangiger Doppelagenten wie Heinz Felfe ebenfalls ins Verderben marschiert waren.

Gehlen war ein begnadeter Verschwörungstheoretiker, der zeitlebens fest davon überzeugt gewesen war, dass es keine zehn Jahre bis zur sowjetischen Invasion dauere. Mangels brauchbarer Quellen im Osten sog sich Gehlen die von Dulles nachgefragten Märchen aus den Fingern, was dem Westen ein maßlos übertriebenes Bild der militärischen Leistungsfähigkeit der Sowjetunion beschied.

Auch in den folgenden Jahrzehnten sollten sich die Org und ihr Nachfolger, der Bundesnachrichtendienst, als zuverlässige Lieferanten für aufblasbare Desinformation bewähren.

Strahlende Propaganda

Die Öffentlichkeit zu täuschen war in den 50er Jahren keine große Kunst. Die Regierung verbog sogar die Naturgesetze: Der amerikanischen Öffentlichkeit ließ man etwa durch prominente Wissenschaftsjournalisten einreden, Atombomben hinterließen keine Strahlung und verbreitete in einer Kampagne Optimismus, einen Atomkrieg durch Suchen von Deckung zu überleben, was jedoch gleichzeitig die Hysterie vor einem sowjetischen Angriff schürte.

Bei Atombombentests in Nevada fuhren gutgläubige Familien an das Testgelände heran, um Blitz und Druckwelle beim Barbecue zu genießen. Wer die konzertiert in den Medien propagandierte Meinung infrage stellte, wurde als „links“ oder „soft on comunism“ angesehen. Letzteres war auch Dulles Standardvorwurf, wenn jemand die Notwendigkeit seiner Aktionen hinterfragte.

Aufgrund spektakulärer Spionagefälle herrschte in den USA eine Hysterie vor russischen Agenten. Obwohl nicht einmal die CIA irgendwelche Informationen über Stalins Absichten hatte, wussten gute Amerikaner jedoch, wie mit den Kommunisten zu verfahren sei.

CIA-Chef Walter Bedell Smith vermochte Wisner und Dulles nicht nur nicht zu kontrollieren, er wusste nicht einmal, was die Beiden in der Welt so alles taten. Er beauftragte schließlich einen General mit einer Untersuchung der hauseigenen Aktivitäten – und war von den Ergebnissen schockiert.

So betrieb die CIA in Japan, Deutschland (Oberursel) und am Panamakanal geheime Gefangenenlager und entwickelte menschenverachtende Verhörmethoden. Seit 1950 hatte die CIA bei der Suche nach Wahrheitsdrogen mit LSD an Kriegsgefangenen experimentiert.

Westeuropa

Seit 1952 rekrutierte Wisner in Westdeutschland frühere Angehörige der Hitler-Jugend für den Aufbau einer geheimen „stay behind“ Armee, die sich im Fall eines sowjetischen Angriffs überrollen lassen und hinter den Linien Sabotage und Widerstand hätte organisieren sollen.

Etliche versteckte Lager für Waffen im Partisanenkampf wurden angelegt. Die sich nach einer früheren Organisation benennenden „Jungdeutschen“ glaubten, von „überwinterten“ Nazis geführt zu werden, während in Wirklichkeit die CIA die Fäden zog.

Einige liefen aus dem Ruder, indem sie Listen mit zu ermordenden kommunistischen und sozialdemokratischen Politikern führten. Nachdem sie mit der Abarbeitung der Liste begonnen hatten, flogen ganze Netzwerke auf, was einen Skandal auslöste, der jedoch nicht mit der CIA in Verbindung gebracht werden konnte.

Die Existenz der Gladio genannten geheimen Einzelkämpfer-Organisation blieb dem Bundestag bis zu den 90er Jahren unbekannt, als in diversen anderen NATO-Staaten Gladio-Einheiten aufflogen.

Ostberlin

Wisner hatte in Ostberlin das „Komitee freier Juristen“ ausfindig gemacht, das Kritik an der kommunistischen Führung übte. Wisner versuchte, die Gruppe zu bewaffnen. Da die Stasi nicht schlief, waren die freien Juristen umgehend alles andere als frei.

Als es 1953 in Ostberlin zum Arbeiteraufstand kam, war die CIA hiervon völlig überrascht. Für Pläne, die Dissidenten zu bewaffnen, war es zu spät.

Polen

Als vielversprechend präsentierte sich die polnische Untergrund-Organisation WIN, die mit der CIA kooperierte und erstklassige Informationen lieferte – so glaubte Dulles wenigstens und lieferte Spezialgerät und finanzielle Mittel in Millionenhöhe.

Tatsächlich war WIN eine seit 1947 andauernde Täuschungsoperation des polnischen Geheimdienstes, der auf diese Weise seine Gegner von Anfang an kontrollierte. Die Aktion wurde auf ihrem Höhepunkt in den polnischen Medien propagandistisch enthüllt.

Zu allem Überfluss hatte „WIN“ die Gelder der CIA an die italienischen Kommunisten weitergeleitet: Die CIA hatte den ideologischen Feind finanziert!

Stalin

Dulles, der bereits Hitler hatte liquidieren wollen, hatte auch auf Stalin ein Attentat geplant. Der sowjetische Diktator hätte bei einem Besuch in Paris erschossen werden sollen.

CIA-Chef Bedell Smith lehnte den Staatsmord ebenso ab wie Dulles Plan, die chinesische Regierung durch einen Flugzeugabschuss zu beseitigen.

Regierung Eisenhower

Bedell Smith gelang es nie, Wisner und Dulles unter Kontrolle zu bringen. Als Eisenhower 1953 die Präsidentschaftswahlen gewann, machte er seinen wichtigsten außenpolitischen Berater John Foster Dulles zum Außenminister, während Allen Dulles gegen vehementen Protest von Bedell Smith dessen Posten übernahm.

Mitbewerber Donovan kam nicht zum Zuge. Dessen zunehmend wunderliche Art wurde später als Geisteskrankheit erkannt, die zu Wahnvorstellungen über in New York einfallende Kommunisten führte.

CIA-Chef

Dulles Amtsantritt wurde vom Drama um seinen einzigen Sohn Allen Macy Dulles überschattet. Dieser hatte sich bislang vergeblich bei seinem Vater um Anerkennung bemüht und diese nun durch seinen freiwilligen Einsatz in Korea gesucht.

Der Spionagechef selbst hatte nie eine Uniform getragen oder wirklich sein Leben für sein Land riskiert. Sein Sohn erlitt in Korea eine schwere Kopfverwundung und bestritt seine restlichen Tage als apathischer Krüppel.

Während der spröde John Foster selbst bei seinen eigenen Mitarbeitern unbeliebt war, verstand es Allen mit seinem Charme, Kongressmitglieder und Ausschüsse zu manipulieren. Dulles verschaffte der CIA durch intensive Kontaktpflege mit prominenten Journalisten ein positives Image, obwohl nahezu keine Spionageerfolge vorzuweisen waren.

Die zahlreichen Desaster blieben praktischerweise Staatsgeheimnisse. Ebenso wie in den USA zementierte Dulles auch in Westdeutschland den Einfluss der CIA in den Medien. Als verlässlicher Partner wurde insbesondere der Verleger Axel Springer gerühmt. Für einen direkten Draht nach Deutschland sorgte Schwester Eleonor Dulles, die als „Mother of Berlin“ berühmt wurde.

Der junge Verleger, der wenig später die Bild-Zeitung erfinden sollte: Axel Springer Ende der 40er Jahre. Foto: dpa

Die Dulles-Brüder tauschten jede Nacht ihre Erkenntnisse aus und stimmten sich ab. Allen betrachtete sich als Werkzeug seines stets tonangebenden großen Bruders, des fanatischen Antikommunisten und Architekten des Kalten Kriegs – der fortan gelegentlich heiß werden sollte.

Da die CIA im Korakrieg noch immer keine Erfolge vorzuweisen hatte, war Dulles nun jedes Mittel hierzu recht. Entgegen den strengen US-Postgesetzten ließ er im New Yorker Flughafen die Briefe kontrollieren. Die benötigten Räume waren so eingerichtet, dass diese bei Auffliegen binnen Stunden ohne Spuren verlassen werden konnten.

MK Ultra

Sogar Hellseher ließ der Pastorensohn testen. Um Kriegsgefangene und potentielle Doppelagenten auf ihre Ehrlichkeit zu überprüfen, beauftragte Dulles den Militärchemiker Sidney Gottlieb mit der Perfektionierung von Wahrheitsdrogen, mit denen er bereits seit Kriegsende Menschenversuche an Kriegsgefangenen durchgeführt hatte.

Dulles wollte jedoch auch wissen, ob durch chemische, psychische und physische Manipulation Gehirnwäsche möglich sei. Der damals populäre Science Fiction-Roman „The Manchurian Candidate“, in welchem die Kommunisten Menschen ohne ihr Wissen zu Attentätern ausbildeten, die auf ein bestimmtes Codewort ihre programmierten Mordaufträge ausführten, inspirierte Dulles zu entsprechenden Forschungsaufträgen.

Im Rahmen dieses MK Ultra genannten Programms heuerte Dulles den damals prominentesten US-Zauberkünstler John Mulholland an, der Methoden entwickelte, wie CIA-Agenten ihren Gegner unauffällige Wahrheits-, Betäubungs- oder Morddrogen verabreichen könnten.

Dulles kannte wenig Skrupel: Die Drogen wurden nicht nur an Tieren und Kriegsgefangenen getestet, sondern auch an Amerikanern, denen etwa in einem inszenierten Bordell versetzte Drinks verabreicht wurden.

Das Programm wurde vom mysteriösen Tod des Militärbiologen Frank Olson überschattet, bei dem ein Taschentuch mit Mulhollands Initialen gefunden wurde.

MK Ultra wurde so geheim gehalten, dass weder der Präsident, noch Dulles Amtsnachfolger McCone später hierüber aufgeklärt wurden. Auch Zauberkünstler Mulholland nahm sein Geheimnis mit ins Grab.

Iran

Im Iran hatte der gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh die anglo-britische Erdölgesellschaft verstaatlicht, die einseitig von den iranischen Bodenschätzen profitierte.

Mohammad Mossadegh. Foto: Wikimedia Commons

Als der britische Geheimdienst bei den Vorbereitungen eines Putsches durch General Zahedi aufgefallen war, bat Churchill die finanziell besser ausgestattete CIA um Hilfe, die er unter Verweis auf den britischen Beitrag im Koreakrieg einforderte.

Als Allen Dulles dem National Security Council den geplanten CIA-gesteuerten Putsch im Iran schmackhaft machen wollte, tischte er Geschichten über einen bevorstehenden kommunistischen Umsturz auf. Würde der Iran kommunistisch werden, fiele ein Staat nach dem anderen wie umfallende Dominosteine dem Kommunismus anheim. Die iranischen Ölfelder dürften keinesfalls in die Hände der Sowjetunion geraten.

In Wirklichkeit war Mossadegh Nationalist. Im Gegenteil hatte er die kommunistische Partei verbieten lassen, zuvor sogar selbst kommunistische Truppen vertrieben. Wohl um mit den USA zu pokern hatte er Verhandlungen mit dem sowjetischen Botschafter begonnen, was Dulles zur Untermauerung seiner Verschwörungstheorie benutzte.

Truman glaubte kein Wort und hoffte, Mossadegh durch Geld gefügig machen zu können. Dennoch wurde General Zahedi unterstützt. Kermit Roosevelt, Enkel des Ex-Präsidenten und seit Jahren CIA-Mann vor Ort, organisierte schließlich gemeinsam mit den Briten in der Operation Ajax terroristische Anschläge u.a. auf islamische Geistliche, die Mossadegh untergeschoben wurden.

Als Zahedi mit seinem Putsch losschlagen wollte, war der Plan bereits aufgeflogen und wurde im Rundfunk verkündet. Zudem stellte sich heraus, dass Zahedi nicht einen einzigen Soldaten unter sein Kommando gebracht hatte. Während sich Zahedi in einem CIA-Haus versteckt hielt, übernahm nun die CIA den Aufbau der Revolutionsarmee. In Flugblättern verleumdete man Mossadegh sowohl als Kommunisten als auch als Juden.

Die CIA bestach schließlich eine Vielzahl an politisch desinteressierten Iranern, die Mossadegh eine Revolte initiierten, die in einen Putsch mündete, der dreihundert Menschen das Leben kostete.

Während des Staatsstreichs hielt sich Dulles in einem Hotel in Rom auf – gemeinsam mit Shah Reza Pahlavi, der seinerzeit aufgrund von Wahlbetrug iranischer Staatschef gewesen und 1949 als Mandant von Sullivan & Cromwell von Dulles in die amerikanische Gesellschaft eingeführt worden war.

Pahlavi empfahl sich als künftiger Diktator. CIA-Mann Kermit Roosevelt war noch an einer Reihe ähnlicher Operationen beteiligt, bevor er in die Ölindustrie wechselte.

Guatemala

Ebenso wie im Iran war an Dulles bevorzugtem Urlaubsort ein ihm nicht genehmer Staatschef gewählt worden. Die Landwirtschaft Guatemalas wie die weiterer Länder der Region war bislang praktisch vollständig von der United Fruit Company (UFCO)kontrolliert worden, welche den Bauern ihr Land abgepresst und einseitig profitierten hatte, sich für die lokale Infrastruktur Guatemalas jedoch nicht verantwortlich fühlte.

Im Rahmen einer Bodenreform enteignete Präsident Jacobo Arbenz Guzmán die US-Firma und bot die Rückzahlung des einstigen Kaufpreises an. Die United Fruit Company, zu deren Aktionären etwa der Mafioso Meyer Lansky gehörte, wurde von Sullivan & Cromwell vertreten.

Der zum Kanzleichef aufgestiegene John Foster Dulles, selbst Aktionär der UFCO, sowie sein im Verwaltungsrat der UFCO sitzender Bruder, zugleich amtierender CIA-Chef, wollten sich derartiges nicht bieten lassen.

Zu den ersten Plänen gehörte Allen Dulles Vorschlag, den Kaffeeexport durch lancierte Gerüchte über einen Pilzbefall zu sabotieren.

Die CIA ließ den PR-Spezialisten Edward BernaysArbenz zum Kommunisten stilisieren:: und bildete „Revolutionskräfte“ aus, die nach Guatemala geschmuggelt wurden. Zur psychologischen Kriegsführung benutzte die CIA sowohl die einflussreiche katholische Kirche als auch Gangster und bestach hohe Militärs.

Die CIA lancierte 1954 Falschmeldungen über einen Währungsverfall, der zu Panikkäufen führen sollte und vermeldete schließlich die angebliche Kapitulation der Streitkräfte. Ein Millionär stellte der CIA Flugzeuge zur Verfügung, die mit Guatemalas Hoheitszeichen maskiert worden waren. Hiermit sollte eine übergelaufene Luftwaffe simuliert werden.

Stimmenimitatoren täuschten falsche Radionachrichten vor, die unter der Bevölkerung Panik auslösen sollten. Die irregeführten Soldaten ergriffen die Flucht – so jedenfalls stellte die CIA ihren coup d’etat dar, der zum Mythos wurde. Sogar Eisenhower gegenüber tischte Dulles das Märchen auf, der Putschist Castillo Armas hätte nur einen einzigen Mann verloren – tatsächlich waren es 43.

Der Erfolg der Mission beruhte nicht wirklich auf den gerühmten Täuschungsmanövern, sondern in erster Linie auf militärischer Gewalt und ein Quentchen Glück. „What we wanted to do was a terror campaign“ kommentierte CIA-Mann Howard Hunt.

Dulles nutzte die Gunst der Stunde, um das noch immer schwache Spionageressort der CIA aufzuwerten, und lancierte ein Märchen, das wieder mal ein Schiff betraf: Ein polnischer Agent hätte die CIA von dem schwedischen Frachter „Alfhem“ berichtet, der aus der Tschechoslowakei eine Ladung Waffen nach Guatemala exportiert hatte, die zur ultimativen Bedrohung hochstilisiert wurde.

Das Schiff habe während seiner Reise ab Europa unter CIA-Beobachtung gestanden. Entgegen der Darstellung vieler Geschichtsbücher erfuhren die USA in Wirklichkeit erst von dem Schiff, als es die Fracht bereits in Puerto Barrios gelöscht hatte. Dulles instruierte seine Mitarbeiter, zur Wahrung des Ansehens der CIA nachhaltig den eigenen Präsidenten zu belügen.

McCarthy vs. Dulles

Obwohl die CIA von der allgemeinen Hysterie vor den Kommunisten vital profitierte, wurde ausgerechnet der Verschwörungstheoretiker und Schweralkoholiker Senator Joseph McCarthy für die CIA zu einer ernsthaften Bedrohung: Frustrierte CIA-Leute hatten ihren Dienst quittiert und McCarthy über die Missstände informiert.

Der Senator forderte, die CIA nicht von der parlamentarischer Kontrolle auszunehmen und beschuldigte sie, kommunistisch unterwandert zu sein. Im Gegensatz zu den vielen Verleumdungen auf McCarthys berühmter Liste traf diese Anschuldigung tatsächlich zu, so etwa bei den zahlreichen im Ausland rekrutierten Doppelagenten.

Dulles, der nichts so sehr befürchtete wie Untersuchungen seiner illegalen Aktivitäten, sabotierte das Verhören seiner Leute, ließ „Joe“ in Gesellschaft wissen, dieser werde seine Leute nicht befragen und verwanzte McCarthys Büro. 2004 freigegeben Dokumenten zufolge spielte Dulles McCarthy Kuckuckseier zu und lancierte eine verdeckte Schmutzkampagne.

Schließlich intrigierte er erfolgreich bei Vizepräsident Nixon. Dulles hatte die Unantastbarkeit der nun niemandem Rechenschaft schuldigen CIA durchgesetzt, was selbst ihm wohl gesonnene Journalisten deutlich kritisierten. Es sollte zwei Jahrzehnte dauern, bis es zu effizienten parlamentarischen Untersuchungsausschüssen kam – nach Dulles Tod.

Chruschtschows Geheimrede

Als Stalin 1953 eines offenbar natürlichen Todes starb, hatte Dulles mangels Agenten im Osten nicht die geringste Ahnung, wer nun mit welcher Agenda in Moskau die Macht übernehmen würde.

Nachdem schließlich der neue Parteichef Nikita Chruschtschow im Kreml eine geheime Rede gehalten hatte, in welcher er den Stalinismus verurteilte, setzte Dulles alles daran, den Text zu bekommen.

Richard Nixon und Nikita Chruschtschow. Foto: archives.gov

Da die Russen im Spionagegeschäft zwei Jahrhunderte voraus waren, fehlten noch immer CIA-Quellen. Der ungleich besser vernetzten israelischen Geheimdienst half aus. Dulles lancierte die Rede in der Presse, welche den Text vor deren Freigabe durch den Kreml druckte. Zum Erstaunen von Dulles dementierte der Kreml die Rede nicht, rügte aber Ungenauigkeiten.

Dulles lancierte daraufhin gefälschte Versionen der Rede, welche Chruschtschow unglaubwürdig machen sollten. Nichts konnte der CIA schlimmeres passieren, als ihr Feindbild zu verlieren.

Die von Dulles zur Unzeit veröffentlichte Rede hatte den für die CIA unerwarteten Effekt, dass sich Dissidenten etwa in Polen zu Unruhen ermuntert sahen, die von Anfang an keine Chance hatten und blutig beendet wurden.

Chruschtschow betrachtete Dulles langfristig als seinen direkten Gegenspieler und schlug ihm einmal lakonisch vor, man könne sich doch die Spione teilen, dann müsse man sie nur einmal bezahlen.

Out of Control

Der Air Force Colonel Jim Kellys, Gründungsmitglied der CIA, sandte an Eisenhower einen Bericht über die Zustände in der CIA. So hatte Kellys herausgefunden, dass ein 1948 angeblich von Kommunisten ermordeter CBS-Reporter tatsächlich von rechtsgerichteten Kräften aus dem CIA-Umfeld umgebracht worden war.

Nachdem Kellis Eisenhower u.a. vom ganzen Ausmaß des Debakels mit WIN unterrichtet hatte, ließ der Präsident einen General eine Untersuchung durchführen. Viele CIA-Stationschefs hielten Dulles antikommunistischen Feldzug für zu emotional und beklagten die Verhältnisse in der nahezu unkontrollierten Organisation.

Dulles gelang es, den vernichtenden Report geheim zu halten, sogar vor Wisner. Parlamentarische Untersuchungskommissionen schüchterte er stets mit „Let’s not have another Pearl Harbour“ ein – obwohl sein Spionageapparat in Moskau nicht einen einzigen wertvollen Agenten hatte, der nicht sofort aufgeflogen war.

Eisenhower selbst sandte drei Vertrauensleute, welche die CIA gründlich untersuchen sollten. Da Dulles nach dem „need to know“ Prinzip verfuhr, vermochte er die verdeckten Operationen weitgehend geheim zu halten.

Doppelter Boden

Dulles benötigte dringend Erfolge und setzte nun zunehmend auf technische Aufklärung. Bereits seit 1949 hatten die Briten in Wien unter der russischen Botschaft einen geheimen Tunnel gegraben („Operation Silver“), um die Telefonleitungen anzuzapfen. Die westlichen Geheimdienste waren von den gewonnenen Erkenntnissen ebenso beeindruckt wie das KGB, dem der Doppelagent George Blake dieselben umgehend geliefert hatte.

In Berlin wollte man einen ähnlichen Coup landen, in dem man gemeinsam mit den Amerikanern einen Tunnel unter einen im Ostsektor befindlichen Telefonknotenpunkt grub. Diese von Dulles genehmigte und von dem Alkoholiker William K. Harvey durchgeführte „Operation Gold“ beanspruchte ein Höchstmaß an Tarnung, um die Bauarbeiten zu kaschieren.

Die zahlreichen Auswerter eingerechnet, beschäftigte das Projekt 350 Mitarbeiter. Aufgrund des von der Abhörelektronik erwärmten Bodens hätte der über dem Tunnel geschmolzene Schnee beinahe die Aktion enttarnt. Dies wäre jedoch nicht erforderlich gewesen, denn auch diesen Tunnel hatte Blake vor dem ersten Spatenstich verraten.

Im Rahmen einer perfekt inszenierten Propaganda-Kampagne wurde der Tunnel nach 11 Monaten 1956 schließlich „zufällig bei Wartungsarbeiten gefunden“ und zeitlich geschickt von Chruschtschow der Weltöffentlichkeit präsentiert, wobei der Desinformationsexperte aus taktischen Gründen die britische Beteiligung verschwieg und einzig der CIA diesen klaren Bruch Völkerrechts anlastete. (Das Tunnelbauen konnten die Amerikaner auch Jahrzehnte später nicht lassen.)

Darüber, warum das KGB die Abhöraktion so lange gewähren ließ und dabei den Verlust wertvoller Geheimnisse in Kauf nahm, ist viel spekuliert worden. Während oft vermutet wurde, das KGB habe die CIA mit Desinformation gefüttert und aufgrund der Vielzahl an Informationen die Auswertung blockiert, vertreten manche Historiker die Auffassung, man habe den antikommunistischen Verschwörungstheoretikern auf dieses Weise ein realistisches Bild der Sowjetunion aus erster Hand angeboten.

Die CIA fand nicht den geringsten Hinweis auf einen sowjetischen Angriffskrieg. Dies hinderte Dulles jedoch nicht, weiterhin deren Kampfkraft und Angriffslustigkeit maßlos zu übertreiben. Von der Furcht vor dem Fulda Gap profitierte vor allem die Rüstungsindustrie.

U2

Unter größter Geheimhaltung, insbesondere innerhalb der CIA, ließ Dulles zeitgleich zur Tunnelmission allerhand Fluggeräte für die Luftspionage über der Sowjetunion konstruieren. Bereits seit Kriegsende hatten die USA völkerrechtswidrig systematisch sowjetischen Luftraum überflogen.

Schließlich wurde ein Höhenaufklärer namens U2 realisiert, der für die damalige sowjetische Luftabwehr unerreichbar war. In die Existenz der U2 waren im Weißen Haus nur sechs Personen eingeweiht worden.

Die USA bestritten die Überflüge und taten sowjetische Beschwerden als Feindpropaganda ab. Chruschtschow bot den USA spöttisch an, ihnen soviel Luftbilder wie sie wollten zur Verfügung zu stellen. Ebenso wie der Spionagetunnel brachte die Luftauswertung keine Erkenntnisse über einen drohenden Angriffskrieg.

Im Gegenteil hatten die Russen als Kriegsbeute Schienenstränge aus Ostdeutschland herausgerissen und nach Sibirien verfrachtet. Im Falle einer Invasion hätten der schienenbasierten Roten Armee erforderliche Versorgungslinien gefehlt.

Japan

Kishi Nobusuke (1956)

Glück beim Nation-Building widerfuhr der CIA in Japan. Dort gelang es, den japanischen Politiker Kishi Nobusuke aufzubauen. Ausgerechnet der Mann, der die Kriegserklärung an die USA unterzeichnet und wegen Kriegsverbrechen inhaftiert gewesen war, wurde der erfolgreichste japanische CIA-Agent: Kishi bekleidete Ende der 50er Jahre zweimal das Amt des Regierungschefs. Bis 1970 finanzierte die CIA die japanische Regierungspartei.

Ungarn

Als es 1956 in Ungarn zu Unruhen kam, trat Dulles’ Radio Free Europe RFE auf den Plan. Wie erst etliche Jahrzehnte später freigegebene Protokolle beweisen, ermutigte RFE die Aufständischen vor und während der Revolte und verbreitete, der Aufstand werde von 80% der Bevölkerung getragen.

RFE erklärte die Handhabung von Molotow-Cocktails und versprach Waffen sowie militärischen Beistand. Tatsächlich aber hatten die USA nicht die Absicht, einzugreifen. Moskau fügte sich in das von den Dulles-Brüdern gezeichnete Bild des machtgierigen Aggressors und beendeten den Aufstand mit Panzern. Das Vertrauen der Ungarn in die CIA-Propaganda kostete über 3.000 Menschen das Leben.

In 75 Tage um die Welt

1956 unternahm Dulles mit seiner Frau eine ausgedehnte Weltreise, die als „bekannteste Geheimmission“ CIA-Geschichte schrieb. Mit einem CIA-Flieger besuchte er allerhand Länder, wo der mächtige Mann wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde.

Waren normale Spione im Allgemeinen eher für Diskretion bekannt, so liebte der verhinderte Außenminister Allen Dulles seine Präsenz in den Medien. Statt die CIA-Zentrale zu tarnen setzte Dulles gegen interne Widerstände sogar Hinweisschilder durch. Seine CIA sollte Glanz und patriotischen Stolz versprühen.

Ägypten

Der zunächst kooperative Nasser hatte in Ägypten CIA-Bestechungsgelder u.a. in den Bau eines Minaretts investiert, das er gegenüber dem Nil Hilton platzierte. Nachdem Nasser den Suezkanal verstaatlicht hatte, stellte sich der britische Geheimdienst eine Lizenz zum Töten Nassers aus.

Dulles wollte Nassers Zigaretten vergiften. Eisenhower hingegen favorisierte eine langfristige Kampagne gegen Nasser, zumal dieser mit der Sowjetunion sprach. Ohne das geringste von der CIA vernommene Anzeichen griff eine britisch-französisch-israelische Allianz Ägypten an. Nicht einmal über die Pläne befreundeter Nationen vermochte Spionageromantiker Dulles seinen verdutzten Präsidenten zu informieren.

Syrien

In Syrien hatte die CIA 1949 einen Staatschef eingesetzt, dessen sich die Ba’th-Partei und die kommunistischen Partei vier Jahre später entledigten. 2003 bekannt gewordene Dokumente des damaligen britischen Verteidigungsministers belegen detailliert, wie die CIA und das britische SIS 1957 versuchten, Syrien als „Sponsor von Terrorismus“ zu diskreditieren, indem sie „national conspiracies“ und „strong armed activities“ in Jordanien, Libanon und Irak verübten, die einer syrischen Moslemischen Bruderschaft angelastet werden sollten.

Der Anschein von Instabilität sollte die Stabilität schwächen. Ein als Diplomat akkreditierter CIA-Mann versuchte, syrische Offiziere zu kaufen. Der auf der Todesliste stehende syrische Geheimdienstchef war der CIA jedoch einen Schritt voraus. Die Offiziere nahmen das Geld freundlich an und präsentierten den Anwerbeversuch im Fernsehen.

Irak

Auch beim irakischen Staatschef Abd al-Karim Qasim, der 1958 gegen das pro-britische irakische Königshaus geputscht hatte, konnte Dulles nicht ausschließen, dass dieser eines Tages dem Kommunismus huldigen würde. Um ihm diese Versuchung zu ersparen, versuchte er erfolglos, Qasim ein mit Sporen verseuchtes Taschentuch aus der MK Ultra-Giftküche zuzuspielen.

Schließlich vergab die CIA den Mordauftrag an externe Fachleute der Ba’th-Partei, die das Vorhaben nach mehreren Anläufen jedoch erst 1963 auszuführen vermochten. Einer der 1958 geworbenen CIA-Mordagenten sollte es 1979 zum Staatschef bringen, bis ihm die USA seine Position 2003 wieder entrissen.

Indonesien

Selbst Vizepräsident Nixon hatte gegenüber der CIA konstatiert, dass der indonesische Präsident Sukarno kein Kommunist war – genauso wenig wie Mossadegh oder Abenz. Da Sukarno jedoch gegenüber Moskau und Washington gleichermaßen Neutralität wahren wollte und Indonesien über beachtliche Erdölvorkommen verfügte, erkannte Dulles eine nicht zu tolerable Anfälligkeit für Kommunismus.

Im örtlichen Leiter der CIA-Station, einem Kolonialisten und Alkoholiker, fand Dulles wieder einen geeigneten Verschwörungstheoretiker, der die gewünschten Einschätzungen lieferte. Hinzu kam, dass sich die blockfreien Staaten 1955 in einer Konferenz anschickten, miteinander zu kooperieren.

Dem National Security Council, der derartigen „Kommunismus“ nicht dulden konnte, gab Dulles in 2003 veröffentlichten Dokumenten eine Card Blanche. Obwohl die CIA Sukarnos politischen Gegner finanzierte, gewann Sukarno die folgende Wahl haushoch, während etwa die indonesischen Kommunisten nur geringe Erfolge erzielten.

Obwohl der US-Botschafter die CIA darüber informierte, dass das indonesische Militär loyal hinter Sukarno stand, beschlossen die Dulles-Brüder, die „kommunistische Bedrohung“ durch den Aufbau einer „Revolutionsarmee“ zu beenden.

Obwohl die Pläne an die Öffentlichkeit gelangt waren, schmuggelte die CIA 1958 Waffen ein. Sukarnos antikommunistisch eingestellten Offiziere, die zuvor selbst in den USA ausgebildet worden waren und sich als „Söhne Eisenhowers“ bezeichnet hatten, entdeckten und bombardierten Eisenhowers CIA-Armee. Ein „Sohn Eisenhowers“ erhielt sogar von einem nicht über den Geheimkrieg informierten US-Major auf Anfrage benötigte Landkarten.

Da die „Rebellen“ dringend militärische Unterstützung benötigten, die Operation von den USA jedoch plausibel abzuleugnen sein musste, sandte Dulles polnische Bomberpiloten, die seit den Albanienmissionen für die CIA flogen. Durch die dann tatsächlich abgeschossenen Piloten wurden die USA auf diese Weise nicht kompromittiert.

Entgegen Eisenhowers ausdrücklichem Befehl setzte Dulles dennoch einige US-Kampfpiloten ein, die die Schiffe versenkten. Der amerikanische Pilot Al Pope wurde abgeschossen und stand inklusive seiner geborgenen Einsatzpläne als lebender Zeuge für die Machenschaften der USA zur Verfügung. (Als sich der spätere Diktator Sukarno der Sowjetunion annäherte, sollte die CIA 1967 eine zweite Chance bekommen.)

Dulles hatte seinen Chef erneut gründlich blamiert. Ein ähnlich peinlicher Absturz sollte sich bald wiederholen – unter ungleich delikateren Bedingungen. Trotz Kritik konnte Dulles sich und die Zuständigkeit für verdeckte Aktionen halten. Der inzwischen depressiv gewordene Wisner wurde gegen den Leiter des U2-Programms, Richard Bissell, ausgetauscht.

Als Außenminister John Foster Dulles 1959 verstarb, schmälerte dies den politischen Einfluss des kleineren Bruders empfindlich. Dieser adaptierte die Rolle des harten Antikommunisten nun erst recht.

Kongo

Auch im Kongo hatte 1960 ein Politiker geglaubt, ein an Bodenschätzen reiches Land ohne den Bündnispartner USA selbstbestimmt regieren zu dürfen. Patrice Lumumba, der sich ebenfalls nie als Kommunist gesehen hatte, schickte sich an, ein afrikanischer Fidel Castro zu werden, zumal er mit Moskau sprach.

Selbst nach einem Staatsstreich unter CIA-Protektion schien der Gestürzte noch mächtig zu sein. Um sicher zu gehen, dass Lumumba nicht dem Kommunismus anheim fiel, schlug Pastorensohn Dulles dem Präsidenten und dem inzwischen eingerichteten Watchdog-Komitee die Liquidierung vor, welche verklausuliert akzeptiert wurde.

Dulles wies seinen Giftmischer Sydney Gottlieb aus dem MK Ultra-Programm an, Lumumbas Ermordung vorzubereiten. Der Name der Operation „Wizard“ (Zauberer) schien auf Mulholland anzuspielen.

Die CIA versuchte erfolglos, diverse mit Kontaktgiften kontaminierte Gegenstände wie Zahncreme, Frühstück, Kondome usw. zu lancieren. Die Tricks erwiesen sich nicht als praxistauglich. Lumumba wurde schließlich von seinen politischen Gegnern im Beisein von CIA-Leuten ermordet und die Leiche in Säure aufgelöst.

Dominikanische Republik

Der US-freundliche Diktator Rafael Trujillo hatte sich zwar als zuverlässiger CIA-Partner erwiesen, war jedoch wegen massiver Menschenrechtsverstöße und einem Attentat auf den venezolanischen Präsidenten nicht mehr tragbar gewesen. Bevor jemand anderes auf die Idee eines Putsches kommen konnte, besorgte dies die CIA.

Daraufhin wurden Waffen zunächst an die US-Botschaft geliefert. Einige hatten jedoch Bedenken, wie die Reaktion bei Bekannt werden amerikanischer Beteiligung ausfallen würde. Bis heute ist unklar, mit wessen Gewehren Trujillo zwei Wochen später sein Ende fand.

Sowjetunion

Nach Annäherung mit Chruschtschow in Camp David wollte Eisenhower das Klima vor dem bevorstehenden Pariser Friedensgipfel nicht durch weitere Flüge der U2 gefährden. Der Leiter des Programms, Richard Bissell, wollte zunächst auf ausländische Spionagepiloten zurückgreifen.

Schließlich ignorierte er einfach das Ansinnen und ließ ohne Wissen von Dulles die U2 sogar Moskau überfliegen. Für den Fall eines Absturzes über Feindgebiet hatten die U2-Piloten den Befehl, sich selbst zu töten. Als Cover-Story sollte die U2 als wissenschaftliches Forschungsflugzeug der NASA ausgegeben werden.

Als 1960 eine U2 vermisst wurde, versicherte Dulles dem Präsidenten, der Pilot könne aus dieser Höhe einen Absturz unmöglich überlebt haben. Eisenhower reiste Tage später zum Friedensgipfel nach Paris, wo er das angebliche Spionageflugzeug ableugnete.

Die Blamage war perfekt, als der abgeschossene Pilot Gary Powers lebend nebst geborgenen Einsatzplänen präsentiert wurde. Chruschtschow ließ den Gipfel platzen.

Militärisch-Industrieller Komplex

Die Erkenntnisse von Dulles Spionageagentur über die Sowjetunion hielten sich in überschaubaren Grenzen. So schätzte die CIA 1960 die Anzahl der auf die USA gerichteten sowjetischen Atomraketen auf 500 Stück. Tatsächlich waren es vier.

Im Januar 1961 hielt jemand im amerikanischen Fernsehen eine merkwürdige Rede. Er warnte die Nation vor einem militärisch-industriellen Komplex und einem unheilvollen Anwachsen unbefugter Macht, welche die demokratischen Prozesse gefährde.

Der Redner war nicht etwa ein kommunistischer Verschwörungstheoretiker – er war der scheidende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Teil 4: Von Kuba über Kennedy bis Vietnam

Related Article

Wer profitiert vom Bild des „Bösen Russen“ – Woher stammt das Bild eigentlich

Politik verstehen – Historische Zusammenhänge erkennen Teil 2 Allen Dulles


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 2/4)


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 2/4)

Der ehemalige Diplomat und Wallstreet-Anwalt Allen Dulles versuchte sich während des Zweiten Weltkriegs persönlich als Geheimagent im neutralen Bern. Von dort knüpfte der Europakenner Kontakte zum deutschen Widerstand und rekrutierte Agenten. Nach dem Krieg beriet er die Regierung beim Aufbau eines neuen Geheimdienstes.

Teil 1: Über einen Täuschungskünstler, der die Welt zu seiner Bühne machte

Zu Beginn seiner Arbeit sammelte das OSS alles, was an Informationen über Deutschland zu erhalten war und befragte hierzu Emigranten, Seeleute und sonstige Reisende. Man legte einen Fundus an deutschen Kleidungsstücken an, damit sich Agenten nicht etwa durch einen auf amerikanische Weise angenähten Knopf verrieten. Auch Dulles beteiligte sich monatelang unter größter Geheimhaltung auch seiner Familie gegenüber am Aufbau der Organisation. Schließlich wurde entschieden, in der neutralen Schweiz eine Anlaufstelle des OSS für Informanten zu eröffnen. Aufgrund seiner europäischen Kontakte und seiner Sachkenntnis kam für die Leitung kaum jemand anderes als Dulles infrage.

Bern

Als offenbar letzter Amerikaner reiste Dulles legal in die Schweiz ein, wobei er das besetzte Vichy-Frankreich durchqueren musste. Dulles Anwesenheit und Funktion waren vor Ort ein offenes Geheimnis, was sich als nützlich für Informanten erwies, welche nach einem Ansprechpartner suchten. Um Überläufern sympathischer zu wirken kleidete sich Dulles ortsüblich und schlichter ein, als es dem Status eines Wallstreet-Anwalts gebührt hätte. Da allerhand Deutsche aus unterschiedlichen Gründen die Schweiz bereisten, brauchte sich Dulles – Codename „110“ – nicht ins Feindesland zu bewegen. Die Gestapo rechnete nicht damit, dass ein hochrangiger Geheimdienstler eine Reise nach Europa riskieren würde und vermutete Wirtschaftsspionage als Grund für Dulles Anwesenheit. Tatsächlich dürfte Dulles am Finanzplatz Schweiz auch diskrete Angelegenheiten für Sullivan & Cromwell-Kunden geregelt haben. Selbst nach Kriegseintritt belieferten amerikanische Sullivan & Cromwell-Mandanten wie Standard Oil Deutschland mit kriegswichtigen Gütern, was einigen später Anklagen wegen Verrats einbrachte, etwa 1942 Dulles Freund Prescott Bush. Die Geschäfte waren so pikant, dass Dulles dem späteren Abwehrchef der CIA James Jesus Angleton zur Auflage machte, ihn und viele seiner Geschäftspartner niemals über diese Angelegenheiten zu verhören.

Prescott Bush. Foto: U.S. Congress

In Bern ging Dulles ein Verhältnis mit der lebenslustigen Mary Anne Bancroft ein, die zum Freundeskreis Psychologen C.G. Jung gehörte. Jung („Agent 488“) wurde ein wichtiger Ratgeber und machte 1945 etwa Eisenhower zugeleitete Vorschläge, wie die Deutschen psychologisch von der Zwecklosigkeit des Widerstandes gegen die Alliierten bewegt werden könnten. Bancroft führte Dulles in die Berner Gesellschaft ein und klärte den puritanischen Pastorensohn über die Natur seiner ersten Informanten auf: Der erste Agentenring, zu dem der konservative Dulles Kontakte geknüpft hatte, bestand aus einem Netzwerk homosexueller Männer der europäischen Oberschicht, die an konspiratives Verhalten gewohnt waren.

Die weitreichenden Kontakte der Sullivan & Cromwell-Familie ermöglichten Dulles Zugang sowohl zu Mitgliedern der Vichy-Regierung als auch zum gaullistischen Widerstand. Kontakte zu den französischen Kommunisten im Untergrund, die mit ihm selbst kaum gesprochen hätten, verschaffte er sich durch einen vorgeschobenen Mittelsmann. Bezüglich der deutschen Hitler-Gegner erwies sich der gut vernetzte Geschäftsmann Gero von Schulze-Gaevernitz als hilfreich, der in Bern als Dulles rechte Hand fungierte.

Dulles Spionagetätigkeit in Bern war an sich illegal, wurde aber von den Behörden nicht beanstandet, weil diese insoweit den Überblick wahren konnten. Wenn der Amerikaner allerdings in einer Sprache telefonierte, welche die Schweizer nicht verstanden, brach schon einmal die Leitung zusammen.

Eduard Schulte

Einer der ersten wichtigen Sullivan & Cromwell-Kontakte war der deutsche Industrielle Eduard Schulte, seinerzeit Wehrwirtschaftsführer, der u.a. von einem Besuch Himmlers in einem Lager in Auschwitz berichtete. Nunmehr bestand Gewissheit, dass die Nazis ihren Vernichtungswillen gegen die Juden, der bislang von vielen als propagandistisches Gerede abgetan worden war, tatsächlich in industriellem Stil in die Tat umsetzten. Die Reaktion auf den begonnenen Holocaust blieb jedoch verhalten. Zu geheimen Kommandoaktionen im OSS-Stil sah man sich nicht veranlasst. Auch von der Geheimwaffe V2 wusste Schulte zu berichten. Aufgrund nachlässiger Codierung der Funksprüche wurde Schulte von der Gestapo als Verräter enttarnt, konnte vor dem Zugriff jedoch noch rechtzeitig gewarnt werden.

Dulles hatte gehofft, Schulte nach dem Krieg als deutschen Politiker aufbauen zu können. Dessen Vergangenheit sollte sich jedoch als zu belastet erweisen. Schulte war in Geschäfte mit Zwangsarbeitern in schlesischen Mienen involviert gewesen, mit denen man auch Dulles Mandant Prescott Bush in Verbindung brachte.

Hans Bernd Gisevius

Der in Zürich stationierte Agent des deutschen Geheimdienstes „Abwehr“, Hans Bernd Gisevius nahm mit Dulles Tuchfühlung auf. Als Gisevius in einem Abwehr-Bericht über einen geheimen Besuch eines Deutschen mit den Initialen „HBG“ bei Dulles las, konnte dessen Koch als deutscher Spion ausgemacht werden. Gisevius klärte Dulles darüber auf, dass seine Codes geknackt waren und verschaffte ihm Kontakt zum Widerstand im deutschen Militär.

Hans Bernd Gisevius

Washington war von Dulles sonstigen Informationen wenig begeistert. Insbesondere Dulles Prognosen erwiesen sich oft als falsch, etwa die Fehleinschätzung, Hitler würde 1943 keinen Russlandfeldzug wagen. Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass Dulles die psychologische Wirkung des Bombenkrieges auf die deutsche Zivilbevölkerung als viel zu gering beurteilt hatte. Dulles Ruf wurde jedoch überraschend von einem Selbstanbieter gerettet.

Fritz Kolbe

Ein Mitarbeiter des auswärtigen Amtes in Berlin war zu dem Schluss gekommen, dass der Krieg und das Hitler-Regime so schnell wie möglich beendet werden müssten – mangels Alternativen durch Verrat der eigenen Leute. Auf einer Dienstreise nach Bern schmuggelte er eine Vielzahl an Geheimdokumenten, in dem er sie mit Bindfaden um seine Schenkel schnürte, damit sie keinen Abdruck unter seiner Kleidung hinterließen. Aus eigenem Antrieb bot Fritz Kolbe sein Material der britischen sowie der amerikanischen Botschaft an, die ihn jedoch als möglichen deutschen Doppelagenten und Provokateur abtaten. Als letzte Anlaufstelle nannte man ihm Dulles Büro. Nach anfänglicher Skepsis war Dulles jedoch überwältigt von der Menge der Dokumente, die Kolbe im Akkord abgeschrieben hatte.

Fritz Kolbe. Foto: U.S. Government Archives

Kolbe wollte sich seinen Verrat nicht bezahlen lassen und akzeptierte auf Drängen von Dulles lediglich Spesen wie etwa für Schweizer Schokolade, welche er einer Berliner Beamtin mitbrachte, die ihm nicht zuletzt deshalb weitere Reisen in die Schweiz genehmigte. Kolbe, der Jahrzehnte lang nur unter seinem Agentenpseudonym George Wood bekannt war, lieferte unter Lebensgefahr nicht weniger als 1.600 Geheimdokumente aus dem Außenministerium und gilt als der möglicherweise wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs. Es war Kolbe, der vor jenem deutschen Spion namens „Cicero“ in der Britischen Botschaft in Ankara warnte.

Ein großes Problem stellte die Menge von Kolbes geliefertem Material dar, die es nach Washington codiert zu übermitteln galt. Tragischerweise erkannte das OSS zunächst nicht die Qualität des Materials, da es im Widerspruch zu den Erkenntnissen anderer scheinbar besserer Quellen stand und man es daher für lancierte Desinformation hielt. Erst der britische Geheimdienstmann (und russische Doppelagent) Kim Philby bestätigte durch Abgleich mit entschlüsselten deutschen Funksprüchen die Echtheit von Kolbes Dokumenten.

Valkyrie

Im März 1943 nahmen auch konservative Deutsche, die vor allem eine sowjetische Diktatur fürchteten, Kontakt zu Dulles auf, etwa Carl Friedrich Goerdeler. Geplante Mordanschläge auf Hitler sowie der Vorschlag, sich nach einem Putsch mit Deutschland zu verbünden und stattdessen gemeinsam gegen die Sowjets zu kämpfen, waren Dulles nicht unsympathisch. So hatten etwa die Amerikaner und Briten den Sowjets verschwiegen, dass sie den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma gebrochen hatten, und ihnen bei den verlustreichen Kämpfen im Osten insoweit keine Hilfe geboten.

Roosevelt jedoch akzeptierte einzig eine bedingungslose deutsche Kapitulation. Dulles vehement vertretene Gegenansicht, diese Politik führe für das Land und jeden einzelnen Deutschen in die Katastrophe, interessierte Washington nicht. Während auch Churchill eine bedingungslose Kapitulation forderte, war dies nicht die Position Moskaus gewesen. Seine zunehmend hochrangigen deutschen Gästen scheint Dulles nicht für eine bedingungslose Kapitulation gewonnen zu haben. Die Chance, den Krieg um über ein Jahr zu verkürzen, wurde vertan. Beim gescheiterten Attentat vom 20. Juli war Dulles nur Zaungast.

Falschspieler

Die wesentlichsten nachrichtdienstlichen Erkenntnisse wurden im Zweiten Weltkrieg nicht von klassischen Spionen gewonnen, sondern durch Luftaufklärung und Funkentschlüsselung. In den letzten Kriegsjahren spielten insoweit geheimdienstliche Desinformationsmanöver und Kriegslisten eine zunehmend größere Rolle. Der britische Geheimdienst hatte im eigenen Land fast alle deutschen Agenten heimlich enttarnt und spiegelte durch koordiniert simulierte Agentenfunksprüche den deutschen Aufklärern ein falsches Lagebild zu.

Das gleiche Spiel vollführte der deutsche Geheimdienst „Abwehr“ in den besetzten Niederlanden, wo ebenfalls fast alle Funkagenten des dortigen Widerstands „umgedreht“ worden waren. Um London eine noch existierende niederländische Widerstandsbewegung vorzutäuschen verübte die Abwehr Anschläge auf eigene Objekte wie Schiffe und Funkmasten. Alliierte Agenten, die sich mit den vermeintlichen Widerständlern treffen wollten, gingen in die Falle.

Um von der geplanten Landung in der Normandie abzulenken wurden in einer intensiven Desinformationskampagne Vorbereitungen für eine scheinbare Landung in Calais vorgetäuscht, etwa durch Attrappen von Lastenseglern und geschäftigen Rüstungsbetrieben, welche die deutsche Luftaufklärung in die Irre führen sollten, sowie durch gestreute Gerüchte in ausländischen Zeitungen. Auch das deutsche Militär imitierte etwa ganze Flughäfen und tarnte die Originale, um alliierte Bombardements fehlzuleiten.

Um von Berlin abzulenken inszenierte man Bauarbeiten an einer „Alpenfestung“, in welche scheinbar die deutsche Staatsleitung verlegt worden sei. Bei der Ardennenschlacht waren sich auch die an Materialknappheit leidenden deutschen Generäle für keinen schäbigen Trick zu schade: So maskierten sich Regimenter mit scheinbaren US-Uniformen, um sich zu Überraschungsangriffen an alliierte Verbände anzuschleichen. Absolute Geheimhaltung, Funkstille und Funktäuschungen waren wesentliche Faktoren, welche die unsausweichliche Niederlage jedoch nur verzögern sollten.

Cianos Bücher

In der Schweiz traf auch Mussolinis Tochter ein, deren Mann Graf Galeazzo Ciano bei ihrem Vater in Ungnade gefallen und gerade exekutiert worden war. Ciano war Zeuge der Geheimgespräche zwischen Mussolini und Hitler gewesen, worüber er ausgiebig Tagebuch geführt hatte. Die Comtesse Ciano schmuggelte auf ihrer Flucht die Tagebücher, indem sie sich die Fracht um den Bauch band und so eine Schwangerschaft vortäuschte.

Eine Veröffentlichung der von Dulles besorgten Dokumente wäre für die psychologische Kriegsführung von hohem Wert gewesen, jedoch konnte über die Abdruckrechte erst eine Einigung erzielt werden, als der Krieg bereits beendet war.

Bei der Landung in Italien kooperierten die Amerikaner mit örtlichen Mafiaclans, wobei man sich hierzu der Kontakte von in den USA inhaftierten Mafiosi bediente, die zu Vermittlungszwecken unkonventionell freigelassen wurden.

Operation Sunrise

In den letzten Kriegstagen hatte Dulles unter höchster Geheimhaltung die hohen SS-Leute Karl Wolff und Walter Rauff empfangen, deren Kontakte er für den von Dulles längst geplanten Kampf gegen die Sowjets rekrutierte – die eigentlich noch Verbündete waren. Wolff, der direkt Himmler unterstand und persönlich für den Mord an 300.000 Juden verantwortlich gewesen war, wurde von Dulles zum „Dissidenten“ stilisiert und konnte 17 Jahre unbehelligt als Waffenexporteur prosperieren. Rauff, der u.a. für die Morde durch „Gaswagen“ verantwortlich gewesen war, konnte nach Chile entkommen. Dulles ersparte vielen seiner späteren Kooperationspartner die Haft in Internierungslagern, wie sie etwa sein später wichtigster Mann General Reinhard Gehlen erdulden musste, sowie Gerichts- und Entnazifizierungsprozesse. Nicht wenige Historiker betrachten die Operation Sunrise genannte Geheimaktion als den Beginn des Kalten Krieges.

Karl Wolff

Ende des OSS

Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg reiste Dulles ins nun zerstörte Berlin. Wie Donovan wollte er den im Krieg improvisierten Geheimdienst in Friedenszeiten fortführen. Doch das OSS hatte weder die Militärs, noch die Partnerdienste überzeugt. Die Rivalität zwischen dem erfahrenen britischen Geheimdienst und den Wallstreetcowboys hatte seltsame Blüten getrieben. Während die dem Pentagon angegliederte erfolgreiche Signalspionage der damals absolut geheimen NSA fortgeführt wurde, waren die Erkenntnisse aus der klassischen Spionage des OSS schwach geblieben.

Von den geknackten japanischen und deutschen Funksprüchen hatte man das vom Gegner schnell infiltrierte OSS von Anfang an ferngehalten. Als Japan 1943 den Versuch des OSS bemerkte, aus der Botschaft in Lissabon ein Codebuch zu stehlen, änderte es sofort die bereits geknackte Verschlüsselung, so dass die Signalspione für den Rest des Krieges blind blieben. Auf einer Cocktailparty in Bukarest hatte Donovan sogar seine Brieftasche verloren, die von einer Tänzerin an die Gestapo geliefert wurde. Der Bericht über die Mantel und Degen-Spione, deren Fehler Tausende französischer Widerständler das Leben gekostet hatte, fiel vernichtend aus.

Durch eine Indiskretion des FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der von Anfang an gegen das OSS opponiert hatte, gelangten die Pläne des rechtskonservativen Donovan an die Presse und lösten eine nicht unberechtigte Furcht vor einer Art amerikanischen Gestapo aus. Auch der kurz darauf vereidigte Präsident Harry Truman hielt nichts von Spionageromantik und löste die geringgeschätzte Organisation im September 1945 innerhalb von 10 Tagen auf. Die Abwehr feindlicher Agenten wurde durch das 1942 vom Militär gegründete Counter Intelligence Corps (CIC) übernommen, die Sammlung von Auslandsinformationen von einer Central Intelligence Group (CIG). Daraufhin erhoben die OSS-Veteranen ein Klagegeschrei, gründeten eine gut vernetzte 1.300 Mitglieder zählende OSS-Gesellschaft und rühmten sich ihrer angeblichen Heldentaten in Hunderten von Romanen, Comics und sogar einem Spielfilm.

New York

Dulles kehrte zurück zu Sullivan & Cromwell. Sein Bruder John Foster Dulles, inzwischen Hauptberater des republikanischen Gouverneurs und späteren Präsidentschaftskandidaten Thomas Dewey, war 1944 im Wahlkampf von der Demokratischen Partei öffentlich als Wall Street-Manipulateur angegriffen worden, dessen Beziehungen zur Schroeder-Bank und zur deutschen Industrie Hitlers Aufstieg erst möglich gemacht hätten. Dies hinderte John Foster jedoch nicht daran, seinen Einfluss bei der Gründung der Vereinten Nationen geltend zu machen. Die Offerte New Yorks, Gastgeber des aus dem Pariser Völkerbund hervorgegangenen Parlaments zu werden, war dem Geheimdiensthistoriker James Bamford zufolge ein Danaergeschenk: Auf diese Weise war es für die Signalspione der NSA einfacher, die Abgeordneten vor Ort abzuhören. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg waren die Dulles-Brüder mit der Finanzierung des Wiederaufbaus des im Krieg zerstörten Europas, insbesondere Deutschland befasst, dem Marshall-Plan.

Good Germans

Allen Dulles kämpfte gegen die öffentlichen Meinung an, alle Deutschen seien Nazis gewesen und verwies auf die „Good Germans“. 1947 veröffentlichte er sein Buch „Germany’s Underground“, das auch auf deutsch erschien und erstmals in den USA Partei für deutsche Dissidenten gegen Hitler ergriff. Das Buch wurde ein Flop, rief jedoch ein „Komitee gegen den Dritten Weltkrieg“ auf den Plan, das öffentlich darauf hinwies, dass derselbe Allen Dulles, der „die Deutschen entschuldige“, sich einst für Hitlers Bankiers verwandt hatte. Schwer wog insbesondere der Hinweis auf Dulles Freundschaft mit Hitlers Reichswehrminister Schulte. Dies ließ Dulles Bemühungen für eine Kooperation mit Deutschland und dessen Industriellen in einem ungünstigen Licht erscheinen.

Lobby

Dulles selbst sprach sich öffentlich gegen die Gründung eines staatlichen Auslandsgeheimdienstes aus, der aufgrund bürokratischer Hindernisse ineffizient sei. Tatsächlich jedoch wollte er nichts anderes als die Arbeit des OSS fortzusetzen. Er engagierte sich in zahlreichen außenpolitischen Pressure Groups und organisierte die Gründung scheinbar durch private Spenden gestützter Propagandainstrumente, welche die europäische Bevölkerung im Westen wie im Osten subversiv im Sinne der USA beeinflussen sollten, die tatsächlich jedoch verdeckt von der US-Regierung finanziert wurden.

Trotz Dulles konservativer Einstellung sprach er sich dafür aus, in Europa linke Intellektuelle verdeckt zu fördern, da sie hierdurch von noch linkeren Kommunisten isoliert und letztere geschwächt werden sollten.

Central Intelligence Agency (CIA)

Nach zwei Jahren Lobbyarbeit beschloss der Kongress im September 1947 erneut den Aufbau eines direkt dem Präsidenten unterstehenden Geheimdienstes. Bei den Gründungsverhandlungen hatte Dulles die Spionageverdienste des OSS maßlos übertrieben, erweckte den Eindruck, man wolle gewaltfrei im Ausland Informationen sammeln und bräuchte nur wenige hundert Mitarbeiter (1953 bereits 10.000). Im später verabschiedeten Aufgabenkatalog des National Security Act fand sich jedoch unter Punkt 3 die Aufgabe, die subversive Einmischung in die Angelegenheiten anderer Völker und Staaten für den Fall vorzubereiten, dass eine solche Einmischung notwendig werden solle. Die USA erklärten als erste Nation der Welt in Friedenszeiten Subversion auf fremdem Staatsgebiet zu einem offiziellen Mittel der Politik. Geleitet wurde der Dienst zunächst von Militärs.

Italien

Zu den ersten subversiven Operationen der CIA gehörte die Bekämpfung der italienischen Kommunisten. Hierzu finanzierte die CIA verdeckt die US-freundliche Partei Democratia Christiana. Die benötigten Gelder organisierte ein gewiefter und gut vernetzter Wallstreetanwalt namens Allen Dulles. Damit nicht genug: Dulles arrangierte, dass 5% der Mittel, die in den Marshall-Plan flossen, über Umwege, die man heute Geldwäsche nennen würde, der CIA für verdeckte Missionen zur Verfügung standen. Die Democratia Christiana gewann die Wahl und erfreute sich auch in den kommenden Jahrzehnten amerikanischer Geldkoffer.

Frankreich

Auch die französischen Kommunisten, die auf einen großen Streik hin arbeiteten, wollten von der CIA gemaßregelt werden. Durch Bestechung einzelner Funktionäre gelang es, die mächtige französische Gewerkschaft in einen kommunistischen und einen gemäßigten Flügel zu spalten und hierdurch entscheidend zu schwächen.

Bogotazo

Während einer Diplomatenkonferenz in Kolumbien kam es in Bogota zu einem Bombenattentat, das die öffentliche Meinung Kommunisten zuschrieb, obwohl sich später herausstelle, dass es sich um eine private Vendetta gehandelt hatte. Präsident Truman hatte von der CIA keinerlei Informationen über die „kommunistischen Umtriebe“ erhalten. Das vermeintliche Versagen der CIA wollten die Republikaner im anstehenden Wahlkampf ausschlachten. Allen Dulles, der den republikanischen Präsidentschaftskandidat Dewey unterstützte, verhinderte jedoch eine politische Beschädigung der CIA durch das Bogotazo genannte scheinbare Fiasko, als deren künftiger Direktor er sich ins Spiel brachte. Zwar wurde Truman unerwartet wiedergewählt, sodass Dulles nicht zum Zuge kam, jedoch sollte sich seine parteiübergreifende Loyalität für die Spionageagentur langfristig auszahlen.
Teil 3: Zwei Jahrhunderte Rückstand im Spionagegeschäft
Teil 4: Von Kuba über Kennedy bis Vietnam

Related Article

Wer profitiert vom Bild des „Bösen Russen“ – Woher stammt das Bild eigentlich

Politik verstehen – Historische Zusammenhänge erkennen Teil 1 Allen Dulles


Über einen Täuschungskünstler, der die Welt zu seiner Bühne machte


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 1/4)

Über den berüchtigten Wallstreetanwalt Allen Dulles (1893-1969) steht in deutscher Sprache kaum Literatur zur Verfügung. Dies ist angesichts der Bedeutung dieses nie gewählten Politikers, der das Dritte Reich mitfinanzierte, die CIA aufbaute, den Kongress, seine Präsidenten sowie die gesamte Welt belog und der Familie Bush den Weg ebnete, erstaunlich. 60 Jahre nach Gründung der CIA soll im Folgenden versucht werden, die Biographie des umstrittenen Geheimdienstlers nachzuzeichnen.

Alan Dulles. Bild: National Archives and Records Administration

Als der 21jährige Allen Welsh Dulles 1914 an Bord der MS Olympic den Atlantik überquerte, um ein Jahr an einer christlichen Missionsschule in Indien zu unterrichten, las er mit Begeisterung Rudyard Kiplings Spionageroman „Kim“(1901), in welchem ein englischer Waisenjunge unter Indern aufwächst und von einem trickreichen Geheimagenten in das „Große Spiel“ eingeführt wird. Das „Große Spiel“ hatte bereits Dulles’ Großvater John Watson Foster gespielt, ein Bürgerkriegsgeneral und angesehener Anwalt, der als US-Außenminister 1893 das Königreich Hawaii besetzt hatte, um dort Amerikaner vor angeblichen, tatsächlich aber selbst inszenierten Unruhen zu beschützen. Das Amt des US-Außenministers sollte 1915 auch Dulles Onkel Robert Lansing bekleiden, 1953 schließlich Allens Bruder John Foster Dulles, und auch er selbst hatte es lange angestrebt.

Allen Dulles war als Sohn eines presbyterianischen Geistlichen in einer der privilegiertesten Familien Watertowns aufgewachsen und hatte bereits als Kind allerhand von der Welt gesehen. Schon kurz vor seinem 8. Geburtstag hatte Dulles ein 26 Seiten langes Büchlein über den Burenkrieg geschrieben, von welchem sein stolzer Großvater General Foster 700 Exemplare drucken ließ, um sie zugunsten von Kriegsgeschädigten zu verkaufen. In Princeton war Dulles von Woodrow Wilson unterrichtet worden, der seit 1912 das Präsidentenamt bekleidete.

Nach seinem Indienabenteuer, in dem er wie Kiplings Mowgli auf eine gefährliche Schlange traf, Fakire bewunderte und auf einem Elefanten ritt, reiste Dulles weiter nach China, um mit seinem berühmten Großvater befreundete Machthaber zu besuchen. Diese waren jedoch während der Unruhen nach dem Zerfall des Kaiserreichs entmachtet worden. Auch für Dulles hatte nun das „Große Spiel“ begonnen.

Erster Weltkrieg

Dulles trat nach seiner Heimkehr in den diplomatischen Dienst ein und nahm 1916 eine Arbeit als Botschaftssekretär in Wien auf. Dort war das diplomatische Corps gerade vom Skandal um Spionageabwehrchef Oberst Alfred Redl, schockiert, der posthum als Doppelagent des Zaren enttarnt worden war. Hier lernte Dulles nicht nur die Gepflogenheiten des diplomatischen Parketts kennen, sondern wurde auch in nachrichtendienstlichen Codes unterwiesen.

Nach dem Kriegseintritt der USA zog sich die amerikanische Delegation 1917 in die neutrale Schweiz nach Bern zurück, damals eine Hochburg ausländischer Agenten. Dulles lehnte das Gesuch eines damals unbekannten russischen Exilpolitikers namens Wladimir Iljitsch Uljanow nach einem Treffen ab, dem er ein Tennismatch mit einer jungen Dame vorzog. Noch Jahrzehnte später ärgerte sich Dulles, den später als Lenin bekannt gewordenen Mann unterschätzt zu haben und machte es sich zur Regel, nie wieder eine Chance auszuschlagen, einen potentiellen Agenten zu rekrutieren.

Versailler Vertrag

Der inzwischen zum politischen Offizier beförderte Jungdiplomat reiste 1919 nach Paris, wo er gemeinsam mit seinem Bruder John Foster Dulles Onkel Robert Lansing bei den Friedensverhandlungen zum Versailler Vertrag beriet. Da die USA damals nur Militärnachrichtendienste unterhielten, nicht jedoch einen Auslandsgeheimdienst, verfügte die Delegation nicht über ein einziges Papier über den aufkommenden Bolschewismus. Als in Ungarn die Bolschewiken an die Macht kamen, befürchtete der 26jährige Dulles Kettenreaktion anderer Staaten und arbeitete seinen ersten Plan für eine militärische Intervention aus, welcher dem US-Präsidenten vorgelegt wurde. Dulles erster Versuch zu einem gewaltsamen Eingriff in die Weltgeschichte wurde jedoch als langfristig kontraproduktiv abgelehnt. Dulles allerdings hatte seinen Kalten Krieg gegen jede Form von Kommunismus begonnen.

Nach der Unterzeichnung 1920 verbrachten die Gebrüder Dulles mehrere Monate in Deutschland, hauptsächlich im politisch gärenden Berlin. Der ältere Bruder John Foster war Anwalt in der New Yorker Industriekanzlei Sullivan & Cromwell geworden und nutzte die Zeit, um geschäftliche Kontakte anzubahnen, etwa zum Bankier Hjalmar Schacht, Hitlers späterem Reichswirtschaftminister. Allen Dulles knüpfte demgegenüber politische Kontakte und war nach dem Kapp-Putsch mit der Evakuierung von Amerikanern befasst.

Die Protokolle der Weisen von Zion. Titelbild der französischen Ausgabe von 1920

Zuhause machte er seiner künftigen Frau Clover einen Heiratsantrag, nur eine Woche, nachdem er ihr vorgestellt wurde. Das Paar zog zu Dulles neuem Einsatzort Konstantinopel. Während den Versailler Verhandlungen waren unter den Delegationen die offenbar von interessierter Seite lancierten „Protokolle der Weisen von Zion“ zirkuliert, die eine „jüdische Weltverschwörung“ suggerieren sollten. Das Papier machte Stimmung gegen die damals diskutierte Konzeption eines eigenen jüdischen Staates. Während seiner Zeit in Konstantinopel recherchierte er nun gemeinsam mit dem Journalisten Philip Graves die angebliche Authentizität der Dokumente, die sich als Fälschung des zaristischen Geheimdienstes erwiesen. Spätestens damals hatte Dulles die Effizienz von Desinformation begriffen. Der Einsatz für die Aufklärung seiner Regierung über die Fälschungen ist insoweit bemerkenswert, als dass sich Dulles entsprechend der damaligen Mentalität der weißen amerikanischen Oberschicht über Juden meist abschätzig geäußert hatte.

Aufgrund der ersten Schwangerschaft Clovers beendete Dulles seine Auslandseinsätze und machte auf Anraten seines Bruders neben dem diplomatischen Dienst in Washington in Abendkursen ein Anwaltsexamen. Als Präsident Harding überraschend starb, war es zufällig Dulles, der zur kurzfristigen Vereidigung des neuen Präsidenten Coolidge den vorgeschriebenen Verfassungseid telefonisch diktierte. Bemerkenswert war 1924 Dulles weitsichtiger Vorschlag, im Irak, der damals keine diplomatischen Beziehungen zu den USA unterhielt, unter der Tarnung eines Geschäftsmannes einen verdeckten Agenten zu unterhalten. Seiner Erfahrungen nach bekäme man nirgends bessere Informationen über die Welt als von den Männern der Erdölindustrie.

Als man Dulles das Amt des Botschafters in China anbot, schlug er aus, quittierte wegen schlechter Bezahlung 1926 den diplomatischen Dienst und trat in die Kanzlei seines Bruders ein, der dort zum Teilhaber aufgestiegen war.

Sullivan & Cromwell

Die auf Außenwirtschaft spezialisierte Industriekanzlei Sullivan & Cromwell war weitaus mehr als eine gewöhnliche Anwaltskanzlei. Zum Klientel der umtriebigen Anwälte gehörten etwa die Eisenbahnbarone, Chemiekartelle, Rohstoffimporteure, die Zuckerindustrie, der Rockefellers Standard Oil und sogar ganze Regierungen. Auch am Wiederaufbau Deutschlands verdiente Sullivan & Cromwell durch Vertrieb entsprechender Anleihen („Heidelberg Bonds“) mit. Hierzu lancierte man eigens eine PR-Kampagne, in welcher etwa deutsche Schnulzen-Opern für eine entsprechende deutschfreundliche Stimmung sorgten. Manche Manipulationen Cromwells waren weitaus weniger fein: Für die Betreibergesellschaft des Panamakanals hatte Cromwell seinerzeit verdeckt eine Revolution organisiert. Selbst den Präsidenten Taft und Roosevelt waren die Praktiken des umstrittenen Cromwell nicht geheuer. Bei seinem ersten Auftritt vor Gericht erlitt Allen Dulles eine Niederlage und betrat seither nie wieder als Anwalt einen Gerichtssaal. Seine Talente für Interessenvertretung lagen eher hinter den Kulissen.

Zu Allen Dulles Bereich gehörte insbesondere die Betreuung von Geschäfte mit der Deutschen Industrie. So saß Dulles etwa im Vorstand des Bankhauses Schroeder, das später die NSdAP finanzieren sollte. John Foster Dulles fungierte als amerikanischer Generalrepräsentant der deutschen IG Farben, dem damals größten Chemiekartell der Welt. Aufgrund seiner exzellenten Kontakte zur Politik und seiner Teilnahme an europäischen Abrüstungsverhandlungen war Allen Dulles auch für die Klientel aus der Rüstungsindustrie der geeignete Ansprechpartner. Auch der Hitlersympathisant Henry Fordgehörte zu seinen Klienten, obwohl Ford die von Dulles als Fälschung entlarvten „Protokolle der Weisen von Zion“ verlegte. Dulles pflegte unter anderem mit dem Präsidentschaftskandidat John W. Davis Freundschaft, der auf Kuba windige Geschäfte mit Zuckerrohr machte.

Hitlersympathisant Henry Ford

Dulles hielt zeitlebens geheim, dass er gemeinsam mit Davis 1933 Adolf Hitler kurz nach dessen Ernennung zum Reichskanzler persönlich aufgesucht hatte. Die beiden Amerikaner waren von Hitler unmittelbar vor einer großen Rede im Berliner Sportpalast empfangen worden. Hitler verglich die Friedensbedingungen des Versailler Vertrags mit denen des US-Bürgerkriegs, wobei er sich darüber aufregte, dass dem Süden Schwarze als Richter aufgezwungen worden waren. Dulles war von Hitler wenig beeindruckt, zumal dieser nicht wusste, dass ausgerechnet Dulles an der Ausarbeitung des kritisierten Versailler Vertrags beteiligt gewesen war. Aufgrund der unklaren Lage schloss Sullivan & Cromwell sein Berliner Büro, hielt jedoch weiterhin geschäftliche Kontakte.

Nachdem die Politik Hitlers auch in den USA Kritik hervorrief, wurde Sullivan & Cromwell janusköpfig: Allen Dulles kritisierte Hitler öffentlich und empfahl sich auf diese Weise bei jüdischen Bankiers, für die er mit Gründung von allerhand Scheinfirmen Kapital aus Deutschland abzog. Sein Bruder John Foster Dulles hingegen, mit dem Allen sogar sein Büro teilte, trat gegen eine Einmischung der USA in den Krieg ein. Eine Clique führender US-Industrieller, die mit Hitler enge Geschäfte machten, sowie Sullivan & Cromwell selbst unterstützten die isolationistischen Pressure Groups America First, als deren Aushängeschild der deutschfreundliche Charles Lindbergh fungierte, und die paramilitärische American Liberty League, die 1933 gegen Roosevelt sogar hatte putschen wollen. Dulles wurde Schatzmeister der New Yorker Republikaner und kandidierte 1938 für einen Sitz im Kongress. Nach seiner hohen Niederlage stellte er sich nie wieder einer Wahl.

Zweiter Weltkrieg

Roosevelt befürwortete den Kriegseintritt der USA, vermochte einen solchen jedoch ohne Angriff des Gegners politisch nicht durchzusetzen. Um einen entsprechenden Vorwand zu vermeiden, war es den deutschen Schiffen verboten worden, sich von US-Schiffen provozieren zu lassen, erinnerte man sich doch noch gut an die mysteriösen Umstände des deutschen Angriffs auf die MS Lusitania, der Amerikaner das Leben gekostet hatte und propagandistisch verwertet worden war. Notfalls solle man sich versenken lassen, so der deutsche Befehl.

Statt einem Schiff wie die USS Maine oder die MS Lusitania sollte es diesmal eine ganze Flotte sein, deren Verlust die USA zum Kriegseintritt bewegte: Ein US-Admiral, der die Atlantik-Flotte auf Hawaii zusammenziehen sollte, verweigerte diesen Befehl, da er den Japanern keinen unwiderstehlichen Köder präsentieren wollte. Der eigenwillige Militär wurde durch einen Admiral abgelöst, der nicht darüber informiert worden war, dass sich der Stützpunkt bei einer Übung als nicht zu verteidigen herausgestellt hatte. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour, das Dank Dulles Großvater als US-amerikanischer Boden galt, implodierte die Lobby der Kriegsgegner über Nacht. Die US-Industrie stellte auf Kriegsproduktion um. Den 3.000 in Pearl Harbour getöteten Soldaten sollte die hundertfache Anzahl weiterer amerikanischer Todesopfer in Europa folgen.

Krieg der Gaukler – Im Geheimdienst seiner Majestät

Noch immer verfügten die USA über keinen institutionellen Auslandsgeheimdienst. Führende Industrielle trafen sich unter konspirativen Umständen einmal im Monat im Rockefeller-Gebäude, um von den Auslandsposten aufgeschnappte Nachrichten auszutauschen. Mitglied in der „The Room“ genannten Loge war der angesehene Kriegsheld und Anwalt William „Wild Bill“ Donovan, der sich in New York während der Prohibition auch einen Namen als Staatsanwalt gemacht hatte.

William „Wild Bill“ Donovan

Donovan wurde 1940 als Room-Emissär bei einer London-Visite von Premierminister Winston Churchill gründlich hereingelegt: In einer vom britischen Geheimdienst aufwändig organisierten Propagandaaktion wurde dem Millionär an allen Orten seines Besuchs vorgetäuscht, die Briten hätten unbändigen Kampfeswillen und zu diesem Zeitpunkt ausreichend militärischen Mittel, um Nazideutschland alleine zu besiegen, wären jedoch einem zusätzlichen Kampfgenossen gegenüber aufgeschlossen. Daraufhin empfahl Donovan seinem Präsidenten die militärische Zusammenarbeit mit den Briten. Roosevelt war ohnehin von Spionageromantik fasziniert, ließ durch geheime Büros rechtswidrig Briefe öffnen und bedauerte öffentlich das nachrichtendienstliche Defizit der USA gegenüber Ländern mit institutionellem Geheimdienst.

Überzeugungsarbeit für die Gründung eines professionellen zivilen Geheimdienstes leisteten 1940 zwei nach Washington gereiste britische Nachrichtendienstoffiziere: Spionagechef Admiral John Goodfrey und dessen rechte Hand, Bankier und Korvettenkapitän Ian Fleming, der später für seine Spionageromane über einen gewissen „James Bond“ berühmt werden sollte. Um die Landsleute von der Notwendigkeit eines neuen Geheimdienstes zu „überzeugen“ bediente sich die US-Regierung einer „psychologischen Operation“ („PsyOp“), einer Kollektivlüge: in der Presse, welche die konservativen Rivalen Hearst und Pulitzer dominierten, wurde erfolgreich der fiktive Mythos einer „5. Kolonne der Deutschen“ über angebliche geheime Saboteure lanciert, welche für die schnellen deutschen Siege am Anfang des Zweiten Weltkriegs verantwortlich gemacht wurden und nun Amerika infiltrierten.

Tatsächlich beruhten die deutschen Eroberungen auf militärischen Ursachen. Sabotage-Aktionen waren dem deutschen Geheimdienstchef Admiral Wilhelm Canaris eigens verboten worden, um Amerika keinen Vorwand zum Kriegseintritt zu liefern. Anschläge auf Schiffe in amerikanischen Häfen verübten 1940/41 vielmehr die Briten, um US-Lieferungen an Nazideutschland zu verhindern. Die Anschläge wurden ausgerechnet den Deutschen angelastet. (Bereits der britische Geheimdienst wurde aufgrund einer Hysterie vor angeblichen deutschen Terroristen gegründet, die ein paranoider Verschwörungstheoretiker namens William LeQuex („Spies of the Kaiser“ 1909) in die Welt gesetzt hatte.)

Die von der amerikanischen Öffentlichkeit akzeptierte Lüge über die deutschen Phantomterroristen ermöglichte politisch die Durchsetzung der Gründung des „Office of the Coordinator of Intelligence (COI)“, das direkt dem Präsidenten unterstand und niemandem sonst Rechenschaft schuldig war. Das von „Wild Bill“ Donovan geleitete COI arbeitete so originell wie dilettantisch: Als Roosevelt gehört hatte, Japaner hätten panische Angst vor Fledermäusen, wurde ernsthaft der massenhafte Abwurf von Fledermäusen vorbereitet, was sich technisch jedoch als undurchführbar erwies.

Office for Strategic Services

1942 wurde die COI in das „Office for Strategic Services (OSS)“ überführt. Die militärischen Stabschefs beeindruckte Donovan mit vorgeblich durch das Agentennetz des „Room“ gewonnenen umfangreichen Informationen über die nordafrikanische Front. Tatsächlich hatte er das Material vom polnischen Geheimdienst. Anders als die dem Militär entstammenden Spione seiner Majestät scharte Donovan eine bizarre Truppe vorwiegend aus den Söhnen seiner Millionärsfreunde um sich, die wie Donovan im Krieg Ruhm und Ehre erwerben wollten. Das Führungspersonal des OSS rekrutierte sich aus den 60 „blaublütigsten Familien“ der USA, zu denen neben klassischen Industriellen und Bankern auch ein Filmproduzent, Komiker sowie der künftige Erbe eines großen Zirkusunternehmens gehörten. Donovan machte kaum einen Hehl daraus, dass das OSS durchaus auch wirtschaftliche Interessen verfolgen würde.

Donovan wollte die künftige Elite der USA nicht als Kanonenfutter verheizen, sondern sann auf unkonventionelle Strategien wie subversive Aktionen, wie er sie in unrealistischem Ausmaß auch den Deutschen unterstellte. Für geheime Einsätze hinter der Front ließ Donovan allerhand trickreiche Gerätschaften entwickeln, die später an die Spielzeuge des James Bond-Waffenmeisters Major Boothroyd „Q-Branch“ erinnerten: Tarnwaffen wie versteckte Messer und sogar Stiefelabsätze mit ausklappbaren Klingen, als Alltagsgegenstände maskierte Pistolen sowie schallgedämpfte Schusswaffen. Das OSS stellte zur psychologischen Kriegsführung Autoren, Schauspieler und Humoristen an, welche u.a. mit schwarzer Propaganda die Kampfmoral der Deutschen brechen sollten. Bekannteste Partnerin des OSS war Marlene Dietrich.

Dem US-Militär, dessen Waffengattungen traditionell miteinander rivalisierten, war das amateurhafte OSS von Anfang an suspekt und verhinderte erfolgreich dessen Beteiligung am Krieg gegen Japan. Donovan hingegen war der festen Überzeugung, eine Handvoll seiner Sabotage-Soldaten würden Legionen klassischer Soldaten ersetzen. Von den Zwei-Mann-Teams, die mit dem Fallschirm über Feindesland abgesetzten wurden, hatte man jedoch nur von einem je wieder etwas gehört. Das OSS kooperierte eng mit dem französischen Widerstand, jedoch wurden durch dilettantische Planung und Auswertung die meisten Mitglieder des Marquis getötet. Die Zusammenarbeit zwischen den erfahrenen Geheimdienstlern seiner Majestät und den Wallstreet-Cowboys wurde zunehmend von Misstrauen und entsprechenden Grabenkämpfen gelähmt.

Bei einem Agenten hatte Donovan jedoch eine glückliche Hand: Allen Dulles.1
Teil 2: Vom OSS zur CIA
Teil 3: Zwei Jahrhunderte Rückstand im Spionagegeschäft
Teil 4: Von Kuba über Kennedy bis Vietnam

Related Article

Wer profitiert vom Bild des „Bösen Russen“ – Woher stammt das Bild eigentlich

Fake News – Die Kunst der Mainstream-Medien. GEZ Medien, Springer Presse & Co. arbeiten an ihrer Fake News Monopolstellung


Putin zieht mit Sexmobs in den hybriden Krieg gegen Deutschland? Nun dreht die BILD-Zeitung endgültig durch…


Vergessen Sie die Schauermärchen aus den USA, nach denen der oberste Bösewicht Wladimir Putin die US-Wahlen manipuliert hat, um seinen Freund Donald Trump ins Weiße Haus zu befördern. Das ist kalter Kaffee und Schnee von gestern. Aktuell arbeitet unser Superschurke offenbar daran, mit „hybriden Großangriffen“ Deutschland ins Unglück zu stürzen. Sahra Wagenknecht soll Angela Merkel ablösen! Um das zu erreichen, schreckt der Russe noch nicht einmal davor zurück, Sexmobs zu Propagandazwecken auf das Land loszulassen. Das muss doch Satire sein. Leider nein, genau so können Sie es auf BILD.de nachlesen. Aber BILD wäre nicht BILD, wenn man dem Leser nicht gleich sagen würde, wie er sich gegen Putin schützen kann – nämlich indem er Angela Merkel wählt. Wie war das noch mal mit postfaktischen Zeiten? Von Jens Berger.

Nun haben wir den Salat! Im nächsten Jahr wird Deutschland zur Zielscheibe russischer Propaganda. Ein hybrider Krieg ist es, den niemand anderes als Russlands Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich gegen uns führen will. Genauer gesagt ein „hybrider Großangriff auf die Wahrnehmung der Deutschen“ – so steht es zumindest in der BILD-Zeitung und die kennt sich ja bekanntlich aus. Putin will – BILD zufolge – „das Vertrauen der Bevölkerung in den deutschen Staat, die deutschen Behörden und insbesondere Angela Merkel erschüttern und die Menschen in die Hände von linken und rechen Extremisten treiben“. Extremisten wie Sahra Wagenknecht, die „für ihre Angriffe [auf Angela Merkel] sogar das russische Staatsfernsehen nutzt“. Ei der Daus!

Die Unbelehrbaren, die sich für die Interessen des Kremls einsetzen und „zum Beispiel die Aufhebung der Sanktionen forderten“ werden laut BILD „massive Unterstützung vom Kreml enthalten. Wir von den NachDenkSeiten haben – leider bislang ohne Erfolg – Herrn Putin schon mal auf unser Spendenformular aufmerksam gemacht. Putin setzt – das weiß die BILD genau – „auf Extremisten von links und rechts“. Freilich findet sich in der gesamten Artikelreihe zum Thema kein einziges konkretes Beispiel, welcher Extremist von links oder rechts denn nun von Putin in welcher Form unterstützt worden wäre.

Aber es geht ja auch um die Zukunft und da kann einem Angst und Bange werden – zumindest dann, wenn man der BILD glaubt. „Die Einflussnahme des Kreml wird darauf abzielen, sowohl diejenigen zu fördern, die grundlegende Kritik am deutschen Staat und vor allem an Kanzlerin Merkel üben, als auch EU- und Nato-feindliche Kandidaten zu fördern, die sich für eine weitere Abrüstung Europas einsetzten, die außerdem die EU zerstören möchten und überzeugt für eine Versöhnung Deutschlands mit Putins Russland plädieren.“ – so eine BILD-Expertin. Der Spin ist klar. Wer sich für Versöhnung und Abrüstung einsetzt, vertritt Putins Interessen. Wer Merkel kritisiert, ist ein Interessenagent Moskaus und EU-feindlich. Mei o mei, das ist so offensichtlich Propaganda, dass es doch eigentlich selbst der unbedarfteste Leser durchschauen sollte. Oder?

Putins Mafia-Sexmob

In einem zweiten Artikel zum Thema überzieht die BILD dann selbst für ihre Verhältnisse – und dazu gehört schon was. Denn – so die BILD-Experten – Putins hybrider Krieg gegen Deutschland könnte „noch schlimmer kommen!“. Und zwar – halten Sie sich fest – mit Sexmobs! Ja, Sie haben richtig gelesen, Sexmobs! (Fast) noch absurder als die ganze Story selbst sind jedoch die Details, die die BILD-Zeitung sich da ausgedacht hat. Unter den Flüchtlingen ist nämlich „ein sehr kleiner Teil“ mit „Verbindungen zu Assads oder Saddam Husseins Geheimdiensten“. Und diese „Menschen könnten gezielt von Geheimdienstagenten oder aus Mafiakreisen angesprochen“ und für Sexmobs verpflichtet werden, so die absolut satirereife Erklärung. Ein Sexmob kurz vor der Wahl – „Wie würde Merkel dann da stehen?“, fragt BILD. Ja wie? Ganz ehrlich, ich weiß es auch nicht und will es mir auch nicht vorstellen.

Da stellt sich natürlich die entscheidende Frage. Warum das Ganze? Weil Oberschurke Putin unsere geliebte Führerin, Gott schütze sie in allen Lebenslagen, Angela Merkel als den „letzten Stabilitätsanker im Westen“ ausgemacht hat. Wenn Merkel erst einmal weg ist, so die „Logik“ der BILD, wird Europa zusammenbrechen „Was die Sowjetunion mit militärischem Druck nicht zustande gebracht hat, das will Putin mithilfe von Korruption, durch Manipulation von Politik und Medien erreichen“.

Da fragt man sich, ob man nun herzhaft lachen oder bitterlich weinen soll. Wie war das noch mal mit „postfaktischer“ Berichterstattung? Frei und losgelöst von Fakten macht die BILD sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Ja, neu ist das nicht. Mit 338 Millionen Besuchen pro Monat und einer Tagesreichweite von vier Millionen Menschen ist Bild.de noch vor SPIEGEL Online und Focus Online das mit großem Abstand erfolgreichste redaktionelle Internetangebot des Landes. Und die Leute schauen sich dort nicht nur nackte Frauen und Berichte über Fußball an. So absurd diese Berichte auch sind – sie haben gesellschaftliche Relevanz und einen nicht zu unterschätzenden Einfluss.

Auch wenn BILD eigentlich schon immer kontrafaktisch berichtet, ist dies vielen Lesern gar nicht so bewusst. Das liegt daran, dass BILD immer wieder sogenannte „Experten“ findet, denen man selbst die krudesten Zitate in den Mund legen kann. Und sogar Putins Sexmob ist natürlich „glaubwürdiger“, wenn er nicht von einem BILD-Redakteur, sondern von dem Senior Fellow einer angesehenen Denkfabrik kommt.

Wer sind eigentlich die BILD-Experten?

Wenn man jedoch mal exemplarisch überprüft, wer denn da bei BILD zum Experten ernannt wird und aus welcher Ecke diese Experten kommen, wird schnell auch die Methode der BILD klar. In der aktuellen Artikelserie zum „hybriden Großangriff zur Bundestagswahl“ kommen folgende Experten zu Wort:

  • Jānis Sārts, Direktor des NATO STRATCOM Center of Excellence, also der NATO-Abteilung für “strategische Kommunikation”.
  • Maksymilian Czuperski, Berater für „strategische Kommunikation“ beim Atlantic Council, einer sehr einflussreichen US-Denkfabrik, die vor allem von den großen amerikanischen und europäischen Rüstungskonzernen (Airbus, Lockheed Martin, Krauss-Maffei Wegmann, Raytheon, Thales, Boeing und Northrop Grumman Aerospace) finanziert wird.
  • Gustav Gressel, ein Senior Policy Fellow beim European Council of Foreign Relations, einer europäischen Denkfabrik, in der das who is who der transatlantischen Community sitzt und das maßgeblich von George Soros´ “Open Society Foundations” mitfinanziert wird.
  • Anke Schmidt-Felzmann vom Swedish Institute of International Affairs, einer Denkfabrik aus Stockholm, die eng mit der Universität der schwedischen Armee zusammenarbeitet.
  • Irina Schlegel von InformNapalm, einer antirussischen Communtiy-Plattform aus der Ukraine aus dem Euro-Maidan-Umfeld.
  • Besonders abstrus ist, dass bei BILD sogar der nicht namentlich genannte „Sprecher“ der Online-Plattform „PropOrNot“ zu Wort kommt. PropOrNot ist die Gruppe, die nahezu die kompletten alternativen Medien der USA jüngst als „Fake-News-Verbreiter“ im Auftrage Putinsbezeichnet hat und die mittlerweile von nahezu allen US-Medien als unseriös bezeichnet wird. Der New Yorker, weiß Gott kein russlandfreundliches Blatt, bezeichnete PropOrNot jüngst als „zwielichtige Truppe, die Wahrheit und Desinformation munter miteinander vermischt“.

Die sogenannten Experten der BILD sind also von der NATO, aus Denkfabriken im NATO-, Rüstungsindustrie- und George-Soros-Umfeld oder von antirussischen Plattformen, die im besten Falle verdächtig sind, es mit der Wahrheit selbst nicht immer so genau zu nehmen und im schlimmsten Falle als ungeschminkte Propagandaschleudern bekannt sind. Es ist ja schon fast drollig, dass ausgerechnet dieser Haufen von BILD als Gegenpart zur russischen Propagandamaschinerie rund um RT Deutsch und Sputnik aufgebaut wird. Ja, RT Deutsch und Sputnik sind staatliche Propagandasender, aber die BILD ist – siehe das Experten-Lineup – doch kein Jota besser. Im Gegenteil – RT und Sputnik geben wenigstens zu, dass sie Propaganda machen, die BILD tut immer noch so, als sei sie ein journalistisches Medium. Und das ist dann wohl der schlechteste Witz von allen. Also wenn jemand hier einen „hybriden Großangriff auf die Wahrnehmung der Deutschen“ führt, dann ist es ganz eindeutig die BILD-Zeitung.

„…deshalb meine ich, dass Sie [Angela Merkel] ein Verfassungsrisiko sind!“

Related Articles:

CIA: Putin hat Hitler 1933 zum Wahlsieg verholfen http://www.der-postillon.com/2016/12/cia-putin-hitler.html

Ratgeber: Alles, was Sie jetzt über Fake-News wissen müssen

Schäuble Vorschläge: Es muss Denkverbote geben

 

Axel Springer: Konrad Adenauer – Die Atlantik-Brücke – Erich Brost (C)


Axel Springer und die Transformation des deutschen Konservatismus in den 1960er- und 1970er-Jahren


1. Springers Kritik an den USA
2. Springers zunehmende atlantische Orientierung
3. Die Transformation des westdeutschen Konservatismus

Anmerkungen

Erzürnt schrieb Axel Springer am 17. April 1980 an seinen „Welt“-Chefredakteur Peter Boenisch. Er mokierte sich über ein aus seiner Sicht unkritisches Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Bundestag, Horst Ehmke.1 Die „Welt“ habe „einem der gerissensten Apologeten der Abkopplungspolitik“ ein Forum gegeben, der von Solidarität mit den USA rede, dabei aber „alle gängige Kritik an der amerikanischen Politik unter die Leute“ bringe. Das Ansinnen von Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen auf Eis zu legen, was „den amerikanischen Generalstab auf die Palme gebracht“ habe „wie seit langem nichts“, werde von Ehmke hochgelobt. Springer missfielen zwei Dinge: erstens, dass im bevorstehenden Wahlkampf der SPD Schützenhilfe geleistet werde (bezeichnenderweise findet sich das Schreiben auch im Nachlass des Kanzlerkandidaten der Union, Franz Josef Strauß).2 Zweitens stieß Springer auf, dass in diesem Zusammenhang einer Position eine Plattform geboten werde, die im Widerspruch zur Politik der USA und damit zum Bündnis stand.

Während sein langjähriger Weggefährte „Pepe“ Boenisch die „Welt“ liberaler gestalten und für ein jüngeres Publikum öffnen wollte, beharrte Springer auf einem prononcierten Kurs gegen die sozialliberale Schmidt-Regierung.3 Auch nach Jahrzehnten der Führung seines Medienkonzerns ärgerte sich der mächtige Verleger über Artikel aus den eigenen Blättern. Die Macher seines „Flaggschiffs“ „Welt“ folgten immer noch nicht bedingungslos ihrem obersten Chef, der die Ausrichtung seiner Zeitungen mit dem Mittel der persönlichen Intervention per Brief zu steuern versuchte.4 Inhaltlich verwundert Springers proamerikanischer Kurs kaum, gilt doch die atlantische Orientierung als eine der Konstanten des Verlags, auch wenn diese formal erst nach „9/11“ als ein die Redakteure verpflichtender Unternehmensgrundsatz fixiert wurde.5

Eine genauere historische Betrachtung zeigt indes, dass der dezidierte Atlantizismus von Springer und seinem Verlag erst allmählich adaptiert wurde und auch nach der Berlin-Krise in den 1960er-Jahren keineswegs ungetrübt war, was in der Forschung bisher nicht erkannt und erklärt worden ist.6 In der US-Administration wurde Springer 1967 wie folgt eingeschätzt: „Although his papers are strongly anti-Communist, and tend to support the U.S. on such issues as Viet Nam, they are sharply critical of alleged U.S. neglect of basic German interests and of the proposed non-proliferation treaty.“7 Der Non-Proliferation Treaty (NPT), der verhindern sollte, dass weitere Länder in den Besitz von Atomwaffen gelangten, war zu jener Zeit ein zentrales außenpolitisches Vorhaben der amerikanischen Regierung. Der stellvertretende Sicherheitsberater Francis Bator wurde bei seiner Charakterisierung Springers in einem internen Memorandum daher regelrecht ausfällig: „He is an arrogant S.O.B., and has been nasty as the devil on offset and NPT.“8 Mit offset ist ein weiteres wichtiges Projekt der Amerikaner in jenen Jahren angesprochen, bei dem Springer renitent war: die Devisenausgleichsmaßnahmen, mit denen die Bundesrepublik durch Rüstungskäufe in den USA und fiskalpolitische Operationen den Dollarabfluss durch die Truppenstationierung in Deutschland auffing und nach der amerikanischen Agenda weiter in vollem Umfang auffangen sollte.9

2

West-Berlin, Februar 1969: Richard Nixon hat sich im Schloss Charlottenburg in das Goldene Buch der Stadt eingetragen und spricht mit Axel Springer; hinter ihnen ist Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zu erkennen. Das Bild täuscht: Springer wurde von der Nixon-Administration keineswegs privilegiert. Zum einen wollte sich Henry Kissinger, der als Deutschstämmiger und Nixons engster außenpolitischer Mitarbeiter für die Behandlung der Deutschen und ihren Zugang zum Präsidenten zuständig war, nicht zu sehr in die innenpolitische Polarisierung der Bundesrepublik hineinziehen lassen, zum anderen bestanden engere Bindungen zu den nun regierungsfreundlichen Journalisten wie Theo Sommer oder Marion Gräfin Dönhoff.
(ullstein bild – dpa)

Wie wurde aus dem „devil“ Springer der Liebling der Amerikaner, der sich in seiner atlantischen Einstellung von niemandem übertreffen ließ? Und in welcher Relation steht diese Entwicklung zu derjenigen des bundesdeutschen Konservatismus? Um diese Fragen zu beantworten, werden im Folgenden die Gründe für die amerikakritische Profilierung Springers und seiner Zeitungen betrachtet (1.). Hierauf wird Springers Hinwendung zu einem dezidiert proamerikanischen Kurs erörtert (2.). Schließlich soll diese Entwicklung in die Transformation des bundesdeutschen Konservatismus der 1960er- und 1970er-Jahre eingeordnet werden (3.). Somit kann ein Beitrag zur Mediengeschichte geleistet werden, in deren Rahmen die zeithistorisch kontextualisierende und archivgestützte Erforschung des Springer-Verlags erst begonnen hat,10 und zugleich zum Transformationsprozess des bundesdeutschen Konservatismus, dessen Erforschung jenseits der Parteiengeschichte und Biografik ebenfalls erst in letzter Zeit in Gang gekommen ist.11

1. Springers Kritik an den USA

Axel Springer verfolgte in Bezug auf die USA zunächst keine einheitliche Linie. Die „Welt“ kritisierte Adenauers Westintegration und bot einem profilierten Exponenten der Kritik am Westkurs eine Heimstatt, dem ehemaligen „FAZ“-Herausgeber Paul Sethe. Ferner beschäftigte sie profilierte linksliberale Journalisten wie Erich Kuby oder Paul Grubbe. Springer selbst bewegte sich seit 1953 zunächst eher auf Adenauers außenpolitischer Linie.12 Seit 1956/57 betrieb der Verleger dann die Politisierung seines Erfolgsblatts „Bild“. Diese richtete sich in erster Linie gegen Adenauers Atomwaffenpolitik und die Stationierung amerikanischer Raketen auf deutschem Boden. Die „Welt“ war hierbei schon vorangegangen. Von „Bild“-Chefredakteur Rudolf Michael forderte Springer im November 1957 nun ebenfalls ein aggressives Aufbegehren gegen die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in der Bundesrepublik, was dann tatsächlich auch Eingang in das Blatt fand.13Und dem „Hamburger Abendblatt“ gab er die Weisung: „Kritisch gegenüber der USA-Politik! Kritisch gegenüber der Bonner Außenpolitik! Keine Atomwaffen, keine Raketen-Basen, atomwaffenfreie Zone!“14 Seinem späteren Adlatus Ernst Cramer eröffnete der Verleger 1957, der gefährliche Einfluss der Amerikaner müsse zurückgedrängt werden.15 Nach einem gescheiterten Besuch bei Nikita Chruschtschow 1958 ließ Springer den Antiatomkurs brüsk stoppen, was dem nun forcierten Antikommunismus entsprach.16 Er wurde aber zusehends misstrauisch hinsichtlich des Verhaltens der Amerikaner gegenüber den Sowjets.

Im Februar 1961 besuchte Springer den CIA-Direktor Allen Dulles in Washington und teilte ihm seine Befürchtungen hinsichtlich einer Abriegelung Berlins mit. Auch den amerikanischen Botschafter Walter Dowling und den Chef der United States Information Agency (USIA), Ed Murrow, warnte er vor einer Teilung der Stadt. Der Kennedy-Vertraute Murrow verabredete daraufhin einen Termin mit Springer. Doch kurz darauf, am 13. August, ließ Ulbricht tatsächlich die Grenzen abriegeln. Nach Springers Meinung hätten die Amerikaner dies durch sofortiges Einschreiten verhindern können. Er vermutete aber ein Agreement der Supermächte. In „Bild“ verfasste er zusammen mit dem neuen Chefredakteur Karl-Heinz Hagen anklagende Schlagzeilen gegen die Untätigkeit des Westens. Mit Adenauer kam es daraufhin zum Zerwürfnis.17 Bald versöhnte sich der „Alte“ wieder mit Springer; auch Adenauer befürchtete ein Zusammengehen der Supermächte auf Kosten der Bundesrepublik. Das Misstrauen Springers gegenüber der amerikanischen Politik blieb vorerst erhalten.

3

Bild, 16.8.1961, S. 1

Bild, 25.9.1961, S. 1

Zu Kennedy fand Springer auch persönlich keinen Draht. Bei seiner US-Reise 1961 hatte der Präsident ihm zunächst keinen Termin angeboten. Als er ihn dann doch in sein Haus nach Cape Cod einlud, brüskierte ihn Springer: Er müsse zwei afrikanische Studenten in London zum Interview treffen. Bei Kennedys triumphalem Berlin-Besuch 1963 fuhr dieser wiederum achtlos an Springers neuem Verlagssitz vorbei, obwohl der Hausherr ihn dort erwartete. Immerhin gratulierte der Präsident ihm danach schriftlich zu dem Bauvorhaben und lud ihn ins Weiße Haus ein.18

Springer war schon in den 1950er-Jahren an Bord der „Queen Mary“ in die USA gereist und hatte dort hochkarätige Gesprächspartner getroffen. In Key Biscayne kaufte er sich Appartements. Und er war von amerikaaffinen Mitarbeitern umgeben. 1954 wurde Christian Kracht sein Assistent, der in den USA Journalismus studiert und ein Volontariat beim „San Francisco Chronicle“ absolviert hatte. Während dieser Jahre unterrichtete Kracht Springer kontinuierlich über die Verhältnisse in den USA. Später wurde der eingebürgerte Amerikaner Ernst Cramer sein engster Vertrauter. Eine Liebe zum Land – wie zu Israel – scheint Springer aber nicht entwickelt zu haben. Auch sein Englisch blieb mäßig.19

Trotz aller USA-Skepsis versicherte Springer dem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß seine Sympathie für dessen Idee einer atlantischen Union, die ausgerechnet der später als vehementer Gaullist auftretende Strauß in einer Rede vor der Georgetown University in Washington im November 1961 vorgetragen hatte.20 Strauß hatte dabei von den Amerikanern gefordert, Souveränitätsrechte teilweise an eine atlantische „Spitzenautorität“ abzugeben. Dass Springer diese Idee unterstützte, ist gerade mit dessen Skepsis gegenüber einer selbstbezüglichen amerikanischen Politik zu erklären, welche die Spaltung Deutschlands und Berlins in den Hintergrund zu rücken drohe. Nachdem eine größere Resonanz ausblieb, verfolgte Strauß die Idee eines zweiten, europäischen Pfeilers einer atlantischen Zivilisation, die er zunehmend gaullistisch ausstaffierte.21 Denn aufgrund der schon in der „Spiegel“-Affäre deutlich werdenden Strategiedifferenzen mit den Amerikanern entwickelte sich Strauß unter dem Einfluss rechtskonservativer Berater wie des Journalisten Armin Mohler zu einem Amerikakritiker, der die gaullistische Orientierung auch als Vehikel zu seiner Profilierung nutzte – gegen die seit dem Kanzlerwechsel Ende 1963 dezidiert atlantisch ausgerichtete Bundesregierung unter Kanzler Ludwig Erhard und Außenminister Gerhard Schröder. Hierbei bildete er mit Adenauer, dessen Vertrautem Heinrich Krone, seinem CSU-Rivalen Freiherr zu Guttenberg, konservativ-katholischen Journalisten wie Paul Wilhelm Wenger und eben Springer eine lautstarke Phalanx.22

4

Letzterer erkundigte sich im Sommer 1964 noch etwas unsicher bei Strauß nach de Gaulles Kurs im Hinblick auf die Wiedervereinigung. Nach den deutschlandpolitischen Enttäuschungen 1958 – seiner erfolglosen Moskaureise und Chruschtschows Berlin-Ultimatum – sowie dem Bau der Berliner Mauer 1961 versicherte Springer dem nun gaullistisch positionierten Strauß erneut seine Unterstützung und bemerkte bei diesem Kurswechsel selbst: „Wie sich die Zeiten ändern!“ Zu Recht skeptisch zeigte sich Springer aber in Bezug auf de Gaulles Haltung zur deutschen Frage. Er fragte Strauß: „Sehen Sie eine Chance, Frankreich echt an unserem Problem zu interessieren?“23 Zu de Gaulles Deutschland-Besuch von 1965 hieß es in einem „Bild“-Kommentar, die Bundesrepublik könne sich das „Abrücken von Amerika nicht leisten, solange unser Land geteilt und unsere Hauptstadt eingemauert ist“. Des Generals Vision eines von beiden Supermächten losgelösten Europas sei „ein schöner Traum“, den man gerne mitträume, wenn die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas beginne.24 Das war ein „Ja, aber“ zum Gaullismus. Eine Abkehr von der atlantischen Bindung wurde – anders als heute im Hause Springer25 – für die Zeit nach einer Wiedervereinigung durchaus erwogen.

Der französische Präsident blieb beim Thema Wiedervereinigung ähnlich vage wie bei einer möglichen, von den deutschen Gaullisten als Chance gesehenen Beteiligung der Bundesrepublik an der Force de frappe. Gleich auf mehreren Feldern machten Springer und die deutschen Gaullisten nun aber ernste und zunehmende Interessenkonflikte mit den USA aus, die einen ihrer Ansicht nach besorgniserregenden Kurs steuerten. Dies betraf die fehlende Unterstützung für Initiativen in der Deutschlandpolitik, die Idee einer transatlantischen multilateralen Atomflotte (MLF), die harten Devisenausgleichsforderungen (die mit der unverhohlenen Drohung der Truppenreduzierung einhergingen), ferner die amerikanischen Forderungen nach einer Beteiligung am Vietnamkrieg und das Agreement der Amerikaner mit den Sowjets hinsichtlich eines Nichtverbreitungsvertrags.

Springer wandte sich mit seinen Bedenken gegen den atlantischen Kurs der Bundesregierung direkt an Bundeskanzler Erhard. Der Verleger erläuterte seine Position nach einem persönlichen Gespräch mit dem Bundeskanzler noch einmal in einem langen Brief, in dem er gravierende Einwände gegen die Brüskierung Frankreichs vorbrachte, welches die multilaterale Atomflotte kritisiert hatte. Im Kern wäre diese Atomflotte tatsächlich ein amerikanisch-deutsches Projekt mit möglicher Beteiligung weiterer NATO-Partner geworden, obwohl man diesseits wie jenseits des Atlantiks den Eindruck des Bilateralismus zu vermeiden suchte.26 Vor allem richteten sich die Bedenken des Verlegers gegen die „neue Strategie“ der USA, nämlich die „abgestufte Abschreckung“. Die Amerikaner seien in ihrer Geschichte nie einer direkten militärischen Bedrohung ausgesetzt gewesen. Jetzt nähmen sie stillschweigend den Status quo in Europa hin und stellten sich dort zudem nur auf begrenzte Kriege mit konventionellen Waffen ein. Die taktischen Atomwaffen würden dann allein Mitteldeutschland treffen. Die atomare Abschreckung sah Springer so in Frage gestellt – Europa sei verwüstet, bevor Atomwaffen, auch die MLF, gegen die Sowjetunion eingesetzt würden. Das französische Konzept (das aus deutscher Sicht durchaus vage war, was auch bei Springer anklang) entspreche besser den europäischen Interessen.27

5

Springers Zeitungen geizten in diesem Kontext nicht mit Amerikakritik. „Bild“ war hier schärfer; in der „Welt“ dagegen schrieben mit Ernst Cramer und Graf Finck von Finckenstein auch dezidierte Atlantiker, deren Artikel bisweilen den Unmut von Springer und „Welt“-Chef Hans Zehrer hervorriefen.28 Wie sehr Springer Mitte der 1960er-Jahre in der Johnson-Administration als Gegner wahrgenommen wurde, zeigt ein Memorandum des Nationalen Sicherheitsberaters McGeorge Bundy für den Präsidenten. Vorangegangen war eine Anfrage – besser gesagt: ein Drängen, Fordern, Bestürmen – der amerikanischen Journalistin Maggie Higgins, die für die „Welt am Sonntag“ zwei Fragen von Präsident Johnson persönlich beantwortet haben wollte: was die Schlüsselthemen der bilateralen Beziehungen seien und ob die Deutschen neue Initiativen für die Wiedervereinigung und für Berlin erwarten könnten.29 Higgins tat alles, um eine präsidiale Antwort zu erhalten: Sie berief sich auf persönliche Versprechen Johnsons, betonte die Schlüsselfunktion Springers für die deutsche öffentliche Meinung, sicherte ein _review_durch McGeorge Bundy und Außenminister Dean Rusk zu und gab sich bescheiden, da sie gar nicht als Interviewerin genannt werden würde. Bundy riet nun entschieden von dieser Sache ab. Springer sei ein „strong and emotional nationalist and he is currently taking his strategic pills straight from Dr. Franz-Josef Strauss“. Ein Interview mit Springer – statt mit freundlicher eingestellten deutschen Verlegern – würde einen Mann bevorzugen, der für eigene deutsche Atomwaffen sei und gegenüber Johnsons Politik Argwohn verbreite. Zudem würde sich Springer ein Zitat heraussuchen, das er dann attackieren könne. Bundy empfahl, Springer ein vertrauliches Signal zu senden, „that it is impossible to give this kind of interview to a paper which is spreading suspicion about the United States. That might lead to a dialogue in which we could bring him round. Germans like to be bullied.“30 Springer wurde zu dieser Zeit also genauso wahrgenommen, wie er selbst und seine Zeitungen wenig später einen Großteil ihrer (Medien-)Umwelt wahrnahmen: als latent antiamerikanisch. Der Vorgang zeigt auch, dass die Behandlung Springers auf einer hohen Ebene der amerikanischen Administration verhandelt wurde.

Eine Strategie des Springer-Verlags, Kritik an den USA zu äußern, bestand in der groß aufgemachten Wiedergabe kritischer Äußerungen aus prominentem Munde. So wurden beispielsweise Adenauers Anwürfe gegen die Status-quo-Politik der USA von „Bild“ nach einem ohnehin schon alarmistischen Interview des Altkanzlers mit der „New York Times“31noch verstärkt. Unter der Schlagzeile „Adenauer klagt an“ wurden die einzelnen Invektiven gegen die USA in dicken Lettern zusammengefasst: „Amerika versagt in Europa. Amerika schielt nur nach Asien. Amerika blind vor der Gefahr.“ Darunter platzierte die Boulevardzeitung noch als Zitat die Aussage: „Tiefes Mißtrauen in Deutschland“ und ein großes Foto von Adenauer mit Dulles. Passend dazu wurde Adenauers Ausspruch zitiert, die Vorzüge des klar denkenden und seine Versprechen haltenden Dulles finde man heute bei keinem amerikanischen Politiker.32

Bild, 10.2.1965, S. 1

Adenauers Kritik am amerikanischen Vietnamkrieg war vor allem von der Sorge motiviert, das Interesse der Amerikaner am deutschen und europäischen Schauplatz könne nachlassen. Zu dieser Zeit wurde in der Öffentlichkeit aber auch eine deutsche Unterstützung der Amerikaner im Vietnamkrieg diskutiert. Springer hatte sich definitiv festgelegt: keine deutsche Beteiligung welcher Art auch immer am sich stetig ausweitenden US-amerikanischen Vietnam-Unternehmen. In der „Bild“-Zeitung hieß es daher im März 1965 unter der Überschrift „No, Sir!“ kategorisch: „Die Deutschen wollen nicht nach Vietnam! Nicht mit Sanitätern, nicht mit Technikern – wir wollen überhaupt nicht.“ Begründet wurde die Ablehnung nicht mit Verweisen auf die deutsche Geschichte, mit Verfassungsbedenken oder der Unpopularität einer derartigen Entscheidung. Der mit „Bild“ gezeichnete, vom Verleger geschriebene oder inspirierte Artikel verwies stattdessen auf das zu respektierende Selbstbestimmungsrecht der Völker. Sei dies in Vietnam wegen der amerikanischen Interessen nicht geachtet, so könne man es auch für Deutschland nicht gegenüber den Russen einfordern. Springer argumentierte also national, versicherte aber gleichzeitig etwas paradox die Treue zu den USA.33 Er protestierte ferner schriftlich beim Chefredakteur der ebenfalls zu seinem Verlag gehörenden Tageszeitung „Der Mittag“, Hermann Rasch, der einen deutschen Vietnameinsatz gefordert hatte.34

6

Bild, 10.3.1965, S. 1

Diese Position wuchs sich zu einer Ablehnung des US-Einsatzes in Vietnam insgesamt aus. Zwei Wochen nach dem „No, Sir!“-Artikel gab „Bild“ die heftige Kritik des Vizekanzlers und FDP-Parteichefs Erich Mende mit dem Untertitel wieder: „Ostasien wichtiger als Europa?“35Gegen die Stimmungsmache des „No, Sir!“-Artikels protestierte der SPD-Pressedienst mit einem Artikel, der die Truppenforderung der USA bestritt und auf die Glaubwürdigkeit amerikanischer Politik verwies,36 getreu der vom bundesdeutschen Vietnam-Botschafter York von Wendland aufgebrachten und von Verteidigungsminister John McNamara nur zu gern verwendeten Formel: „Berlin wird am Mekong verteidigt“.37 Der sozialdemokratische Pressedienst unterstützte jetzt, im März 1965, die militärischen Maßnahmen der USA, also die Luftangriffe auf Nordvietnam, und warb für eine politische Solidarität mit den Amerikanern.38 Der Schlagabtausch ist bezeichnend für die damaligen Positionen Springers und der SPD hinsichtlich der amerikanischen Politik.

Ein Jahr später kritisierte „Bild“ die „übertrieben national-egoistische Politik der USA“, welche immer weniger Rücksicht auf die Interessen Bonns nehme. Konkret nannte die Zeitung den Verkauf eines Kunstfaserwerks an die DDR, den Abzug von 15.000 Spezialisten der US-Armee aus der Bundesrepublik und weitere geplante Truppenreduktionen in Deutschland. Der Grund für solche Maßnahmen sei der Vietnamkrieg. Johnson warf man vor, keine Reservisten einzuberufen und stattdessen auf die in Deutschland stationierten Spezialisten zurückzugreifen. Die Kritik, Johnson wolle den amerikanischen Wohlstand trotz des Vietnamkriegs erhalten, konnte in den USA nur als anmaßend aufgefasst werden.39

Ein knappes Jahr später eskalierte eine andere Auseinandersetzung. Der schwelende Streit um den Nichtverbreitungsvertrag führte Anfang 1967 zu einer erhitzten öffentlichen Debatte. Springer hatte Strauß seine Unterstützung in dieser Frage im Februar 1967 zugesichert.40 Also trugen „Welt“ und „Bild“ samt ihren sonntäglichen Schwesterblättern das Thema in die breite Öffentlichkeit. „Bild am Sonntag“ publizierte am 19. Februar 1967 einen Teilentwurf des Nichtverbreitungsvertrags (es fehlte der wichtige Artikel 3 zur Kontrolle der zivilen Nutzung der Atomenergie) unter den Schlagzeilen „Soll damit die deutsche Industrie an die Kette gelegt werden?“ und „Das Diktat der Atom-Giganten“.41Der Entwurf wurde dann in anderen Blättern nachgedruckt.42 Anstoß erregte besonders die Tatsache, dass jede Form der nuklearen Teilhabe untersagt werden, allein die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) weitgehende Kontrollrechte haben und der Vertrag unbegrenzt gültig sein sollte. Auch atlantisch orientierte Unionspolitiker und Sozialdemokraten sowie die linksliberalen Medien befürchteten in unterschiedlichem Maße eine Erpressbarkeit durch die Sowjetunion, die an einem aus der UN-Feindstaatenklausel abgeleiteten Interventionsrecht festhielt. Zudem wurde ein atomares Kartell der Supermächte erwartet, was zu Kontrolle und Spionage sowie letztlich einer Abkopplung von der zivilen atomaren Entwicklung führen könnte. Auch die europäische Einigung mit den bestehenden Atommächten Frankreich und Großbritannien sah man gefährdet. Atlantiker und Linksliberale hielten einen deutschen Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag aber für unvermeidbar, wobei man durch Verhandlungen noch entsprechende Verbesserungen erreichen wollte.43

7

Trotz gemeinsamer Vorbehalte gegen den Vertrag unterschieden sich westdeutsche Politiker und Medien sehr in der Tonlage, in der sie ihre Kritik äußerten. Auf einer Pressekonferenz während seines Spanienbesuchs führte Adenauer am 17. Februar 1967 aus, der Nichtverbreitungsvertrag sei ein „neuer Morgenthau-Plan, nur in unendlich verbesserter, besser gesagt, verteufelter Auflage, in dem man die Länder, nicht Deutschland jetzt allein, sondern eine ganze Anzahl von Ländern ausschließen will von den Fortschritten der Wissenschaft bei der Produktion von Gebrauchsgütern“.44 Im Interview mit dem „Spiegel“ sprach der Altkanzler ähnlich von einem „Morgenthau-Plan im Quadrat“.45 Kurz zuvor, am 6. Februar 1967, war Henry Morgenthau gestorben und rückte daher noch einmal in das Blickfeld der Öffentlichkeit.

Die Hoffnung auf die Atomkraft als ökonomisch ertragreiche Zukunftstechnologie war zu der Zeit keine Sonderposition Adenauers, sondern noch weitgehend unstrittig.46 Die Morgenthau-Anspielung hatte sich Adenauer aber nicht selbst ausgedacht, sondern von „Welt am Sonntag“-Kolumnist Hans-Georg von Studnitz übernommen. Dieser hatte geschrieben, mit dem Nichtverbreitungsvertrag werde die Bundesrepublik „auf das industrielle Niveau eines Entwicklungslandes“ hinabgedrückt.47 Die „Welt“ brachte einen Artikel aus der Feder eines Insiders, der charakteristisch mit „Von ***“ gezeichnet war, der den „Sperrvertrag“ – so wurde er auch von Strauß und seinem Mitarbeiter Marcel Hepp genannt48 – als unvereinbar mit dem NATO-Vertrag darstellte. Zumindest dem Geist nach verstoße er gegen die Beistandsverpflichtung; zudem hätten die USA die Konsultationsregeln missachtet. Das Vertrauen, das man selbst nicht erhalte, könne man anderen wohl kaum mehr entgegenbringen. Der Insider (offensichtlich aus dem bundesdeutschen Regierungsapparat) forderte die Bundesregierung auf, den Amerikanern die Unvereinbarkeit von NPT und NATO zu verdeutlichen.49

George McGhee, der amerikanische Botschafter in Bonn, berichtete seinem Präsidenten über die Haltung der bundesdeutschen Medien zur Nichtverbreitungsfrage wie folgt: „[…] the German press ranges from skepticism to outright hostility to the Treaty – with later attitude predominating. The Springer press, which alone among the major public German media has supported our policy in Vietnam, is among the most outspoken in its opposition to the Non-Proliferation Treaty. There are, throughout the press, dire warnings of a major breach in confidence between the U.S. and Germany over the Non-Proliferation Treaty.“50Die Einordnung der Springer-Zeitungen hinsichtlich des Vietnamkriegs war wohlgemerkt noch ziemliches Wunschdenken des Botschafters, der sich immer wieder für die bundesdeutschen Interessen und Empfindlichkeiten in die Bresche warf. Zudem trat er als Advokat Springers auf, dessen Bedeutung er als sehr hoch einstufte, was angesichts der Debatte um die Pressekonzentration in der Bundesrepublik kein Wunder war.51

8

2. Springers zunehmende atlantische Orientierung

Hegten der Springer-Verlag und Axel Springer persönlich zunächst also starke Vorbehalte gegen das amerikanische Engagement in Vietnam, so bezogen gerade die „Bild“-Titel mit Zunahme der bundesdeutschen Demonstrationen und Protestaktionen deutlich Stellung gegen amerikafeindliche Aktionen in West-Berlin und der Bundesrepublik. Dazu trug die – 1966 in der DDR gestartete – „Enteignet Springer“-Kampagne bei, welche Springer in einen existentiellen Gegensatz zur „68er“-Bewegung und damit auch zu deren fundamentaler US-Kritik brachte.52 Die Melange aus Mobilmachung gegen Anti-amerikanismus, eigener Amerikakritik und Buhlen um den Beistand der USA zeigt die „Bild“-Titelseite vom 6. April 1967, die sich ausschließlich mit dem Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Herbert Humphrey in Berlin beschäftigte. Groß aufgemacht wurde mit dem vereitelten Anschlag auf Humphrey. Elf Verschwörer der „Mao-Gruppe“ des SDS seien in einem Studentenwohnheim aufgegriffen worden. Bei dem Vorgang handelte es sich um das berühmt gewordene, über das Planungsstadium nie herausgekommene „Puddingattentat“ der Kommune I, die damit in das Licht der Öffentlichkeit trat.53 Auf derselben Seite hieß man den Vizepräsidenten willkommen und versicherte, dass die große Mehrheit der Deutschen Verständnis für den Kampf der Amerikaner in Asien habe. Die Mehrheit sorge sich aber auch darum, dass die USA Europa vernachlässigten. Im Bericht über Humphreys Gespräch mit Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger machte sich die „Bild“ allein durch das Layout und jedes Fehlen einer distanzierenden Wiedergabe Kiesingers skeptische Sicht des Nichtverbreitungsvertrags im Fett- und Sperrdruck zu eigen.

Bild, 6.4.1967, S. 1

„Bild am Sonntag“ verwies auf die „linksradikale[n] Organisationen […], darunter die in der Viermächte-Stadt zugelassene SED“ als Organisatoren von Antivietnam-Demonstrationen.54 Es ging den Springer-Zeitungen dabei weniger um die konkrete Kritik am Vietnamkrieg, die auch aus ausländischen Blättern wie der konservativen „Times“ zitiert wurde, sondern um die immer massiver werdenden antiamerikanischen Proteste. „Bild am Sonntag“ brachte neben der Protestschelte55 Personality-Stories über Johnson und seine „Lady Bird“ genannte Frau sowie ihre schwierige emotionale Situation angesichts der Lage in Vietnam.56

Für einen eindeutig atlantischen Kurs und die Zurückdrängung nationalneutralistischer Stimmen stand im Hause Springer der ehemalige KZ-Häftling Ernst Cramer, der bereits 1958 zur „Welt“ gekommen war, sich aber erst allmählich durchsetzte57 und zu Springers engstem Berater aufstieg. Der amerikanische Staatsbürger vertrat eine liberalkonservative, amerikafreundliche Linie und beargwöhnte die rechtskonservativen wie die NS-belasteten Mitarbeiter des Verlags, von denen Springer sich etwa im Falle Armin Mohlers oder Horst Mahnkes später auch trennte.58 Der jüdische Remigrant Cramer unterstützte zugleich Springers sich entwickelnde Bindung an Israel. Nachdem es 1965 wegen der unterschiedlichen Auffassungen über den atlantisch gesinnten Außenminister Gerhard Schröder, den Springer im Verbund mit seinen gaullistischen Freunden zu stürzen versuchte,59 beinahe zur Trennung von Springer und Cramer gekommen war,60 begleitete Cramer den Verleger im Juni 1966 und viele weitere Male nach Israel. Springers jetzt entstehender Israel-Enthusiasmus führte ihn auch wieder näher an dessen Schutzmacht USA heran.61

9

Ein weiterer markanter Punkt in der Entwicklung der Positionen Springers und seiner Blätter war das sich eintrübende Verhältnis zu Willy Brandt sowie zur sozialdemokratischen Außen- und Deutschlandpolitik. Springer hatte den Aufstieg Brandts lange Jahre unterstützt und begünstigt, aber seit dem ersten Passierscheinabkommen 1963 hatte sich das Verhältnis verschlechtert. Damals hatte Springer freilich noch auf persönliche Intervention von Brandts Mitarbeiter Egon Bahr umgehend die Kritik seiner Zeitungen an dem Abkommen gestoppt.62 Auch im Wahlkampf 1965 ging Springer keineswegs auf Konfrontationskurs zu Brandt.63 Im Wahlkampf 1969 positionierten sich die Springer-Zeitungen dann allerdings gegen die SPD, besonders gegen ihre deutschland- und ostpolitischen Vorstellungen. Nach dem sozialdemokratischen Wahlsieg wurde die Regierung wesentlich heftiger unter Beschuss genommen als Brandt selbst.

Durch die Entspannungspolitik sah Springer die Wiedervereinigung gefährdet – ein Ziel, das er als Bestandteil seiner Essentials in die Unternehmenssatzung der zum 1. Januar 1970 neu konstituierten AG (mit ihm als alleinigem Aktionär) aufgenommen hatte.64 Der Verleger zeigte sich nun entsetzt über des Kanzlers Bekenntnis im „U.S. News & World Report“ vom Dezember 1969, er, Brandt, spreche nicht mehr über Wiedervereinigung, sein ultimatives Ziel sei Frieden in Europa.65 Springer schrieb daraufhin einen empörten Brief an Bahr, mit dem er kurz zuvor noch in seinem Berliner Verlagsgebäude konferiert hatte. Den Briefwechsel Springer/Bahr konnte das Publikum dann im „Spiegel“ nachlesen.66 Das war der offene Bruch zwischen Springer und Brandt/Bahr, auch wenn Springer mit dem Bundeskanzler im Februar 1970 und später im August 1971 erneut persönlich zusammentraf.67 Jetzt konzentrierte sich der Kontakt auf briefliche Appelle Springers, Brandt möge sich von kommunistischen Mitgliedern der Partei wie dem Juso-Vorsitzenden Wolfgang Roth trennen und für die von der Sowjetunion Verfolgten eintreten.68

Die „Welt“ akzentuierte nun stark die Ambivalenzen der amerikanischen Position gegenüber der bundesdeutschen Ostpolitik und das Risiko einer Abkopplung von den USA.69 Dabei sammelte ihr Washingtoner Korrespondent Heinz Barth insbesondere Stimmen von Senatoren und congressmen, die der Ostpolitik kritisch gegenüberstanden. Auch „Bild“ brachte Warnungen von elder statesmen wie dem ehemaligen Außenminister Dean Acheson oder den Deutschland-Veteranen Lucius Clay und John McCloy vor Brandts „Wettrennen nach Moskau“ auf der Titelseite.

10

Bild, 11.12.1970, S. 1

Barth ermunterte zusammen mit dem CSU-Abgeordneten Walter Becher die entspannungskritischen Senatoren und Abgeordneten während der Ratifizierungsdebatte auch, entsprechend ausgerichtete Beiträge zu den Kongressakten zu nehmen. Dies wurde im „Spiegel“ und später in der „Washington Post“ kritisch notiert.70 Auch nach der heißen Phase der Ostpolitik blieb der Scheinwerfer der „Welt“ auf die Differenzen zwischen der sozialliberalen Koalition und den Amerikanern gerichtet.71 Die Amerikaner gerieten damit in die Rolle der von Springer umworbenen Verbündeten in der bundesdeutschen Auseinandersetzung über die Außenpolitik. Im März 1971 versuchte Springer die Amerikaner während des Wahlkampfes in West-Berlin zu einer deutlicheren Kritik an der Ostpolitik zu bewegen. Die SPD könne sonst mit der Unterstützung des Westens werben. Springer untermauerte dies, indem er eine tatsächlich auf Nixon und die westliche Unterstützung insgesamt abhebende Wahlkampf-Anzeige der Berliner SPD beifügte.72

Berliner SPD-Wahlwerbung 1971, die Springer einem Brief vom 5.3. an Kissinger beifügte (Nixon Presidential Library, White House Central Files, Subject Files CO, Box 32, [GEN] CO 53-2 German Federal Republic 1/1/71-; hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Harry Walter, ehem. Werbeagentur ARE. Das Foto zeigt Nixon, Brandt und in der Mitte den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz.)

Zwei Jahre später präsentierte sich Springer dem amerikanischen Botschafter in Bonn, Martin Hillenbrand, als treuer atlantischer Weggefährte. Der „latente Anti-Amerikanismus“ eines Großteils der Nachrichtenmedien habe nach der Wiederwahl von Nixon und Brandt „bestürzende Formen“ angenommen. Demgegenüber verwies er mit einer Dokumentation auf die amerikafreundliche Haltung seines Hauses, welches durch „die Kontinuität unseres Kurses zur Kontinuität der deutsch-amerikanischen Beziehungen“ beizutragen versuche – „solange wir noch unsere Stimme erheben können“, wie es in der typisch dramatischen Sprache des Verlags hieß.73 Einmal abgesehen davon, dass es sich hier um die Erfindung einer Tradition handelte, reagierte die amerikanische Administration eher spröde auf Springers Avancen, da man gegenüber den innerdeutschen Auseinandersetzungen Neutralität wahren und mit der Brandt-Regierung, bei allem Ärger über sie, zusammenarbeiten musste.

Springers Zeitungen geißelten aber nun vehement den linken Antiamerikanismus in der Bundesrepublik und dessen angebliche Verharmlosung durch die sozialliberale Bundesregierung.74 Die „Berliner Morgenpost“ empfand eine Äußerung Brandts, man solle den Amerikanern nicht nach dem Mund reden, als „anmaßenden Jargon“. Der Kanzler habe sich als „angehender Neutralist zu erkennen gegeben, als betulicher Missionar eines finnlandisierten Europas mit sozialliberalen Dirigenten, in dem geträumt, abgerüstet und mit dem kommunistischen Bären ein Tänzchen riskiert wird“. Brandt zeige sich mehr von der sowjetischen Westpolitik denn von der amerikanischen Europapolitik beeindruckt.75Komplementär brachte die „Welt“ Anfang 1974 eine regelrechte Apotheose der USA aus der Feder Wolf Schneiders, der 1971 vom „Stern“ zu Springer gewechselt war, wo er im Oktober 1973 zum Chefredakteur der „Welt“ avancierte. In seiner „Rede auf Amerika“ rühmte der ehemalige „SZ“-Amerikakorrespondent die USA als „die offenste Gesellschaft, die es je gegeben hat. […] Es ist das Land der äußersten Freiheit und der geringsten Vorurteile. Es ist eine der größten Ansammlungen von weltoffenen Menschen, netten Leuten, guten Nachbarn, die es auf Erden gibt. […] Nach technischem Standard und Produktivität, nach Vitalität und Phantasie besteht die Menschheit zur Hälfte aus den USA und zur anderen Hälfte aus dem Rest.“76 Zu diesem Rest zählte Schneider auch „Alt-Europa“, und dessen Amerikanisierung hielt er, ganz ungaullistisch, gegenüber einem globalen Kommunismus für ein sehr kleines Übel.

11

3. Die Transformation des westdeutschen Konservatismus

Wie ist die Entwicklung Springers in der Geschichte des bundesdeutschen Konservatismus zu verorten? Konservative in Politik und Medien der 1960er-Jahre waren in der Regel Amerikaskeptiker und Amerikakritiker. Bei einigen spielten traditionell kulturkritische und nationalistische Vorbehalte weiterhin eine Rolle, was sich paradigmatisch etwa an den Artikeln und Bestsellern des Journalisten Hans-Georg von Studnitz zeigt.77 Hinzu kam das Gefühl, von der Schutzmacht zugunsten einer Verständigung der Supermächte und aufgrund des Engagements in anderen Teilen der Welt, vor allem in Vietnam, im Stich gelassen zu werden. Deutsche Interessen, von der nuklearen Teilhabe bis zur Wiedervereinigung, sah man von den USA vernachlässigt. Diesen Argwohn hegten katholisch-konservative Politiker wie die Gaullisten in der Union um Adenauer, Krone, Strauß und zu Guttenberg ebenso wie Springer und die katholische Presse („Rheinischer Merkur“, „Neue Bildpost“). Trotz verbaler Ausfälle und drastischer historischer Vergleiche kann man aber für die Kerngruppe dieser politisch-journalistischen Allianz nicht von Antiamerikanismus sprechen – das transatlantische Militärbündnis stellte hier kaum jemand ernsthaft in Frage; vielmehr kritisierte man ja gerade das amerikanische „Disengagement“. Wohl aber gab es eine politische Skepsis gegenüber den USA, die nicht selten in Polemik mündete.78

Bild, 16.8.1970, S. 1: „Die Kinder besuchen einen ‚antiautoritären Kindergarten‘ in Göttingen. Ihre Eltern halten sich für modern. Und deshalb halten sie Mao für den Allergrößten. Sie merken gar nicht, wie autoritär sie ihre Kinder für ihre politischen Anschauungen mißbrauchen. Ihnen ist jedes Mittel recht, wenn es darum geht, der Öffentlichkeit ihre alberne Gleichung zu präsentieren: ‚Links ist gut, und Amis sind böse.‘ […] Allein die amerikanische Rückendeckung erlaubte die Entfaltung jener vielschichtigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Initiativen, die zu einer langanhaltenden Periode des westeuropäischen Aufbaus führten.“

Dagegen orientierten sich Liberale, nichtkommunistische Linke sowie liberale Christdemokraten an den USA und bejahten deren außenpolitische Führungs- und Schutzmachtrolle. Oft waren sie auch kulturell von den seit jeher als Land der Zukunft angesehenen USA fasziniert, besonders wenn sie dort zum Studien- oder Fortbildungsaufenthalt gewesen waren.79 Die Verschmelzung der (liberal)konservativen Seite zu einem dezidiert proamerikanischen Lager vollzog sich dann in der Auseinandersetzung mit den antiamerikanischen Protesten und der Neuen Ostpolitik. Der Antikommunismus schweißte die deutschen Gaullisten und Atlantiker zusammen: Gegen das Agreement mit dem Ostblock rief nun auch der ehedem gaullistische „Rheinische Merkur“ die USA zu Hilfe, fürchtete jedoch gleichzeitig, dass diese durch die Ostpolitik und den neuen Antiamerikanismus bei Teilen der Linken verprellt würden. Atlantiker wurden die Konservativen also weniger aus Neigung denn aus einer Einsicht in die strategische Lage: Vor der perhorreszierten Hinwendung zum Kommunismus, die im Innern durch die Protestbewegung und im Außenverhältnis durch die Ostpolitik drohe, setzte man auf die feste Bindung an die westliche Führungsmacht.80

Dies gilt gerade für Springer und seine Zeitungen, die er beständig auf seine Linie zu bringen versuchte – was keineswegs durchgehend, aber doch auf lange Sicht in den Grundzügen gelang. Dem Patrioten Springer ging es primär um die freie Selbstbestimmung Deutschlands. Sah er diese zunächst durch die amerikanische Atomwaffenstationierung und dann durch die nachgiebige Détente-Politik Washingtons bedroht, so wandelte sich dies, als er seine Ziele von sozialliberalen „Appeasement“-Politikern und (tatsächlich oder vermeintlich) kommunistisch aufgehetzten Studenten gefährdet sah. Jetzt erkannte er in den USA den einzig verlässlichen Garanten seiner eigenen Prinzipien. Dabei rangierten seit seiner Politisierung Ende der 1950er-Jahre politische Ziele vor ökonomischen. Diesen Primat der Politik konnte sich Springer angesichts seines Print-Imperiums aber auch leisten.

12

Vorläufig ist zu dem historiographisch noch kaum erfassten Wandel des deutschen Konservatismus festzuhalten:81 Ähnlich wie dieser sich 100 Jahre zuvor vom Gegner der Nationalidee zu deren Befürworter entwickelt hatte, so wurde nun die zuvor abgelehnte oder zumindest kritisch betrachtete Position des Atlantizismus – aber auch die Bejahung des technisch-industriellen Fortschritts82 – geradezu ein Signum des deutschen Konservatismus. Dies ist bis heute zu beobachten, selbst wenn dabei je nach der Ausrichtung der amerikanischen Administration Konjunkturen festzustellen sind. Die atlantische Positionierung ist seit den 1970er-Jahren aber insgesamt für die Hauptlinie des (Liberal-)Konservatismus fixiert, der nun Zustrom von Seiten der über die „68er“ ernüchterten, ehemals meist sozialdemokratischen Reformer erhielt – genannt seien nur Thomas Nipperdey, Wilhelm Hennis oder Philosophen aus der Ritter-Schule wie Hermann Lübbe.83 Die klassisch national-konservativen oder preußischen Standpunkte gerieten dagegen in Außenseiterpositionen. Dabei kamen auch generationelle Aspekte zum Tragen. Die Fundamentalkonservativen sammelten sich um neu gegründete kleinere Zeitschriften wie William S. Schlamms „Zeitbühne“, einer Art rechte „Weltbühne“, die ehemaligen Springer-Journalisten eine dezidiert konservative Heimstatt bot,84 oder „Criticón“ von Caspar von Schrenck-Notzing, wo der Gaullist Armin Mohler nun eine entscheidende Rolle spielte. Auch bei Schrenck-Notzing ist, bei aller Vermittlung des amerikanischen Konservatismus, der Impuls gegen die amerikanische reeducation überdeutlich.85 Mohlers Verhältnis zu Strauß wie zum Springer-Verlag wurde in den 1970er-Jahren distanzierter, auch wenn er gelegentlich noch im Feuilleton der „Welt“ schrieb.86 Strauß und Springer hatten sich, anders als der Fundamentalgaullist Mohler, zu dezidierten Atlantikern entwickelt. Das markierte nun eine der Bruchlinien zwischen den Mainstream- und den Rechtskonservativen.

Die große Resonanz, die zuvor in und mit den Springer-Zeitungen erzielt worden war, konnten die tendenziell amerikakritischen Rechtskonservativen nun also nicht mehr erreichen. Wie auch bei anderen Entwicklungen in der politischen Ideengeschichte ist der paradoxe Wandel des Konservatismus ein weder zeitlich noch personell noch inhaltlich genau abzugrenzender, aber doch deutlich wahrnehmbarer Prozess, der sich an der Transformation der Springer-Zeitungen zu Organen des Atlantizismus ablesen lässt. Ironischerweise wurde diese Transformation von den „68ern“ mit ihrer US-Kritik und der sozialliberalen Ostpolitik entscheidend befördert. Insofern stehen Springers Besuche in den USA, wo er von so unterschiedlichen Präsidenten wie Johnson und Reagan im Weißen Haus empfangen wurde,87 auch sinnbildlich für die ideen- und mentalitätsgeschichtliche Reise des bundesdeutschen Konservatismus nach Amerika.

Anmerkungen:
1 Das Interview erschien unter der Überschrift „Unbeirrt an der Seite der USA“; dies stand in einer gewissen Spannung zur Dachzeile „Horst Ehmke sieht keine Grenze der Solidarität mit den USA, aber eine Grenze der Vernunft“ (Welt, 17.4.1980, S. 5).

2 Springer an Boenisch, 17.4.1980, in: Archiv für Christlich-Soziale Politik (im Folgenden: ACSP), NL Strauß, Fam 518.

3 Hans-Peter Schwarz, Axel Springer. Die Biografie, Berlin 2009, S. 605-609. Die Differenzen zwischen Springer und Boenisch führten 1981 zur Verabschiedung Boenischs mit einem „goldenen Handschlag“.

4 Vgl. für diese Praxis auch Karl Christian Führer, Erfolg und Macht von Axel Springers „Bild“-Zeitung in den 1950er-Jahren, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 4 (2007), S. 311-336.

5 „Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“ Siehe http://www.axelspringer.de/artikel/Grundsaetze-und-Leitlinien_40218.html.

6 Gudrun Kruip, Das „Welt“-„Bild“ des Axel Springer Verlags. Journalismus zwischen westlichen Werten und deutschen Denktraditionen, München 1999, S. 194f.; Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 445. Bei Kruip taucht der Name des auch für Springer wichtigen amerikakritischen französischen Präsidenten Charles de Gaulle als Orientierungsgröße überhaupt nicht auf, in der ansonsten luziden Biografie von Schwarz nur einmal (im Zusammenhang mit 1968); vgl. Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 470.

7 Vgl. Benjamin R. Read, Memorandum for Walt W. Rostow, 28.2.1967, in: Lyndon Baines Johnson (im Folgenden: LBJ) Library, National Security File (im Folgenden: NSF), Country File, Box 187, Germany Memos, Vol. XII [3 of 3].

8 Francis Bator, Memorandum for Walt W. Rostow, 17.4.1967, in: LBJ Library, NSF, Country File, Box 188, Germany Memos, Vol. XIII [2 of 2]. S.O.B. = „Son of a Bitch“.

9 Vgl. dazu Hubert Zimmermann, Money and Security. Troops and Monetary Policy in Germany’s Relations to the United States and the United Kingdom, 1950-71, Cambridge 2002.

10 Vgl. Führer, Erfolg (Anm. 4); Kruip, Das „Welt“-„Bild“ (Anm. 6); Schwarz, Springer (Anm. 3); Jochen Staadt/Tobias Voigt/Stefan Wolle, Feind-Bild Springer. Ein Verlag und seine Gegner, Göttingen 2009. An verschiedenen Stellen berührt wird die Geschichte des Springer-Konzerns auch bei Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973, Göttingen 2006.

11 Vgl. Frank-Lothar Kroll (Hg.), Die kupierte Alternative. Konservatismus in Deutschland nach 1945, Berlin 2005. Beiträge zum bundesdeutschen Konservatismus finden sich auch in dem disparaten, mitunter antagonistische politische Strömungen vorstellenden Sammelband von Massimiliano Livi/Daniel Schmidt/Michael Sturm (Hg.), Die 1970er Jahre als schwarzes Jahrzehnt. Politisierung und Mobilisierung zwischen christlicher Demokratie und extremer Rechter, Frankfurt a.M. 2010; ferner mediengeschichtlich: Marcus M. Payk, Ideologische Distanz, sachliche Nähe. Die USA und die Positionswechsel konservativer Publizisten aus dem „Tat“-Kreis in der Bundesrepublik bis zur Mitte der 1960er Jahre, in: Jan C. Behrends/Árpád v. Klimó/Patrice G. Poutrus (Hg.), Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu West- und Osteuropa, Bonn 2005, S. 225-249; ders., „… die Herren fügen sich nicht; sie sind schwierig.“ Gemeinschaftsdenken, Generationskonflikte und die Dynamisierung des Politischen in der konservativen Presse der 1950er und 1960er Jahre, in: Franz-Werner Kersting/Jürgen Reulecke//Hans-Ulrich Thamer (Hg.), Die zweite Gründung der Bundesrepublik. Generationswechsel und intellektuelle Wortergreifungen 1955–1975, Stuttgart 2010, S. 46-67; ders., Antikommunistische Mobilisierung und konservative Revolte. William S. Schlamm, Winfried Martini und der „Kalte Bürgerkrieg“ in der westdeutschen Publizistik der späten 1950er Jahre, in: Thomas Lindenberger (Hg.), Massenmedien im Kalten Krieg. Akteure, Bilder, Resonanzen, Köln 2006, S. 111-137. Als Überblick vgl. Axel Schildt, Konservatismus in Deutschland. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1998.

12 Vgl. Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 209ff.

13 Vgl. Führer, Erfolg (Anm. 4).

14 Zit. nach Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 263.

15 Vgl. Claus Jacobi, Der Verleger Axel Springer. Eine Biographie aus der Nähe, München 2005, S. 43.

16 Vgl. Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 285, S. 290.

17 Vgl. Bild, 16.8.1961, S. 1; Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 344-354.

18 Vgl. Jacobi, Verleger (Anm. 15), S. 184-189.

19 Vgl. ebd., S. 23, S. 159, S. 166; Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 316.

20 Dies wird aus einem späteren Brief Springers ersichtlich; vgl. Springer an Strauß, 24.7.1964, in: ACSP, NL Strauß, Fam 518. Zu Strauß’ Vorschlag siehe Tim Geiger, Atlantiker gegen Gaullisten. Außenpolitischer Konflikt und innerparteilicher Machtkampf in der CDU/CSU 1958–1969, München 2008, S. 105. Die deutschen Gaullisten strebten ein engeres Zusammengehen mit Frankreich an, eine eigenständigere europäische Politik; sie folgten den Vorstellungen des Generals aber keineswegs vorbehaltlos.

21 Vgl. die Interviews mit Strauß im Deutschen Fernsehen (DFS), „Unter uns gesagt“, 10.3.1965, 21.45 Uhr, in: BPA Kommentarübersicht des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (BPA), 11.3.1965, Anhang I, Zitat S. 16, und in: ZEIT, 8.4.1966, S. 9. Die BPA-Kommentarübersichten zum Rundfunk sind im Archiv des Hauses einsehbar.

22 Vgl. neben Geiger, Atlantiker (Anm. 20), v.a. Eckart Conze, „Atlantiker“ und „Gaullisten“: Eine Kontroverse zur deutschen Außenpolitik aus den 1960er Jahren, in: Ulrich Schlie (Hg.), Horst Osterheld und seine Zeit (1919–1998), Weimar 2006, S. 99-124; ders., Die gaullistische Herausforderung. Die deutsch-französischen Beziehungen in der amerikanischen Europapolitik 1958–1963, München 1995; ders., Staatsräson und nationale Interessen. Die „Atlantiker-Gaullisten“-Debatte in der westdeutschen Politik- und Gesellschaftsgeschichte der 1960er Jahre, in: Ursula Lehmkuhl/Clemens A. Wurm/Hubert Zimmermann (Hg.), Deutschland, Großbritannien, Amerika. Politik, Gesellschaft und Internationale Geschichte im 20. Jahrhundert. Festschrift für Gustav Schmidt zum 65. Geburtstag, Stuttgart 2003, S. 197-226; Hans-Jürgen Grabbe, Unionsparteien, Sozialdemokratie und Vereinigte Staaten von Amerika 1945–1966, Düsseldorf 1983; Reiner Marcowitz, Option für Paris? Unionsparteien, SPD und Charles de Gaulle 1958 bis 1969, München 1996.

23 Springer an Strauß, 24.7.1964, in: ACSP, NL Strauß, Fam 518.

24 Bild, 12.6.1965. Die Zeichnung des Artikels mit „Bild“ spricht für eine Autorisierung durch Springer.

25 2006 sagte der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in einem Streitgespräch mit Günter Grass: „Mein Freiheitsbegriff steht über dem Dreieck: Amerika, Israel, Marktwirtschaft – das Gegenbild zu Nationalismus und Sozialismus.“ Mit dem Patriotismus tat er sich durchaus schwerer („Wir Deutschen sind unberechenbar“, in: Spiegel, 19.6.2006, S. 156-163, Zitat S. 157).

26 Auch die Labour-Regierung in Großbritannien war gegenüber der MLF aber sehr skeptisch; vgl. Susanna Schrafstetter, Die dritte Atommacht. Britische Nichtverbreitungspolitik im Dienst von Statussicherung und Deutschlandpolitik, 1952–1968, München 1999, S. 119-128.

27 Vgl. den Brief Springers an den Bundeskanzler vom 19.11.1964, in: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP), 01-724-011.

28 Vgl. Heinz Barth an Zehrer, 29.12.1965; Zehrer an Springer, 12.10.1965, in: Bundesarchiv(im Folgenden: BA), N 1311, Nr. 27.

29 Higgins an Jack Valenti, Special Assistant to the President, 10.12.1964, in: LBJ Library, NSF, Country File, Box 184, Germany Memos, Vol. VI.

30 McBundy, Memorandum for the President, 16.12.1964, in: LBJ Library, NSF, Country File, Box 184, Germany Memos, Vol. VI.

31 C.L. Sulzberger, Foreign Affairs: A Gloomy Watch on the Rhine, in: New York Times, 10.2.1965, S. 40.

32 Bild, 10.2.1965, S. 1 und letzte Seite. Zu Botschafter George McGhees Abschied schrieb Bild (10.5.1968), man habe mit ihm nicht „nur freundschaftliche Gespräche, sondern so manche harte Diskussion“ geführt.

33 „No, Sir!“, in: Bild, 10.3.1965, S. 1.

34 Vgl. Michael Jürgs, Der Fall Axel Springer. Eine deutsche Biographie, München 1995, S. 182f.

35 Bild, 23.3.1965, S. 1. Der Artikel war unter einem Beitrag gegen den US-freundlichen Schröder („Versager des Jahres“) platziert.

36 „No, Sir!“ Was uns Deutsche Südvietnam angeht, in: SPD-Pressedienst, 18.3.1965, S. 6.

37 Vgl. Alexander Troche, „Berlin wird am Mekong verteidigt“. Die Ostasienpolitik der Bundesrepublik in China, Taiwan und Süd-Vietnam, 1954–1966, Düsseldorf 2001, S. 289.

38 Wie Anm. 36.

39 Vgl. Kurt Leissler, USA überspielen Bonn, in: Bild, 26.5.1966, S. 1.

40 Vgl. Atom-Sperrvertrag: Schlag der Trommeln, in: Spiegel, 27.2.1967, S. 17-30, hier S. 21.

41 Vgl. die Titelseite und Friedrich Ludwig Müller/Martin Klaus Keune, Das Diktat der Atom-Giganten, in: Bild am Sonntag (im Folgenden: BamS), 19.2.1967, S. 2.

42 Vgl. Atomvertrag von unbegrenzter Gültigkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.2.1967, S. 4; Schlag der Trommeln (Anm. 40), S. 27, jetzt mit einem Entwurf für Artikel 3.

43 Vgl. Peter Hoeres, Außenpolitik, Öffentlichkeit, öffentliche Meinung. Deutsche Streitfälle in den „langen 1960er Jahren“, in: Historische Zeitschrift 291 (2010), S. 689-720, hier S. 706f.

44 Konrad Adenauer, Die letzten Lebensjahre 1963–1967. Briefe und Aufzeichnungen, Gespräche, Interviews und Reden, Bd. 2: September 1965 – April 1967, bearb. von Hans Peter Mensing (Rhöndorfer Ausgabe), Paderborn 2009, S. 377f.

45Interview mit Adenauer, in: Spiegel, 27.2.1967, S. 21.

46 Vgl. Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945–1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 424-430.

47 Hans-Georg von Studnitz, Morgenthaus Geist?, in: Welt am Sonntag (im Folgenden: WamS), 12.2.1967, S. 2.

48 Vgl. Marcel Hepps Streitschrift mit dem charakteristischen Titel: Atomsperrvertrag. Die Supermächte verteilen die Welt, Stuttgart-Degerloch 1968.

49 Sperrvertrag unvereinbar mit NATO-Pakt, in: Welt, 11.2.1967, S. 3.

50 Text of Cable from Ambassador McGhee for the President, 2.11.1967, in: LBJ Library, NSF, Country File, Box 188, Germany Memos, Vol. XIV [2 of 2].

51 Vgl. dazu Florian Melchert, Meinungsfreiheit in Gefahr? Die medienpolitische Debatte in der Bundesrepublik vom Fernsehstreit bis zur Anti-Springer-Kampagne (1961–1969), Diss. Bochum 2003 (Mikrofiche-Ausg.).

52 Der Springer-Verlag arbeitete schnell die Herkunft der Enteignungsparole heraus. Vgl. Verlagshaus Axel Springer, Die These von der „Enteignung des Axel-Springer-Verlages“. Ihr Ursprung und ihre Verbreitung, in: BA, N 1371, Nr. 253, Fiche 4. Die Kampagne gegen Springer kann man natürlich nicht allein auf die Diskreditierungsanstrengungen der DDR reduzieren; vgl. Staadt/Voigt/Wolle, Feind-Bild (Anm. 10), S. 76-147.

53 Vgl. Detlef Siegfried, Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 1960er Jahre, Göttingen 2006, S. 507ff.

54 Eier gegen Demonstranten, in: BamS, 22.10.1967, S. 56.

55 Vgl. Feine Freunde sind wir…, in: BamS, 4.2.1968, S. 12.

56 Vgl. die Aufmacher mit schon bezeichnenden Überschriften: „Auch der Präsident hat manchmal Angst…“ [Interview mit Mrs. Johnson], in: BamS, 27.8.1967, S. 28-33; „Johnson betete aus Angst vor dem Weltkrieg“, in: BamS, 14.5.1967, S. 1 und S. 8.

57 Zeitweilig wurde er von Springer, Zehrer und dem USA-Korrespondenten Heinz Barth zur verhassten „Schröder-Lobby“ gezählt, also zur Anhängerschaft des dezidiert atlantischen Außenministers. Vgl. Barth an Zehrer, 29.12.1965 (dort das Zitat); Zehrer an Springer, 12.10.1965, in: BA, N 1311, Nr. 27.

58 Vgl. BA, N 1311, Nr. 23, 31, 34; Axel Springer AG, Unternehmensarchiv, NL Mahnke. Siehe zu Cramer auch Kruip, „Welt“-„Bild“ (Anm. 6), S. 89, die aber nicht auf die Konflikte im Verlag zwischen der nationalkonservativen bzw. neutralistischen und der liberalkonservativ-atlantischen Richtung eingeht.

59 Vgl. Hoeres, Außenpolitik (Anm. 43), S. 697-702.

60 Vgl. Schwarz, Springer (Anm. 3), S. 409-415.

61 Zum Komplex der pro-israelischen Haltung Springers veranstalteten das Fritz Bauer Institut und das Jüdische Museum Frankfurt am Main im März 2011 die Tagung „Axel Springer. Juden, Deutsche und Israelis“; das Jüdische Museum bereitet zudem eine Ausstellung vor. Siehe den Bericht von Anne Gemeinhardt, 8.6.2011: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3675.

62 Vgl. Egon Bahr, Zu meiner Zeit, München 1996, S. 161-167.

63 Vgl. Daniela Münkel, Willy Brandt und die „vierte Gewalt“. Politik und Massenmedien in den 50er bis 70er Jahren, Frankfurt a.M. 2005, S. 53-80, bes. S. 69f.

64 Vgl. Springer: Monument geschaffen, in: Spiegel, 19.1.1970, S. 68f. Die Verpflichtung auf die Essentials wurde dort mit „der gleichgeschalteten Presse des Dritten Reiches“ verglichen, was doch stark von den Inhalten abstrahierte.

65 Vgl. Robert Haeger, Germany’s Changing Role. Interview With Chancellor Willy Brandt, in: U.S. News & World Report, 29.12.1969, S. 28-32. Brandt hatte dabei betont, es sei wichtig, eine Tür für Veränderungen offen zu lassen, so dass bei veränderten Rahmenbedingungen alle Deutschen über ihre Zukunft entscheiden könnten, was nicht notwendigerweise die Rückkehr zum alten Nationalstaat bedeute.

66„In Sorge grüßt Sie Ihr Axel Springer“, in: Spiegel, 26.1.1970, S. 52f. Die Originale bzw. Durchschläge, die auch Brandt las, vom 25. bzw. 30.12.1969 liegen in: Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Depositum Bahr, Ordner 85, 1/EEAA000251.

67 Vgl. für das Treffen auf dem Venusberg am 11.2.1970 Brandts Gesprächsnotizen, die den beiderseitigen Versuch einer Bereinigung des Verhältnisses zeigen, in: Willy-Brandt-Archiv, A 8, Mappe 91.

68 Eine englische Übersetzung dieses Appells von Springer an Brandt vom 29.8.1973 findet sich in: Nixon Presidential Library (im Folgenden: NPL), White House Central Files (im Folgenden: WHCF), Subject Files CO, Bx 31, [GEN] CO 53-1 German Democratic Republic 1/1/73-.

69 Vgl. etwa Heinz Barth, Für Washington ist Berlin das Kriterium, in: Welt, 10.8.1970, S. 4; ders., Washington sieht es schärfer, in: Welt, 6.10.1970, S. 4.

70CDU/CSU: Wohl was locker?, in: Spiegel, 24.4.1972, S. 36-42; John M. Goshko, Axel Springer: Germany’s Luce, in: Washington Post, 22.4.1973, S. B1f., hier S. B2.

71 Dies kam schon in den Überschriften der Korrespondentenberichte deutlich zum Ausdruck; vgl. etwa anlässlich einer US-Visite Brandts: Heinz Barth, Keine volle Einigkeit zwischen Bonn und Washington, in: Welt, 2.5.1973; ders., Sprache der Distanz, in: Welt, 4.5.1973. Die entsprechende Schlagzeile der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3.5.1973 lautete dagegen: „Washington und Bonn stellen das Trennende zurück“.

72 Vgl. Springers Brief vom 5.3.1971, in: NPL, WHCF, Subject Files CO, Box 32, [GEN] CO 53-2 German Federal Republic 1/1/71-.

73 Vgl. Springer an Hillenbrand, 5.2.1973, und dessen diplomatisch-belanglose Antwort vom 21.2.1973, in: Axel Springer AG, Unternehmensarchiv, NL Boenisch, Nr. 11.

74 Vgl. Erhard für engere Beziehungen zu USA, in: WamS, 18.2.1973; Bernt Conrad, Kampagne gegen den Partner, in: Welt, 20.3.1973; Die Amerikaner müssen bleiben, in: Hamburger Abendblatt, 28.3.1973; Georg Schröder, Die Fassade der Freundschaft zu Amerika zeigt Risse, in: Welt, 30.3.1973; Norbert Mühlen, Frühjahr des Mißvergnügens, in: WamS, 1.4.1973; CDU-Politiker kritisieren antiamerikanische Tendenzen, in: Welt, 2.4.1973; Peter Meyer-Ranke, Der Kanzler läßt verkünden: Schuld ist die Öffentlichkeit, in: Bild, 2.4.1973; Was Nixon wissen will, in: Bild, 3.4.1973.

75 Vgl. Rudolf Stiegle, Der angehende Neutralist, in: Berliner Morgenpost, 3.5.1973.

76 Wolf Schneider, Rede auf Amerika, in: Welt, 14.1.1974.

77 Vgl. Nils Asmussen, Hans-Georg von Studnitz. Ein konservativer Journalist im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 75-119.

78 Vgl. dazu und zum Folgenden: Peter Hoeres, Außenpolitik und Öffentlichkeit. Massenmedien, Meinungsforschung und Arkanpolitik in den deutsch-amerikanischen Beziehungen 1963–1974 (erscheint vorauss. 2012).

79 Eine wichtige Rolle spielte dabei neben dem Fulbright-Programm Henry Kissingers Harvard International Seminar; vgl. Holger Klitzing, The Nemesis of Stability. Henry A. Kissinger’s Ambivalent Relationship with Germany, Trier 2007, S. 76-90, S. 479ff.

80 Die zuvor amerikaskeptisch eingestellten Politiker und Publizisten waren dabei gegenüber der Neuen Ostpolitik ungleich kritischer als die traditionellen Atlantiker, die – wie etwa die Unionsabgeordneten Erik Blumenfeld, Ernst Majonica oder Rainer Barzel – zumindest Teile derselben mittragen wollten. Vgl. zu dieser abweichenden Linie Ernst Majonica, Das politische Tagebuch 1958–1972, bearb. von Hans-Otto Kleinmann und Christopher Beckmann, Düsseldorf 2011; außerdem Frank Bajohr, Hanseat und Grenzgänger. Erik Blumenfeld – eine politische Biographie, Göttingen 2010.

81 Schildt, Konservatismus (Anm. 11), spricht von einer „tiefe[n] Zäsur“ (S. 244) Ende der 1960er-Jahre, bezieht dies aber nicht auf das Verhältnis zu den USA.

82 Vgl. für die Entwicklung konservativer Revolutionäre zu technokratischen Konservativen: Dirk van Laak, From the Conservative Revolution to Technocratic Conservatism, in: Jan-Werner Müller (Hg.), German Ideologies since 1945. Studies in the Political Thought and Culture of the Bonn Republic, New York 2003, S. 147-160.

83 Vgl. Nicolai Wehrs, Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ und die Tendenzwende der 1970er Jahre, in: Livi/Schmidt/Sturm, 1970er Jahre (Anm. 11), S. 91-112.

84 Schlamm selbst war freilich ein kämpferischer Atlantiker.

85 Vgl. Caspar von Schrenck-Notzing, Charakterwäsche. Die amerikanische Besatzung in Deutschland und ihre Folgen, Stuttgart 1965.

86 In den 1960er-Jahren hatte Mohler für Springer noch eine Zeitschrift geplant; vgl. Mohler an Horst Mahnke/Springer-Verlag, 14.10.1966, in: ACSP, NL Strauß, Fam 564. Zu dieser Zeit hatte er Strauß beraten und Reden für ihn geschrieben. 1974 beklagte sich der habilitierte Mohler dann bei Strauß, dass dieser ihm nicht zu einem Lehrstuhl in Bayern verholfen habe; vgl. Mohler an Strauß, 30.3.1974, in: ACSP, NL Strauß, Fam 564.

87 Vgl. zum Besuch bei Reagan, der freilich mehr aus einem Fototermin denn einem echten Austausch bestand: Jürgs, Der Fall Axel Springer (Anm. 34), S. 101f.

Axel Springer: Konrad Adenauer – Die Atlantik-Brücke – Erich Brost (B1)


Entstehung deutscher Zeitungsverlage

Axel Springer

Adenauer Briefe


19. Februar 1959: Brief an Axel Springer, Hamburg

Sehr geehrter Herr Springer,

über unser Gespräch am 13. Februar habe ich noch sehr nachgedacht.

Ich darf wohl Ihre Ansicht über die Weiterentwicklung in dem einen Satz zusammenfassen, daß der Kommunismus auf der ganzen Linie im Rückzug sei und daß Sie daher der Ansicht sind, man brauche – auch was die Abrüstung angeht – nicht so besorgt zu sein.

Wenn das Ihre Ansicht sein sollte, so muß ich Ihnen leider sagen, dass sie m.E. nicht richtig ist. Genau das Gegenteil ist der Fall. Der Kommunismus dringt auf der ganzen Erde ständig weiter vor, abgesehen von Nord- und Südamerika sowie Australien. Ich glaube, dass das auch die Ansicht der Sachverständigen ist, ich meine jetzt nicht die beamteten, die mir zur Verfügung stehen.*

Für Ihre Reise nach den Vereinigten Staaten wünsche ich Ihnen alles Gute und hoffe, demnächst von Ihnen Weiteres zu hören.

Mit besten Grüßen
Ihr ergebener

(Adenauer)

* Aus der Antwort Axel Springers vom 25.2.1959: „Ich war allerdings sehr erschrocken, dem Brief Ihre arg vereinfachende Feststellung entnehmen zu müssen, ich hielte den Kommunismus für ungefährlich. Gerade weil ich es nicht tue, erscheint mit die rein defensive Geisteshaltung so vieler mit ihrem Los offenbar außerordentlich zufriedenen Bundesbürger unzureichend. Es war in unserer Unterhaltung die Rede davon, daß nach meiner Meinung speziell im Herzen Europas mit ausschließlich militärischem Denken keine Fortschritte in Richtung einer Ausweitung unserer freiheitlichen Ordnung zu erzielen sind“

Quelle: Original in Unternehmensarchiv Axel Springer Verlag, NL Axel Springer, auf Kopfbogen „Bundeskanzler K. Adenauer“, mit hs. Vorzimmernotiz vom 21.2.1959 „telefonisch nach London“; StBKAH 10.09, Durchschlag mit hs. Notiz Siegel „ab 20.2.“. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1957-1959 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2000, S. 215f., Anm. S. 478.

Axel Springer: Konrad Adenauer – Die Atlantik-Brücke – Erich Brost (B2)


Entstehung deutscher Zeitungsverlage

Axel Springer

Adenauer Briefe


28. Juni 1961: Brief an Axel Springer, Hamburg

Sehr geehrter Herr Springer!

Ich danke Ihnen für Ihr Schreiben vom 23. Mai 1961*, mit dem Sie mir Ihre zunehmende Sorge über die verstärkte Propagandatätigkeit der Sowjetzone mitteilen und Ihrer Enttäuschung über die mangelnde Initiative in der Bundesrepublik Ausdruck geben. Sie wissen, daß ich Ihre Sorgen teile und daß meine Enttäuschung nicht geringer ist als die Ihre. Es ist Ihnen bekannt, daß die Bundesregierung sich bereits seit vielen Jahren bemüht hat, Einrichtungen des Rundfunks und Fernsehens zu schaffen, mit denen der östlichen Drohung entgegengetreten werden kann.

Auf dem Gebiete des Rundfunks konstituieren sich zur Zeit die Aufsichtsgremien der beiden Bundesanstalten „Deutsche Welle“ und „Deutschlandfunk“.** Das Bundesgesetz, mit dem diese beiden Anstalten errichtet worden sind, ist zwar – nach vorhergegangenen langen Verhandlungen mit den Ländern – bereits Anfang Dezember 1960 verkündet worden. Seine Ausführung hat sich jedoch durch die Drohung der SPD mit einer Verfassungsklage gegen den „Deutschlandfunk“ verzögert. Der hamburgische Justizsenator, Herr Dr. Drexelius, hat bei der konstituierenden Sitzung der Rundfunkräte der beiden Anstalten noch in diesen Tagen die Erklärung abgegeben, seine Mitwirkung in dem Rundfunkrat bedeute keine Anerkennung der Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes. Ich kann das nur so auffassen, daß sich die SPD den Weg nach Karlsruhe offen halten will, wenn die Art und Weise, in der der Sender betrieben wird, nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ein allzu großer Optimismus hinsichtlich der Wirksamkeit der nun geschaffenen Bundesrundfunkanstalten ist unter diesen Umständen nicht angebracht.

Wesentlich ernster ist die Lage auf dem Gebiete des Fernsehens. Sie wissen, daß alle meine jahrelangen Bemühungen, zu einer vertraglichen Einigung mit den Ländern zu kommen, zu keinem Ergebnis geführt haben. Meine eigene Initiative, zu der ich mich, um weitere jahrelange und nutzlose Verhandlungen zu vermeiden, entschließen mußte, ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hinfällig geworden. Die Zukunft wird lehren, ob das, was die Länder nun als zweites Programm zu schaffen beabsichtigen, ein wirksames Instrument ist, den kommunistischen Propagandamethoden entgegenzutreten.

Dies ist die Lage auf dem Gebiete des Rundfunks und Fernsehens. Die in Ihrem Brief erwähnten Mißstände auf diesem Gebiet sind aber nur ein Symptom eines tiefer sitzenden allgemeinen Übels. Durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Fernsehstreit ist mit aller Deutlichkeit sichtbar geworden, in welch ernster Lage sich der Bund nicht nur hinsichtlich des Rundfunks und Fernsehens, sondern auch in vielen anderen wesentlichen Bereichen befindet. Wenn diese Entscheidung dem Bund ganz allgemein Kompetenzen auch für Angelegenheiten verweigert, die von den einzelnen Ländern gar nicht geregelt werden können, dann bedeutet das, daß unter Umständen lebenswichtige Aufgaben in Deutschland überhaupt nicht oder nicht sachgemäß erfüllt werden können, weil der Bund – nach Meinung des Bundesverfassungsgerichts – keine Zuständigkeit besitzt, die Länder aber zu keiner Einigung kommen. Die Entwicklung auf dem Gebiete des Fernsehens ist hierfür nur ein Beispiel.

Das alles wiegt um so schwerer angesichts der bei uns immer wieder geübten Praxis, die Verfassungsmäßigkeit aller bedeutsamen Maßnahmen des Bundestages und der Bundesregierung anzuzweifeln und dadurch der Tätigkeit der Bundesorgane Schwung und Initiative zu nehmen. Diese Praxis wird weniger durch die Verfassung als solche, als vielmehr durch die leider vielfach geübte enge Art und Weise ihrer Auslegung gefördert, die nicht auf das Ganze sieht und unter verschiedenen möglichen Lösungen nicht immer die vernünftige, dem Gesamtinteresse der Nation gerecht werdende Lösung wählt.

Ich habe es für notwendig gehalten, Ihnen dies etwas ausführlicher zu sagen, weil mich diese Entwicklung, die in ihrer ganzen Tragweite von der Öffentlichkeit noch gar nicht erkannt ist, mit großer Sorge erfüllt. Ich habe keinen Zweifel, daß Sie im Sinne unserer bisherigen Gespräche hierfür Verständnis haben.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Adenauer

Schenken Sie bitte auch in Zukunft diesen Fragen Ihr besonderes Interesse.

* Im Anschreiben, das Springer in Kopie auch Felix von Eckardt und Franz Josef Strauß zugeleitet hatte, einleitend die Sätze: „Während die roten Nachfolger der Braunen im östlichen Teil unseres Vaterlandes systematisch und ohne Rücksicht auf finanzielle Mittel oder bürokratische Überlegungen ihre gegen die Bundesrepublik gerichtete Tätigkeit zielbewußt ausbauen, sieht man bei uns im wesentlichen nur Streit um Kompetenzen, Formalitäten etc. Es geht uns offensichtlich zu gut. Den Pankowern geht es aber nicht nur um eine verstärkte Propagandatätigkeit gegenüber der westdeutschen Bevölkerung. Sie haben auch ihre Aktivität vor allem in den neutralen Ländern, in den Entwicklungsländern etc. während der letzten Monate enorm ausgebaut und arbeiten ständig an einer weiteren Verbesserung.“
** Durch Bundesgesetz waren am 29.11.1960 (BGBl. I, S. 862) die Deutsche Welle und der Deutschlandfunk als gemeinnützige Anstalten des Öffentlichen Rechts errichtet worden. Am 12.6.1961 hatten sich in Bonn die Rundfunkräte beider Anstalten konstituiert; den Vorsitz bei der Deutschen Welle übernahm Pressechef Felix von Eckardt, seine Stellvertretung Wilhelm Drexelius. Vgl. Bulletin, Nr. 107 vom 14.6.1961, S. 1038.

Quelle: Original in Unternehmensarchiv Axel Springer AG, NL Axel Springer, auf Kopfbogen „Bundeskanzler K. Adenauer“. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1959-1961 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2004, S. 288f., Anm. S. 528f.

Axel Springer: Konrad Adenauer – Die Atlantik-Brücke – Erich Brost (B3)


Entstehung deutscher Zeitungsverlage

Axel Springer

Adenauer Briefe


16. August 1961: Brief an Axel Springer, Hamburg

Sehr geehrter Herr Springer,

ich fürchte, Sie beurteilen die Lage nicht richtig. Was jetzt um Berlin geschehen ist, ist der allererste Anfang einer Reihe weiterer Maßnahmen gegen uns bis zur unmittelbaren Kriegsdrohung. Wenn die Dinge wirklich ernst werden, wohin wird sich dann die Nervosität der Deutschen und der Presse noch steigern? Ich stehe Ihnen gern zu einer mündlichen Aussprache am Donnerstag zur Verfügung.

Ich finde heutige „Bild“-Zeitung unmöglich, insbesondere „Adenauer schimpft auf Willy Brandt“. Ich habe auf die Beschimpfungen Brandts in Nürnberg* vom vergangenen Samstag sehr maßvoll in Regensburg geantwortet.** Brandt hat in beleidigendster Weise unsere Partei und die Bundesregierung angegriffen zu einer Zeit, als ihm genau bekannt war, daß eine Aktion gegen Berlin beabsichtigt sei.

Ich lege auf eine Besprechung mit Ihnen größten Wert.***

Adenauer

* Willy Brandt beim Deutschlandtreffen der SPD am 12.8.1961 in Nürnberg: „Die gegenwärtige Regierung hat unserem Volk jahrelang ein falsches Bild von der Weltlage vermittelt. Sie hat uns jahrelang erzählt: noch nie sei die Lage so ernst gewesen, und es hat häufig nicht gestimmt. Heute stehen wir vor der ernstesten Krise unserer Nachkriegsgeschichte, und der Bundeskanzler verniedlicht diese Dinge. Und das geschieht damals wie heute aus innenpolitischen, parteiegoistischen Gründen. Das ist unerträglich. Das ist unverantwortlich. Damit muß Schluß gemacht werden“; Wortlaut: Sozialdemokratische Partei Deutschlands (Hrsg.), Tatsachen – Argumente, Nr. 21 (August 1961), S. 4-11.
** Am 14.8.1961 auf einer Wahlkundgebung der CSU in Regensburg: „… wenn einer mit der größten Rücksicht behandelt worden ist von seinem politischen Gegner, dann ist das der Herr Brandt alias Frahm“; Wortlaut: Konrad Adenauer. Reden 1917-1967. Stuttgart 1975, S. 413-423, hier S. 417.
*** Die Unterredung kam am 17.8.1961 (ab 12 Uhr) zustande, im Beisein von Hans Globke, Heinrich Krone und Adam Vollhardt. Zur Aufzeichnung Vollhardts …

Quelle: Original des Fernschreibens in Unternehmensarchiv Axel Springer AG, NL Axel Springer, mit ms. Briefkopf „Bundeskanzler K. Adenauer“, ohne Grußformel; StBKAH 10.09, Abschrift. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1959-1961 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Paderborn 2004, S. 312, Anm. S. 541f.

%d Bloggern gefällt das: