Der schmutzige Wahlkampf des Clemens Tönnies – „AufSchalke gibt es keine Demokratie!“ Zitat Peter Peters


Der „Brief an Clemens Tönnies“, die Vorwürfe der Opposition im Aufsichtsrat des FC Schalke 04


 

„Damit zerstören Sie das von der Vereinssatzung gut austarierte System der Kompetenzverteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Konkret ist es für unseren Verein in vielfältiger Weise nachteilig, wenn Sie per SMS Spieler suspendieren (lassen), Transferentscheidungen treffen oder über die Einstellung und Entlassung von Trainern entscheiden. Wenn Ihre Pläne dann auch noch wegen Ihrer fehlenden Distanz zur Boulevardpresse vorzeitig öffentlich werden, kommen Transfers nicht zustande („Schalke jagt Khedira“), kosten mehr (Boateng) oder verteuern Verhandlungen über Vertragsauflösungen erheblich (Di Matteo).“

 

FC Schalke 04

Königsblaue Schlammschlacht

Von DANIEL MEUREN

25.06.2016

Am Sonntag steht die Mitgliederversammlung von Schalke 04 an. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies spendiert Bratwürste – und muss um seine Wiederwahl kämpfen. Kritiker machen ihm das Leben schwer.

Steht zur Wiederwahl: Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies © DPA, FAZ.NET

Steht zur Wiederwahl: Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies
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http://m.faz.net/;artikel_bereich=galerie/aktuell/sport/fussball/bundesliga/schlammschlacht-vor-mitgliederversammlung-von-fc-schalke-04-14307890.html

Der Ball ruht noch auf Schalke. Es ist Sommerpause. Doch Ruhe ist im Gelsenkirchener Traditionsklub, der seine Anhänger emotional so stark bindet und durch Erschütterungen zugleich herausfordert wie kaum ein anderer Fußball-Bundesligaverein, bekanntlich nie. In dieser Sommerpause, in der die sportliche Verantwortung in die neuen und mit vielen Hoffnungen verbundenen Hände von Sportvorstand Christian Heidel und Trainer Markus Weinzierl gelegt worden ist, ist es ein Wahlkampf, der die Vereinsseele bewegt. Clemens Tönnies steht an diesem Sonntag bei der Mitgliederversammlung zur Wiederwahl als Aufsichtsrat.

Schalke 04 ist nämlich ein grunddemokratischer Klub, immer noch als eingetragener Verein organisiert, auch wenn der mittlerweile fast ewige Aufsichtsratsvorsitz von Tönnies den Eindruck einer Präsidialmonarchie erweckt haben mag. Der 60 Jahre alte, wohl milliardenschwere Fleischereiunternehmer trat, gestärkt durch 22 Jahre im Gremium und 15 Jahre als Vorsitzender, zwar gelegentlich auf wie ein Klubbesitzer. Tatsächlich aber steckt kein einziger Euro seines Vermögens in Schalke, wie Finanzvorstand Peter Peters auf Nachfrage bestätigte. Tönnies erkauft sich also nicht die Gunst der königsblauen Gemeinde mit seinem Vermögen.

Stattdessen tingelte der Aufsichtsratschef, der Vereinsdemokratie verbunden wie seine drei von einer Wahlkommission satzungsgemäß vorausgewählten Mitbewerber um die zwei freien Plätze im Kontrollgremium, zu Versammlungen der Fanklub-Bezirke. Bielefeld, Münster, Gelsenkirchen und Düsseldorf waren die Orte in der vergangenen Woche. Doch die Veranstaltungen fanden in einer vergifteten Atmosphäre statt.

Attacken aus dem Aufsichtsrat

Ein Teil der Anhängerschaft will Tönnies stürzen, skandierte deshalb in den Heimspielen der vergangenen Saison immer wieder „Tönnies raus“, weil sie seinem Auftreten in der Öffentlichkeit und seiner zu großen Einflussnahme auf die Vereinsführung die stetige Unruhe im Klub und vor allem rund um die Mannschaft sowie die zahlreichen entlassenen Trainer der vergangenen Jahre anlasten. Vor allem aber attackieren drei Aufsichtsratskollegen seit geraumer Zeit Tönnies intern sehr scharf, was diesen nach dessen eigenen Worten persönlich sehr trifft.

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Turbulente Veranstaltung: Informationsveranstaltung zur Schalker Aufsichtsratswahl in Bielefeld

„Sie machen etwas, das Sie nicht können, und schaden damit unserem Verein“, schrieben Axel Hefer, Andreas Horn und Thomas Wiese, drei gestandene Männer mit beachtlichen beruflichen Karrieren, Ende April nach vorangegangenen Streitigkeiten in einem Brief an Tönnies. Sie warfen ihm vor, ständig satzungswidrig ins operative Geschäft der Vorstände einzugreifen, beispielsweise bei geplanten Transfers oder Trennungen von Trainern, obgleich dem Aufsichtsrat als Gremium lediglich obliegt, bei Geschäften oberhalb von 300.000 Euro über die Genehmigung zu entscheiden.

„Damit zerstören Sie das von der Vereinssatzung gut austarierte System der Kompetenzverteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Konkret ist es für unseren Verein in vielfältiger Weise nachteilig, wenn Sie per SMS Spieler suspendieren (lassen), Transferentscheidungen treffen oder über die Einstellung und Entlassung von Trainern entscheiden. Wenn Ihre Pläne dann auch noch wegen Ihrer fehlenden Distanz zur Boulevardpresse vorzeitig öffentlich werden, kommen Transfers nicht zustande („Schalke jagt Khedira“), kosten mehr (Boateng) oder verteuern Verhandlungen über Vertragsauflösungen erheblich (Di Matteo).“

Tönnies dementierte die Vorwürfe im Magazin „11 Freunde“, dem er eines der seltenen persönlichen Gespräche der vergangenen Wochen gewährte. Anfragen von FAZ.NET beantwortete er nicht. Zum „Fall Di Matteo“ sagte er „11 Freunde“ beispielsweise: „Was hätte ich für ein Motiv gehabt, die Verhandlungen auszuplaudern? Die Berater von Di Matteo hatten da schon eher ein Motiv.“ Tönnies unterstellt seinen Gegnern, dass sie aus Machtkalkül agierten.

Angst um Unabhängigkeit des Aufsichtsrats

Die kritischen Aufsichtsräte werfen Tönnies auch vor, persönliche Interessen über die Aufgabe als Mitglied des Kontrollgremiums zu stellen und deuten an, dass der Fleischfabrikant die Rolle als Aufsichtsrat womöglich mehr zum eigenen geschäftlichen Nutzen denn zum Wohle von Schalke 04 ausübt. Sie sind zudem der Ansicht, dass der Aufsichtsratsvorsitz endlich mal in andere Hände gelegt werden müsse, damit der satzungsgemäße Geist eines solchen unabhängigen Gremiums nicht weiter durch eine faktische Ein-Mann-Herrschaft ad absurdum geführt werde.

Dennoch gibt sich das von Tönnies bei Fanklub-Veranstaltungen schon einmal als „Saboteure“ diffamierte und von Finanzvorstand Peter Peters nunin der „WAZ“ der „destruktiven Blockadepolitik“ bezichtigte Trio zum Schluss des knallhart formulierten Briefs kompromissbereit. „Wenn Sie künftig dem Vorstand das operative Geschäft überlassen und Ihre Aufgabe als Aufsichtsrat wahrnehmen, werden wir gerne kooperativ mit Ihnen zusammenarbeiten. So lange Sie als „Vorstand ohne Geschäftsbereich“ die Geschicke unseres Vereins unter Missachtung aller Regeln führen, werden wir das weiterhin – auch öffentlich – kritisieren.“

Vor Mitgliederversammlung von @S04 samt Wiederwahl von Tönnies tobt Schlammschlacht (von D. Meuren)

Der Aufsichtsrat Horn hat Tönnies derweil den Vorschlag unterbreitet, dass er doch als ehrenamtlicher Vertreter in den Vorstand wechseln möge und dann operativ mitwirken könne, damit die Fronten geklärt seien. Tönnies würde dann der Kontrolle des Gremiums unterliegen. Er reagierte auf den Vorschlag angeblich erschüttert, weshalb er den Ehrenrat eingeschaltet haben soll. Dieses Gremium, das im Vorjahr eine später vor Gericht aufgehobene Suspendierung eines anderen der kritischen Räte, Axel Hefer, ausgesprochen hatte, könnte womöglich nach der Mitgliederversammlung Horn sanktionieren.

Tönnies wirft Gegnern Wahlkampf vor

Tönnies erwidert all die Kritik mit Verweis auf das stetige Wachstum bei Schalke 04 in den 22 Jahren seiner Mitarbeit, die in der Vorsaison auch dank der Verlängerung des einst von ihm eingefädelten Gazprom-Partnerschaft beste wirtschaftliche Bilanz seit langem und auch die saubere Trennung von Manager Horst Heldt zum Vertragsende. „Wir haben ihn anders als es in der Bundesliga üblich ist, nicht mit Schimpf und Schande weggejagt. Sondern ich habe ihm von Freund zu Freund gesagt, dass wir den Vertrag nicht verlängern. Aber er durfte in Ehren gehen und bis zum letzten Tag seines Vertrags seinen Job machen“, sagt Tönnies. Heldt zeigte bei seinem Abschied mit seiner Körpersprache aber unmissverständlich, dass er sich nicht so gut behandelt fühlte wie von Tönnies suggeriert. Seinen Gegnern wirft der Aufsichtsratschef nun vor, dass sie Wahlkampf gegen ihn machten, ohne selbst zur Wahl zu stehen.

Heidel als neuer starker Mann

Sportvorstand Heidel, der sich vor seiner ersten Mitgliederversammlung zurückhält in seinen öffentlichen Äußerungen und lediglich wie die beiden der Vorstände Peters (Finanzen) und Alexander Jobst (Marketing) erklärte, dass Tönnies dem aktuellen Vorstand nicht ins Handwerk hereingeredet habe, müsste derweil die Forderungen der Kritiker eigentlich begrüßen, er dürfte so oder so von den Diskussionen um Tönnies profitieren: Der starke Mann im Klub, der als einzige Stimme für Schalke 04 sprechen darf, will er sein.

Daran ließ er bei den monatelangen Gesprächen mit Tönnies und auch den anderen Aufsichtsräten vor seinem Wechsel aus Mainz nach Schalke nie einen Zweifel. Heidel, der öffentlich betont hat, „wegen und nicht trotz Tönnies“ nach Schalke gewechselt zu sein, behauptete sogar, dass Tönnies ausdrücklich wünsche, endlich ins zweite Glied zurücktreten zu können. „Horst (Heldt) hat ungern öffentliche Auftritte wahrgenommen. Das Reden hat er oft mir überlassen“, sagte Tönnies „11 Freunde“. „So wurde ich wohl oder übel auch zu einem Gesicht von Schalke 04.“ Das soll sich künftig nicht wiederholen, weshalb er auch seiner Gattin bei einem teuren Wein zugesichert habe, nicht mehr ständig „in der ersten Reihe stehen“ zu müssen.

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Die Hoffnungsträger: Sportvorstand Christian Heidel (mit Trainer Markus Weinzierl) dürfte gestärkt hervorgehen aus der Diskussion um Tönnies

Als Konsequenz daraus soll beispielsweise die interne Kommunikation bei Schalke 04 neu geregelt werden. Bislang war es beispielsweise üblich, dass der Mannschaftsarzt seine medizinischen Bulletins zu Verletzten auch an Tönnies weiterleitete. Der Aufsichtsratschef wurde somit gelegentlich in Versuchung geführt, diese Informationen an Medien weiterzugeben. Künftig ist nur noch Heidel Adressat für diese Informationen.

Satzungsänderungsvorschläge blockiert

Tönnies‘ Gegner im Aufsichtsrat wollen Heidel in diesem Kurs bestärken. Sie trauen dabei aber nicht alleine der Autorität des jetzigen Sportvorstands. Deshalb wollten sie die Satzung derart ändern, dass die Befugnisse und auch die Haftung des Aufsichtsrats und von dessen Vorsitzendem klarer beschränkt wären als bisher und somit gewissermaßen auch ihre eigene Rolle als Kontrollorgan schwächen. Dafür wollten sie sich an den Gepflogenheiten des Aktiengesetzes orientieren, weil es in der Wirtschaft durch eine Großzahl juristischer Urteile bezüglich Haftung und Rechten von Aufsichtsräten mehr Rechtssicherheit gibt als im Vereinsrecht. Tönnies sorgte mit seiner Mehrheit im Aufsichtsrat dafür, dass die Satzungsänderungsvorschläge abgelehnt wurden und am Sonntag nicht zur Diskussion mit den Mitgliedern stehen.

Umso mehr rückt nun die Aufsichtsratswahl in den Vordergrund. Selbst die Tönnies-Kritiker gehen nicht davon aus, dass der Großschlachter das nötige Quorum verfehlen wird. Sie hoffen aber, dass Lange vom ehemaligen Düsseldorfer Sparkassenvorstand Andreas Goßmann, neben Michael Stallmann der wohl aussichtsreichere der beiden Gegenkandidaten, aus dem Amt gedrängt werden kann. Dann wäre ein vierter von Tönnies unabhängiger Vertreter im Gremium und die Zwei-Drittel-Mehrheit gebrochen, die beispielsweise bei Abberufungen von Vorständen benötigt wird.

Bei den Wahlkampfveranstaltungen wurde gerade Goßmann in eine hässliche Schlammschlacht verwickelt. Besucher, die mit der Mitglieder- und Fanszene vertraute Schalker zuvor nie gesehen haben wollen, stellten erstaunlich tiefgehende Fragen zu vermeintlichen Skandalen, die Goßmann in seiner Laufbahn als Bänker Jobs gekostet haben sollen. Goßmann erwiderte die Vorwürfe wortgewandt und souverän. Einige fragten sich derweil, in wessen Auftrag die Fragesteller gehandelt haben könnten. Die Nerven auf Schalke liegen in jedem Fall blank. Vielleicht ist es da ganz gut, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Sonntag um 18 Uhr ihr Achtelfinale gegen die Slowakei bestreitet. Spätestens dann sollte statt der nach zweistündigem Rahmenprogramm um 13.04 Uhr offiziell eröffneten Versammlung mit wohl mehr als 5000 angereisten Mitgliedern anderes in den Vordergrund rücken als die Diskussion um die Schalker Machtverhältnisse. Dann rollt endlich wieder ein Ball – und dafür soll notfalls die Versammlung unterbrochen werden.

Quelle: FAZ.NET

Bilder zur JHV AufSchalke 2016

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Veröffentlicht am 25. Juni 2016 in Blondundblau, Deutschland heute Abend, FC Schalke 04, Sport Allgemein, Tagesthemen und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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