Politik verstehen – Historische Zusammenhänge erkennen Teil 2 Allen Dulles


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 2/4)


Die schmutzigen Tricks des Allen Dulles (Teil 2/4)

Der ehemalige Diplomat und Wallstreet-Anwalt Allen Dulles versuchte sich während des Zweiten Weltkriegs persönlich als Geheimagent im neutralen Bern. Von dort knüpfte der Europakenner Kontakte zum deutschen Widerstand und rekrutierte Agenten. Nach dem Krieg beriet er die Regierung beim Aufbau eines neuen Geheimdienstes.

Teil 1: Über einen Täuschungskünstler, der die Welt zu seiner Bühne machte

Zu Beginn seiner Arbeit sammelte das OSS alles, was an Informationen über Deutschland zu erhalten war und befragte hierzu Emigranten, Seeleute und sonstige Reisende. Man legte einen Fundus an deutschen Kleidungsstücken an, damit sich Agenten nicht etwa durch einen auf amerikanische Weise angenähten Knopf verrieten. Auch Dulles beteiligte sich monatelang unter größter Geheimhaltung auch seiner Familie gegenüber am Aufbau der Organisation. Schließlich wurde entschieden, in der neutralen Schweiz eine Anlaufstelle des OSS für Informanten zu eröffnen. Aufgrund seiner europäischen Kontakte und seiner Sachkenntnis kam für die Leitung kaum jemand anderes als Dulles infrage.

Bern

Als offenbar letzter Amerikaner reiste Dulles legal in die Schweiz ein, wobei er das besetzte Vichy-Frankreich durchqueren musste. Dulles Anwesenheit und Funktion waren vor Ort ein offenes Geheimnis, was sich als nützlich für Informanten erwies, welche nach einem Ansprechpartner suchten. Um Überläufern sympathischer zu wirken kleidete sich Dulles ortsüblich und schlichter ein, als es dem Status eines Wallstreet-Anwalts gebührt hätte. Da allerhand Deutsche aus unterschiedlichen Gründen die Schweiz bereisten, brauchte sich Dulles – Codename „110“ – nicht ins Feindesland zu bewegen. Die Gestapo rechnete nicht damit, dass ein hochrangiger Geheimdienstler eine Reise nach Europa riskieren würde und vermutete Wirtschaftsspionage als Grund für Dulles Anwesenheit. Tatsächlich dürfte Dulles am Finanzplatz Schweiz auch diskrete Angelegenheiten für Sullivan & Cromwell-Kunden geregelt haben. Selbst nach Kriegseintritt belieferten amerikanische Sullivan & Cromwell-Mandanten wie Standard Oil Deutschland mit kriegswichtigen Gütern, was einigen später Anklagen wegen Verrats einbrachte, etwa 1942 Dulles Freund Prescott Bush. Die Geschäfte waren so pikant, dass Dulles dem späteren Abwehrchef der CIA James Jesus Angleton zur Auflage machte, ihn und viele seiner Geschäftspartner niemals über diese Angelegenheiten zu verhören.

Prescott Bush. Foto: U.S. Congress

In Bern ging Dulles ein Verhältnis mit der lebenslustigen Mary Anne Bancroft ein, die zum Freundeskreis Psychologen C.G. Jung gehörte. Jung („Agent 488“) wurde ein wichtiger Ratgeber und machte 1945 etwa Eisenhower zugeleitete Vorschläge, wie die Deutschen psychologisch von der Zwecklosigkeit des Widerstandes gegen die Alliierten bewegt werden könnten. Bancroft führte Dulles in die Berner Gesellschaft ein und klärte den puritanischen Pastorensohn über die Natur seiner ersten Informanten auf: Der erste Agentenring, zu dem der konservative Dulles Kontakte geknüpft hatte, bestand aus einem Netzwerk homosexueller Männer der europäischen Oberschicht, die an konspiratives Verhalten gewohnt waren.

Die weitreichenden Kontakte der Sullivan & Cromwell-Familie ermöglichten Dulles Zugang sowohl zu Mitgliedern der Vichy-Regierung als auch zum gaullistischen Widerstand. Kontakte zu den französischen Kommunisten im Untergrund, die mit ihm selbst kaum gesprochen hätten, verschaffte er sich durch einen vorgeschobenen Mittelsmann. Bezüglich der deutschen Hitler-Gegner erwies sich der gut vernetzte Geschäftsmann Gero von Schulze-Gaevernitz als hilfreich, der in Bern als Dulles rechte Hand fungierte.

Dulles Spionagetätigkeit in Bern war an sich illegal, wurde aber von den Behörden nicht beanstandet, weil diese insoweit den Überblick wahren konnten. Wenn der Amerikaner allerdings in einer Sprache telefonierte, welche die Schweizer nicht verstanden, brach schon einmal die Leitung zusammen.

Eduard Schulte

Einer der ersten wichtigen Sullivan & Cromwell-Kontakte war der deutsche Industrielle Eduard Schulte, seinerzeit Wehrwirtschaftsführer, der u.a. von einem Besuch Himmlers in einem Lager in Auschwitz berichtete. Nunmehr bestand Gewissheit, dass die Nazis ihren Vernichtungswillen gegen die Juden, der bislang von vielen als propagandistisches Gerede abgetan worden war, tatsächlich in industriellem Stil in die Tat umsetzten. Die Reaktion auf den begonnenen Holocaust blieb jedoch verhalten. Zu geheimen Kommandoaktionen im OSS-Stil sah man sich nicht veranlasst. Auch von der Geheimwaffe V2 wusste Schulte zu berichten. Aufgrund nachlässiger Codierung der Funksprüche wurde Schulte von der Gestapo als Verräter enttarnt, konnte vor dem Zugriff jedoch noch rechtzeitig gewarnt werden.

Dulles hatte gehofft, Schulte nach dem Krieg als deutschen Politiker aufbauen zu können. Dessen Vergangenheit sollte sich jedoch als zu belastet erweisen. Schulte war in Geschäfte mit Zwangsarbeitern in schlesischen Mienen involviert gewesen, mit denen man auch Dulles Mandant Prescott Bush in Verbindung brachte.

Hans Bernd Gisevius

Der in Zürich stationierte Agent des deutschen Geheimdienstes „Abwehr“, Hans Bernd Gisevius nahm mit Dulles Tuchfühlung auf. Als Gisevius in einem Abwehr-Bericht über einen geheimen Besuch eines Deutschen mit den Initialen „HBG“ bei Dulles las, konnte dessen Koch als deutscher Spion ausgemacht werden. Gisevius klärte Dulles darüber auf, dass seine Codes geknackt waren und verschaffte ihm Kontakt zum Widerstand im deutschen Militär.

Hans Bernd Gisevius

Washington war von Dulles sonstigen Informationen wenig begeistert. Insbesondere Dulles Prognosen erwiesen sich oft als falsch, etwa die Fehleinschätzung, Hitler würde 1943 keinen Russlandfeldzug wagen. Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass Dulles die psychologische Wirkung des Bombenkrieges auf die deutsche Zivilbevölkerung als viel zu gering beurteilt hatte. Dulles Ruf wurde jedoch überraschend von einem Selbstanbieter gerettet.

Fritz Kolbe

Ein Mitarbeiter des auswärtigen Amtes in Berlin war zu dem Schluss gekommen, dass der Krieg und das Hitler-Regime so schnell wie möglich beendet werden müssten – mangels Alternativen durch Verrat der eigenen Leute. Auf einer Dienstreise nach Bern schmuggelte er eine Vielzahl an Geheimdokumenten, in dem er sie mit Bindfaden um seine Schenkel schnürte, damit sie keinen Abdruck unter seiner Kleidung hinterließen. Aus eigenem Antrieb bot Fritz Kolbe sein Material der britischen sowie der amerikanischen Botschaft an, die ihn jedoch als möglichen deutschen Doppelagenten und Provokateur abtaten. Als letzte Anlaufstelle nannte man ihm Dulles Büro. Nach anfänglicher Skepsis war Dulles jedoch überwältigt von der Menge der Dokumente, die Kolbe im Akkord abgeschrieben hatte.

Fritz Kolbe. Foto: U.S. Government Archives

Kolbe wollte sich seinen Verrat nicht bezahlen lassen und akzeptierte auf Drängen von Dulles lediglich Spesen wie etwa für Schweizer Schokolade, welche er einer Berliner Beamtin mitbrachte, die ihm nicht zuletzt deshalb weitere Reisen in die Schweiz genehmigte. Kolbe, der Jahrzehnte lang nur unter seinem Agentenpseudonym George Wood bekannt war, lieferte unter Lebensgefahr nicht weniger als 1.600 Geheimdokumente aus dem Außenministerium und gilt als der möglicherweise wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs. Es war Kolbe, der vor jenem deutschen Spion namens „Cicero“ in der Britischen Botschaft in Ankara warnte.

Ein großes Problem stellte die Menge von Kolbes geliefertem Material dar, die es nach Washington codiert zu übermitteln galt. Tragischerweise erkannte das OSS zunächst nicht die Qualität des Materials, da es im Widerspruch zu den Erkenntnissen anderer scheinbar besserer Quellen stand und man es daher für lancierte Desinformation hielt. Erst der britische Geheimdienstmann (und russische Doppelagent) Kim Philby bestätigte durch Abgleich mit entschlüsselten deutschen Funksprüchen die Echtheit von Kolbes Dokumenten.

Valkyrie

Im März 1943 nahmen auch konservative Deutsche, die vor allem eine sowjetische Diktatur fürchteten, Kontakt zu Dulles auf, etwa Carl Friedrich Goerdeler. Geplante Mordanschläge auf Hitler sowie der Vorschlag, sich nach einem Putsch mit Deutschland zu verbünden und stattdessen gemeinsam gegen die Sowjets zu kämpfen, waren Dulles nicht unsympathisch. So hatten etwa die Amerikaner und Briten den Sowjets verschwiegen, dass sie den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma gebrochen hatten, und ihnen bei den verlustreichen Kämpfen im Osten insoweit keine Hilfe geboten.

Roosevelt jedoch akzeptierte einzig eine bedingungslose deutsche Kapitulation. Dulles vehement vertretene Gegenansicht, diese Politik führe für das Land und jeden einzelnen Deutschen in die Katastrophe, interessierte Washington nicht. Während auch Churchill eine bedingungslose Kapitulation forderte, war dies nicht die Position Moskaus gewesen. Seine zunehmend hochrangigen deutschen Gästen scheint Dulles nicht für eine bedingungslose Kapitulation gewonnen zu haben. Die Chance, den Krieg um über ein Jahr zu verkürzen, wurde vertan. Beim gescheiterten Attentat vom 20. Juli war Dulles nur Zaungast.

Falschspieler

Die wesentlichsten nachrichtdienstlichen Erkenntnisse wurden im Zweiten Weltkrieg nicht von klassischen Spionen gewonnen, sondern durch Luftaufklärung und Funkentschlüsselung. In den letzten Kriegsjahren spielten insoweit geheimdienstliche Desinformationsmanöver und Kriegslisten eine zunehmend größere Rolle. Der britische Geheimdienst hatte im eigenen Land fast alle deutschen Agenten heimlich enttarnt und spiegelte durch koordiniert simulierte Agentenfunksprüche den deutschen Aufklärern ein falsches Lagebild zu.

Das gleiche Spiel vollführte der deutsche Geheimdienst „Abwehr“ in den besetzten Niederlanden, wo ebenfalls fast alle Funkagenten des dortigen Widerstands „umgedreht“ worden waren. Um London eine noch existierende niederländische Widerstandsbewegung vorzutäuschen verübte die Abwehr Anschläge auf eigene Objekte wie Schiffe und Funkmasten. Alliierte Agenten, die sich mit den vermeintlichen Widerständlern treffen wollten, gingen in die Falle.

Um von der geplanten Landung in der Normandie abzulenken wurden in einer intensiven Desinformationskampagne Vorbereitungen für eine scheinbare Landung in Calais vorgetäuscht, etwa durch Attrappen von Lastenseglern und geschäftigen Rüstungsbetrieben, welche die deutsche Luftaufklärung in die Irre führen sollten, sowie durch gestreute Gerüchte in ausländischen Zeitungen. Auch das deutsche Militär imitierte etwa ganze Flughäfen und tarnte die Originale, um alliierte Bombardements fehlzuleiten.

Um von Berlin abzulenken inszenierte man Bauarbeiten an einer „Alpenfestung“, in welche scheinbar die deutsche Staatsleitung verlegt worden sei. Bei der Ardennenschlacht waren sich auch die an Materialknappheit leidenden deutschen Generäle für keinen schäbigen Trick zu schade: So maskierten sich Regimenter mit scheinbaren US-Uniformen, um sich zu Überraschungsangriffen an alliierte Verbände anzuschleichen. Absolute Geheimhaltung, Funkstille und Funktäuschungen waren wesentliche Faktoren, welche die unsausweichliche Niederlage jedoch nur verzögern sollten.

Cianos Bücher

In der Schweiz traf auch Mussolinis Tochter ein, deren Mann Graf Galeazzo Ciano bei ihrem Vater in Ungnade gefallen und gerade exekutiert worden war. Ciano war Zeuge der Geheimgespräche zwischen Mussolini und Hitler gewesen, worüber er ausgiebig Tagebuch geführt hatte. Die Comtesse Ciano schmuggelte auf ihrer Flucht die Tagebücher, indem sie sich die Fracht um den Bauch band und so eine Schwangerschaft vortäuschte.

Eine Veröffentlichung der von Dulles besorgten Dokumente wäre für die psychologische Kriegsführung von hohem Wert gewesen, jedoch konnte über die Abdruckrechte erst eine Einigung erzielt werden, als der Krieg bereits beendet war.

Bei der Landung in Italien kooperierten die Amerikaner mit örtlichen Mafiaclans, wobei man sich hierzu der Kontakte von in den USA inhaftierten Mafiosi bediente, die zu Vermittlungszwecken unkonventionell freigelassen wurden.

Operation Sunrise

In den letzten Kriegstagen hatte Dulles unter höchster Geheimhaltung die hohen SS-Leute Karl Wolff und Walter Rauff empfangen, deren Kontakte er für den von Dulles längst geplanten Kampf gegen die Sowjets rekrutierte – die eigentlich noch Verbündete waren. Wolff, der direkt Himmler unterstand und persönlich für den Mord an 300.000 Juden verantwortlich gewesen war, wurde von Dulles zum „Dissidenten“ stilisiert und konnte 17 Jahre unbehelligt als Waffenexporteur prosperieren. Rauff, der u.a. für die Morde durch „Gaswagen“ verantwortlich gewesen war, konnte nach Chile entkommen. Dulles ersparte vielen seiner späteren Kooperationspartner die Haft in Internierungslagern, wie sie etwa sein später wichtigster Mann General Reinhard Gehlen erdulden musste, sowie Gerichts- und Entnazifizierungsprozesse. Nicht wenige Historiker betrachten die Operation Sunrise genannte Geheimaktion als den Beginn des Kalten Krieges.

Karl Wolff

Ende des OSS

Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg reiste Dulles ins nun zerstörte Berlin. Wie Donovan wollte er den im Krieg improvisierten Geheimdienst in Friedenszeiten fortführen. Doch das OSS hatte weder die Militärs, noch die Partnerdienste überzeugt. Die Rivalität zwischen dem erfahrenen britischen Geheimdienst und den Wallstreetcowboys hatte seltsame Blüten getrieben. Während die dem Pentagon angegliederte erfolgreiche Signalspionage der damals absolut geheimen NSA fortgeführt wurde, waren die Erkenntnisse aus der klassischen Spionage des OSS schwach geblieben.

Von den geknackten japanischen und deutschen Funksprüchen hatte man das vom Gegner schnell infiltrierte OSS von Anfang an ferngehalten. Als Japan 1943 den Versuch des OSS bemerkte, aus der Botschaft in Lissabon ein Codebuch zu stehlen, änderte es sofort die bereits geknackte Verschlüsselung, so dass die Signalspione für den Rest des Krieges blind blieben. Auf einer Cocktailparty in Bukarest hatte Donovan sogar seine Brieftasche verloren, die von einer Tänzerin an die Gestapo geliefert wurde. Der Bericht über die Mantel und Degen-Spione, deren Fehler Tausende französischer Widerständler das Leben gekostet hatte, fiel vernichtend aus.

Durch eine Indiskretion des FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der von Anfang an gegen das OSS opponiert hatte, gelangten die Pläne des rechtskonservativen Donovan an die Presse und lösten eine nicht unberechtigte Furcht vor einer Art amerikanischen Gestapo aus. Auch der kurz darauf vereidigte Präsident Harry Truman hielt nichts von Spionageromantik und löste die geringgeschätzte Organisation im September 1945 innerhalb von 10 Tagen auf. Die Abwehr feindlicher Agenten wurde durch das 1942 vom Militär gegründete Counter Intelligence Corps (CIC) übernommen, die Sammlung von Auslandsinformationen von einer Central Intelligence Group (CIG). Daraufhin erhoben die OSS-Veteranen ein Klagegeschrei, gründeten eine gut vernetzte 1.300 Mitglieder zählende OSS-Gesellschaft und rühmten sich ihrer angeblichen Heldentaten in Hunderten von Romanen, Comics und sogar einem Spielfilm.

New York

Dulles kehrte zurück zu Sullivan & Cromwell. Sein Bruder John Foster Dulles, inzwischen Hauptberater des republikanischen Gouverneurs und späteren Präsidentschaftskandidaten Thomas Dewey, war 1944 im Wahlkampf von der Demokratischen Partei öffentlich als Wall Street-Manipulateur angegriffen worden, dessen Beziehungen zur Schroeder-Bank und zur deutschen Industrie Hitlers Aufstieg erst möglich gemacht hätten. Dies hinderte John Foster jedoch nicht daran, seinen Einfluss bei der Gründung der Vereinten Nationen geltend zu machen. Die Offerte New Yorks, Gastgeber des aus dem Pariser Völkerbund hervorgegangenen Parlaments zu werden, war dem Geheimdiensthistoriker James Bamford zufolge ein Danaergeschenk: Auf diese Weise war es für die Signalspione der NSA einfacher, die Abgeordneten vor Ort abzuhören. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg waren die Dulles-Brüder mit der Finanzierung des Wiederaufbaus des im Krieg zerstörten Europas, insbesondere Deutschland befasst, dem Marshall-Plan.

Good Germans

Allen Dulles kämpfte gegen die öffentlichen Meinung an, alle Deutschen seien Nazis gewesen und verwies auf die „Good Germans“. 1947 veröffentlichte er sein Buch „Germany’s Underground“, das auch auf deutsch erschien und erstmals in den USA Partei für deutsche Dissidenten gegen Hitler ergriff. Das Buch wurde ein Flop, rief jedoch ein „Komitee gegen den Dritten Weltkrieg“ auf den Plan, das öffentlich darauf hinwies, dass derselbe Allen Dulles, der „die Deutschen entschuldige“, sich einst für Hitlers Bankiers verwandt hatte. Schwer wog insbesondere der Hinweis auf Dulles Freundschaft mit Hitlers Reichswehrminister Schulte. Dies ließ Dulles Bemühungen für eine Kooperation mit Deutschland und dessen Industriellen in einem ungünstigen Licht erscheinen.

Lobby

Dulles selbst sprach sich öffentlich gegen die Gründung eines staatlichen Auslandsgeheimdienstes aus, der aufgrund bürokratischer Hindernisse ineffizient sei. Tatsächlich jedoch wollte er nichts anderes als die Arbeit des OSS fortzusetzen. Er engagierte sich in zahlreichen außenpolitischen Pressure Groups und organisierte die Gründung scheinbar durch private Spenden gestützter Propagandainstrumente, welche die europäische Bevölkerung im Westen wie im Osten subversiv im Sinne der USA beeinflussen sollten, die tatsächlich jedoch verdeckt von der US-Regierung finanziert wurden.

Trotz Dulles konservativer Einstellung sprach er sich dafür aus, in Europa linke Intellektuelle verdeckt zu fördern, da sie hierdurch von noch linkeren Kommunisten isoliert und letztere geschwächt werden sollten.

Central Intelligence Agency (CIA)

Nach zwei Jahren Lobbyarbeit beschloss der Kongress im September 1947 erneut den Aufbau eines direkt dem Präsidenten unterstehenden Geheimdienstes. Bei den Gründungsverhandlungen hatte Dulles die Spionageverdienste des OSS maßlos übertrieben, erweckte den Eindruck, man wolle gewaltfrei im Ausland Informationen sammeln und bräuchte nur wenige hundert Mitarbeiter (1953 bereits 10.000). Im später verabschiedeten Aufgabenkatalog des National Security Act fand sich jedoch unter Punkt 3 die Aufgabe, die subversive Einmischung in die Angelegenheiten anderer Völker und Staaten für den Fall vorzubereiten, dass eine solche Einmischung notwendig werden solle. Die USA erklärten als erste Nation der Welt in Friedenszeiten Subversion auf fremdem Staatsgebiet zu einem offiziellen Mittel der Politik. Geleitet wurde der Dienst zunächst von Militärs.

Italien

Zu den ersten subversiven Operationen der CIA gehörte die Bekämpfung der italienischen Kommunisten. Hierzu finanzierte die CIA verdeckt die US-freundliche Partei Democratia Christiana. Die benötigten Gelder organisierte ein gewiefter und gut vernetzter Wallstreetanwalt namens Allen Dulles. Damit nicht genug: Dulles arrangierte, dass 5% der Mittel, die in den Marshall-Plan flossen, über Umwege, die man heute Geldwäsche nennen würde, der CIA für verdeckte Missionen zur Verfügung standen. Die Democratia Christiana gewann die Wahl und erfreute sich auch in den kommenden Jahrzehnten amerikanischer Geldkoffer.

Frankreich

Auch die französischen Kommunisten, die auf einen großen Streik hin arbeiteten, wollten von der CIA gemaßregelt werden. Durch Bestechung einzelner Funktionäre gelang es, die mächtige französische Gewerkschaft in einen kommunistischen und einen gemäßigten Flügel zu spalten und hierdurch entscheidend zu schwächen.

Bogotazo

Während einer Diplomatenkonferenz in Kolumbien kam es in Bogota zu einem Bombenattentat, das die öffentliche Meinung Kommunisten zuschrieb, obwohl sich später herausstelle, dass es sich um eine private Vendetta gehandelt hatte. Präsident Truman hatte von der CIA keinerlei Informationen über die „kommunistischen Umtriebe“ erhalten. Das vermeintliche Versagen der CIA wollten die Republikaner im anstehenden Wahlkampf ausschlachten. Allen Dulles, der den republikanischen Präsidentschaftskandidat Dewey unterstützte, verhinderte jedoch eine politische Beschädigung der CIA durch das Bogotazo genannte scheinbare Fiasko, als deren künftiger Direktor er sich ins Spiel brachte. Zwar wurde Truman unerwartet wiedergewählt, sodass Dulles nicht zum Zuge kam, jedoch sollte sich seine parteiübergreifende Loyalität für die Spionageagentur langfristig auszahlen.
Teil 3: Zwei Jahrhunderte Rückstand im Spionagegeschäft
Teil 4: Von Kuba über Kennedy bis Vietnam

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Veröffentlicht am 8. April 2017 in Deutschland heute Abend, Tagesthemen und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

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