Faktencheck: Die Krise in der Ukraine – Eine Chronologie über das eigentliche Problem für Europa


Ukraine Krieg – Chronik 2015


Chronik 2013 / 2014

März 2015

2015-04-01

Das Mantra des We­stens heißt Auf­rü­stung

Hinter den Kulis­sen fin­det ein Rin­gen der ver­schie­de­nen Ein­fluss- und In­te­res­sen­grup­pen statt. Es wird im­mer deut­li­cher, dass sich die Grä­ben in­zwi­schen quer durch al­le Fron­ten zie­hen. Die Po­li­tik im al­ten Eu­ro­pa inkl. Deutsch­land und Frank­reich ist kriegs­mü­de, scheut je­den­falls vor­erst die wei­te­re mi­li­tä­ri­sche Es­ka­la­tion. Der­weil hei­zen die trans­at­lan­tisch do­mi­nier­ten Main­stream- Me­dien die Stim­mung mun­ter an und schü­ren un­ter­schwel­lig Res­sen­ti­ments ge­gen Pu­tins Russ­land und da­mit die Kriegs­be­reit­schaft in der Be­völ­ke­rung.


Panzertransport in Österreich

Wäh­rend die NATO zer­strit­ten und so­mit ope­ra­tiv ei­ni­ger­maßen lahm­ge­legt ist, ver­su­chen die Hard­li­ner in den USA und ih­re Va­sal­len vor allem in GB, Po­len und den bal­ti­schen Staa­ten, die Si­tua­tion auf ei­ge­ne Faust zu es­ka­lie­ren. Das Zau­ber­wort der NATO heißt Auf­rü­stung und Schnel­le Ein­greif­trup­pe, wohl eine Art Kom­pro­miss zwi­schen den Hard­li­nern und den Ge­mä­ßig­ten. Auf­ge­rü­stet wer­den soll auch die ukrai­ni­sche Armee durch Waf­fen­lie­fe­run­gen aus den o.g. Staa­ten und ver­mut­lich noch ei­ni­gen an­de­ren mehr. Denn auch die na­tio­na­len Kräf­te in der Ukrai­ne selbst ha­ben das Ziel einer mi­li­tä­ri­schen Lö­sung noch lan­ge nicht auf­ge­ge­ben. Tödliche An­griffs­waf­fen (Let­hal Wea­pons) wollen die USA aber bis­lang an­geb­lich nicht lie­fern, je­den­falls nicht of­fi­ziell. Die im Ja­nuar ver­kün­de­te Ent­schei­dung des Pen­ta­gon, An­fang März US- Mi­li­tär­be­ra­ter in die Ukrai­ne zu ent­sen­den, wur­de zwi­schen­zeit­lich in Fra­ge ge­stellt, nun aber wohl doch wie­der grund­sätz­lich be­stä­tigt und le­dig­lich auf En­de April ver­scho­ben. Bri­ti­sche Aus­bil­der sind be­reits im Ein­satz (Link s.o. in diesem Ab­satz). Mal ganz un­ter uns Or­dens­schwe­stern: Vie­les von dem, was tat­säch­lich in der Ukrai­ne ge­schieht, be­kom­men wir oh­ne­hin nicht mit…

Einen wei­te­ren, das wäre dann schon der drit­te, mi­li­tä­ri­schen Fehl­schlag wird man sich al­ler­dings kaum lei­sten kön­nen. Da auf der an­de­ren Sei­te aber auch Russ­land durch sei­nen mas­si­ven Ein­satz deut­lich ge­macht hat, dass es mit Putin an der Spit­ze nicht ge­willt ist, klein bei zu ge­ben, ste­hen die Chan­cen für ei­ne mi­li­tä­ri­sche Lö­sung eher un­gün­stig und die Ri­si­ken sind enorm. Zu­dem birgt ein ein er­neut er­folg­lo­ses mi­li­tä­ri­sches Vor­ge­hen die Ge­fahr, dass die Se­pa­ra­ti­sten wie­de­rum Ge­län­de­ge­win­ne er­zie­len und schließ­lich über ein Ter­ri­to­rium ge­bie­ten, wel­ches die Grün­dung ei­nes ei­ge­nen Staa­tes ‚Neu­russ­land‚ er­mög­lich­te. In die­sem Fal­le wür­de die Ukrai­ne wohl end­gül­tig in zwei Tei­le aus­ein­an­der­bre­chen.

Destabili­sie­rung & Sanktionen

Da­her wird nun wie­der ver­stärkt auf eine De­sta­bi­li­sie­rung Russ­lands bzw. der Po­si­tion Pu­tins in Russ­land hin­ge­ar­bei­tet. Bei all der Ener­gie und dem ver­bis­se­nen Ei­fer, die von ver­schie­de­nen Sei­ten auf­ge­wen­det bzw. an den Tag ge­legt werden und den da­mit ein­her ge­hen­den Un­wäg­bar­kei­ten, er­scheint die La­ge wei­ter­hin sehr in­sta­bil und könn­te sich schon recht bald wie­der zu­spit­zen, dann wo­mög­lich fi­nal. Russ­land, Deutsch­land, Frank­reich und auch ei­ni­ge wei­te­re west­eu­ro­päi­sche Staa­ten wie et­wa Ita­lien und na­tür­lich Grie­chen­land be­mü­hen sich in­des in­ner­halb der be­ste­hen­den Po­si­tio­nen und Front­ver­läu­fe ei­nes po­li­tisch- mi­li­tä­ri­schen Gleich­ge­wich­tes er­kenn­bar um De­es­ka­la­tion.

Inner­halb der EU bröck­elt die Front der Be­für­wor­ter von Sank­tio­nen ge­gen Russ­land. Aus Grie­chen­land, Frank­reich, Un­garn oder Ita­lien kom­men immer mal wie­der of­fen oder ver­schämt Ini­tia­ti­ven, ein En­de der Sank­tio­nen ein­zu­lei­ten. Auch in an­de­ren Län­dern und in wei­ten Tei­len der Wirt­schaft wird ge­murrt. Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel, für die Sank­tio­nen of­fen­bar die (ein­zi­ge?) Al­ter­na­ti­ve zu Waf­fen­lie­fe­run­gen und hei­ßem Krieg dar­stel­len, hat Mü­he, ihr­e Schäf­chen im­mer wie­der auf Li­nie zu brin­gen. Fi­nanz­in­ve­stor Geor­ge So­ros lobt sie da­für als ‚be­ste Ver­bün­de­te der USA‚ , die sich als ech­te Eu­ro­pä­erin er­wei­se, statt deut­sche In­te­res­sen zu ver­tre­ten (!!!). Oh­ne Mer­kel gä­be es kei­ne Sank­tio­nen, meint So­ros.

Wirt­schaft am Ab­grund

Dass nun die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me in der Ukrai­ne imm­er deut­li­cher zu Ta­ge tre­ten und im­mer be­drü­cken­der wer­den, macht die La­ge nicht ein­fa­cher. Mit­te März bil­ligt der IWF ei­nen wei­te­ren Kredit in Hö­he von 17 Mrd US$. Doch trotz Kre­di­ten und Kre­dit­zu­sa­gen in Hö­he von ins­ge­samt nun wohl schon über $30 Mrd. von IWF, EU und USA steht das Land vor dem fi­nan­ziel­len Kol­laps. Dra­sti­sche Preis­er­hö­hun­gen im Be­reich Le­bens­mit­tel und Ener­gie sind be­reits ein­ge­tre­ten oder an­ge­kün­digt, eben­so ‚Re­for­men‘, wel­che die Le­bens­be­din­gun­gen für die Men­schen in der Ukrai­ne wei­ter ver­schlech­tern wer­den. Die gol­de­nen Ver­spre­chun­gen des We­stens lö­sen sich nach und nach in Luft auf, die Un­zu­frie­den­heit in der Be­völ­ke­rung wird wach­sen, das ist ab­seh­bar. Auch die Heu­schre­cken aus den USA und im We­sten ins­ge­samt schei­nen unter Druck zu ste­hen. Sie fürch­ten nicht nur um ih­re (oft­mals durch Steu­er­gel­der sub­ven­tio­nier­ten) In­ve­sti­tio­nen, auch um die Fi­nan­zen von USA und EU steht es im­mer schlech­ter. Und in der EU er­hal­ten auf­grund der sich nicht ver­bes­sern­den so­zia­len La­ge in wich­ti­gen Län­dern wie Frank­reich, Spa­nien oder Ita­lien fun­da­men­tal- op­po­si­tio­nel­le Par­tei­en und Pro­test­be­we­gun­gen wei­ter Auf­trieb, so dass auch in der po­li­ti­schen Klas­se Eu­ro­pas die Ner­vo­si­tät nicht ge­ra­de ge­rin­ger wird.

Aber die Ukrai­ne will auch in In­fra­struk­tur in­ve­stie­ren. Plä­ne zum Bau von Auto­bah­nen und ei­ner Mau­er zur Grenz­si­che­rung ge­gen Russ­land wer­den ver­kün­det. Geht es in der Ukrai­ne nun al­so mit alt­be­währ­ten deut­schen Er­folgs­re­zep­ten zu­rück in die Zu­kunft?

Es geht wieder los

‚Es muss jetzt mal was pas­sie­ren‘, so den­ken die ei­nen. ‚Jetzt darf nichts mehr pas­sie­ren‘, den­ken die an­de­ren.

Ende März wird ge­mel­det, dass die Kämp­fe im Don­bass wie­der zu­neh­men. Die Kon­flikt­par­tei­en wer­fen sich ge­gen­sei­tig An­griffs­hand­lun­gen vor. Die OSZE kon­sta­tiert Be­schuss im Front­ge­biet. Die USA lie­fern Mi­li­tär­ge­län­de­wa­gen. Frank- Wal­ter Stein­mei­er warnt vor ei­ner neu­er­li­chen Es­ka­la­tion der Ge­walt. Der Druck im Kes­sel steigt.

Links

Ukraine bekommt Milli­arden – und lie­fert nichts (Welt)
Machtkämpfe in Kiew (WiWo)
Soros: ‚Als Erster in der Ukrai­ne in­ve­stie­ren‘ (Das Investment)
Entscheidung in Mariupol (Badische Zeitung)
Uglegorsk – Re­por­tage von der Front (You­tube, Fe­bru­ar 2015)

Februar 2015

Die Offensive der Separa­tisten kommt voran. Anfang Februar gibt es Mel­dun­gen, dass eine ukrai­ni­sche Armee in einer Stärke von ca. 7.000 Mann bei Debalzewe (zwischen Donezk und Luhansk) ein­ge­kesselt sei.

USA denken an Waffen­liefe­run­gen

In den USA werden Forde­rungen nach Waffen­liefe­run­gen an die Ukraine lauter. In der EU wird man daraufhin all­mäh­lich nervös. Der Kon­flikt droht außer Kon­trol­le zu ge­ra­ten. Frank­reichs Präsi­dent Hollande warnt vor einer weiteren Eska­lation und einem tota­len Krieg. Es bleibt unklar, ob er damit einen Krieg in der Ukraine oder in Europa meint.

Am 05. Februar machen sich Merkel und Hollande spontan zu einem Blitz­besuch nach Kiew auf, einen Tag später geht es weiter nach Moskau. Bei den Ge­sprä­chen in Kiew und Moskau wird ver­ab­redet, einen erneu­ten Versuch zu unter­neh­men, einen Waffen­still­stand her­bei­zu­füh­ren.

Minsk II

Für den 11. Februar wird ein Gipfel­treffen von Putin, Merkel, Hollande und Poro­schenko in der weiß­russi­schen Haupt­stadt Minsk vereinbart. Im Hin­ter­grund lauert die Dro­hung der USA, Waffen an die Ukraine zu liefern, die ins­be­son­de­re von eini­gen ost­euro­päi­schen Regie­rungen, etwa in Polen und im Baltikum, unter­stützt wird. Merkel und Hollande ist bewusst, dass eine derartige Entscheidung den Konflikt weiter an­heizen und zu­nehmend un­kal­ku­lier­ba­rer machen würde. Der Druck ist enorm.

Bis zuletzt ist unklar, ob das Gipfel­treffen wirk­lich zu Stande kommen wird. Unge­achtet der Quer­schüs­se aus Was­hing­ton und von den media­len trans­at­lan­ti­schen Netz­werken findet Minsk II dann tat­säch­lich statt. Alle kommen. Die Ver­hand­lun­gen dauern die ganze Nacht. Am Don­ners­tag Morgen tritt schließ­lich (als erster) Vladimir Putin vor die Presse­kameras und teilt erste Ergeb­nisse der Ver­hand­lungen mit. ‚Es sei nicht die beste Nacht in seinem Leben gewesen‘, meint er humorvoll, ‚aber der Morgen sei schon ein guter Morgen.‘

Bei den Minsk II Gesprä­chen wird ein Waffen­still­stand mit Be­ginn des 15. Febru­ar ver­ein­bart. Die schwe­ren Waffen sollen dann inner­halb der da­rauf fol­gen­den 14 Tage ca. 50 km hinter die je­wei­li­gen Front­li­nien zurück­ge­zogen werden, 5 Tage später später soll der Aus­tausch der Kriegs­ge­fan­ge­nen ab­ge­schlos­sen sein. Die OSZE wird die Aktio­nen überwachen. Ferner sollen für die ost­ukrai­ni­schen Regionen Donezk und Luhansk einen gewissen, bislang nicht genauer spezi­fi­zier­ten Auto­nomie­status er­halten und es sollen dort offi­ziel­le Wahlen ab­ge­hal­ten werden. Wenn all diese Punkte erfüllt sind, was etwa Ende des Jahres der Fall sein könn­te, dann soll die Ukraine auch im Osten des Landes die Kon­trol­le über die Grenze zu Russ­land wie­der­er­lan­gen.
Minsk II im Wortlaut

Ach ja, fast schon überflüssig zu erwähnen: 24 Stunden nach der Waf­fen­still­stands­ver­ein­ba­rung von Minsk weitet die EU ihre Sank­tio­nen gegen Russ­land aus. Neue Sank­tio­nen, wofür ei­gent­lich?

Minsk II (Artikel auf Phönix)

Debalzewe gefallen

Der Waffen­still­stand wird an den meisten Fronten weit­gehend ein­ge­halten, aber nicht in und um Debalzewe. Fast 3 Wochen oder länger dauern die Kämpfe um den wichtigen Knoten­punkt zwischen Donezk und Luhansk bereits an. Dort sind ca. 7.000 ukraini­sche Soldaten und Milizio­näre von den Separa­tisten ein­ge­kesselt. Die Lage scheint aus­sichts­los, aber keine der beiden Seiten will nach­geben.

Am 18.02.2015 erteilt die ukraini­sche Regie­rung der Armee und verbün­de­ten Milizen schließ­lich den Befehl, sich aus Debalzewe zurück­zu­ziehen. Da der einzige Weg aus dem Kessel unter schwerem Feuer der Anti- Mai­dan- Kämpfer liegt, ergeben sich hunderte von Soldaten und Milizio­nären oder legen die Waffen nieder und ver­las­sen das Kampf­gebiet ohne mili­tä­ri­sche Aus­rü­stung gen Westen, statt das To­des­kom­mando eines (militä­risch geord­neten, also be­waff­ne­ten) Rück­zuges zu be­folgen. Poro­schen­kos Po­si­tion er­scheint nach dieser Nie­der­lage ge­schwächt.

Was das Gesche­hen um De­bal­ze­we für Aus­wir­kun­gen auf den ver­ein­bar­ten Waf­fen­still­stand haben wird, bleibt ab­zu­war­ten. Ei­ni­ge Be­ob­ach­ter ge­hen da­von aus, dass der Fall von De­bal­ze­we be­reits bei den Minsk II Ge­sprä­chen ein­kal­ku­liert und Teil des Deals des We­stens mit Pu­tin ge­we­sen und Minsk II da­her trotz De­bal­ze­we nicht tot sei.

Schon 50.000 Todesopfer in der Ukraine?

Opferzahlen des Krieges – offiziell und inoffiziell

2015-02-23

In der Sen­dung ‚Kon­tro­vers‘ vom 23.02.2015 im Deutsch­land­funk spricht die Jour­na­li­stin und Ukrai­ne- Kor­res­pon­den­tin Sa­bi­ne Ad­ler von of­fi­ziell 5.500, in­of­fi­ziell aber mög­li­cher­wei­se be­reits 50.000 Op­fern des Ukrai­ne- Kon­flik­tes (ca. ab Minute 27). Es ist das er­ste Mal, dass ich aus dem Mun­de eines bzw. ei­ner pro- NATO ein­ge­stell­ten Be­richt­er­stat­ters/in ei­ne der­art hohe Schät­zung über die An­zahl mög­li­cher Opfer des Krie­ges hö­re. Und ich habe vie­le Be­richte zu dem The­ma ge­hört, ge­se­hen und ge­le­sen. Mei­ner Ver­mu­tung nach wur­den bis­lang inoffizielle Schät­zun­gen über die Zahl der Opfer be­wusst zurückgehalten, um die Öf­fent­lich­keit über die wah­re Di­men­sion des Kon­flik­tes im Un­kla­ren zu las­sen oder gar zu täu­schen.

Lediglich der pro- rus­sisch ein­ge­stell­te, freie Jour­na­list Mark Bar­tal­may äußerte be­reits im Spät­som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res Ver­mu­tun­gen über ver­gleich­bar ho­he Opfer­zah­len (da­mals nannte er eine An­zahl von 35.000 To­des­op­fern, da­run­ter 30.000 Sol­da­ten). Auf der Kund­ge­bung ‚End­game‘ am 21.02.2015 in Er­furt wurde von einer Red­ne­rin nun so­gar eine Schät­zung von mög­li­cher­wei­se 70.000 Todes­opf­ern des Bürger­krieges ge­nannt, darunter bis zu 4.000 tote Sol­da­ten bei der Kes­sel­schlacht um De­bal­ze­wo im Febru­ar 2015.

Was die Anzahl der Flücht­lin­ge und Ver­trie­be­nen des Kon­flik­tes an­be­langt, so habe ich übri­gens zuletzt die Zahl 1.5 Mio auf­ge­schnappt. Das könn­ten also etwa 1/4 der Be­woh­ner des Don­bass sein. Viel­leicht ein paar weniger, viel­leicht aber auch er­heb­lich mehr. Wie sagte Bun­des­kanz­le­rin Merkel doch so schön: Militärische Auseinandersetzungen, die heute leider notwendig sind… Staats­raison eben. Warum nicht gleich alle?

‚Bis zu 2.000 Todesopfer akzeptabel‘

Wie ich vorhin recher­chiert habe, gab es aller­dings be­reits Anfang Fe­bru­ar Meldungen (z.B. FAZ) über Schät­zungen von ‚Sicher­heits­krei­sen‘, nach denen die Zahl der Opfer 10 mal höher liegt als offi­ziell ange­geben. Komisch, dass derartige Mel­dungen so schwer zu finden sind, obwohl ich schon des öfte­ren danach gesucht habe. Wobei ich jetzt nicht genau weiß, wann das letzte Mal. Ein soeben durch­ge­führ­ter Test ergibt, dass, wenn man ‚todes­opfer ukraine‘ in die Such­maske ein­gibt, auf Seite 1 der Such­er­geb­nisse mit einer Aus­nahme nur die offi­ziel­len An­gaben er­schei­nen, meist sogar Zahlen aus dem ver­gan­ge­nen Jahr. Fügt man hin­gegen in der Such­maske die Zahl 50.000 hinzu, stellt man fest, dass nahezu alle Zeitungen diese Zahl (irgendwo versteckt in den Weiten ihrer Web­präsenz ???) be­rich­tet haben.

Nein, es geht mir dabei nicht um die jour­na­li­sti­sche Ehre. Bei solchen Zahlen müsste eigent­lich sonst was mit einem pas­sie­ren. Egal ob 5.000 oder 50.000. Oder auch nur 5. Es sind immer zu viele Opfer, wenn es um nichts anderes als Staats­raison geht. Genauer gesagt geht es aber ver­mut­lich nicht einmal darum, sondern um lukrative Inve­sti­tions- und Anlage- Chancen. Ein­malige Ge­le­gen­hei­ten also, bei denen man nicht lange zögern, sondern so­gleich zu­grei­fen sollte. Das Sterben und Leiden im Donbass ist nichts per­sön­liches, es ist lediglich busi­ness. Und für gewisse Geschäft­emacher offenbar busi­ness as usual. Ja dann…

Und doch, scheinbar spielen Zahlen doch eine Rolle: Im Mai 2014 sollen bei einem Gespräch zwischen Poro­schenko (noch vor dessen Amts­einführung) und maß­geb­lichen Repräsen­tanten US- amerika­ni­scher Militär- und Sicher­heits­insti­tu­tio­nen Zahlen genannt worden sein. Vor der Amts­ein­füh­rung von Poro­schenko seien bei dem damals durch­ge­führ­ten Anti- Terror- Ein­satz in Donezk und Luhansk bis zu 2.000 Todes­opfer akzep­tabel, soll es ge­hei­ßen haben. Falls es mehr werden sollten, dann würden die USA den ’nega­tiven Effekt abfedern und die inter­natio­nalen Reak­tionen darauf her­un­ter­spie­len können‘, sollen die amerika­ni­schen Ver­tre­ter ver­si­chert haben…

Vor einem Jahr hätte ich so eine Mel­dung noch mit großer Skep­sis auf­ge­nom­men. In­zwi­schen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Lage beruhigt sich – interne Macht­kämp­fe

Nach dem Fall von De­bal­ze­we flau­en die Kämp­fe im Don­bass spür­bar ab. Die Se­pa­ra­ti­sten schei­nen mit dem Er­reich­ten vor­erst zu­frie­den, die Re­gie­rungs­trup­pen sind ge­schla­gen und müs­sen sich neu auf­stel­len. Ei­ni­ge Mi­li­zen, die auf Sei­ten der Re­gie­rung kämp­fen, tun sich al­ler­dings schwer mit dem Waf­fen­still­stand und wol­len ih­re Sol­da­ten und schwe­ren Waf­fen nicht zu­rück­zie­hen. In den fol­gen­den Wo­chen kommt es zwi­schen der ukrai­ni­schen Re­gie­rung und den ver­bün­de­ten, meist von na­tio­nal ge­sinn­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen oder Oli­gar­chen auf­ge­stell­ten und fi­nan­zier­ten Mi­li­zen zu Ri­va­li­tä­ten und Aus­ein­an­der­set­zun­gen über Macht, Ein­fluss und das wei­te­re Vor­ge­hen. Man kann da­von aus­gehen, dass auch in­te­res­sier­te Krei­se in den USA er­heb­lich Ein­fluss aus­üben.

Nach­dem der Pul­ver­dampf fürs er­ste ver­flo­gen ist, sieht man et­was kla­rer, auch wenn die Fron­ten eher kom­pli­zier­ter ge­wor­den sind: Nach­dem das Ziel ei­ner mi­li­tä­ri­schen Lö­sung un­ter­halb der Schwel­le ei­nes geo­gra­phisch und waf­fen­tech­nisch wei­ter aus­ufern­den Krie­ges nicht er­reicht wur­de, sind die Pro- Mai­dan Kräf­te in der Ukrai­ne in­tern zer­strit­ten. Die NATO ist sich of­fen­kun­dig eben­falls un­eins, nach­dem Deutsch­land und Frank­reich mit ihrer Waf­fen­still­stands- Ini­tia­ti­ve aus der Es­ka­la­tions­spi­ra­le aus­ge­schertsind, und auch in den USA scheint es ein Rin­gen ver­schie­de­ner Kräf­te da­rüber zu ge­ben, wie wei­ter vor­ge­gan­gen wer­den soll. Klar dürf­te aber auch sein, dass es of­fenbar eine er­heb­li­che Un­ter­stüt­zung der Anti- Mai­dan- Kräf­te sei­tens Russ­land gibt, an­ders ist die mi­li­tä­ri­sche Über­le­gen­heit der Se­pa­ra­ti­sten nicht zu er­klä­ren.

Wäh­rend Russ­land, aber auch die ge­mä­ßig­ten NATO- Mit­glie­der mit dem Sta­tus Quo nach dem Waf­fen­still­stand of­fe­nbar bis auf wei­te­res ganz gut le­ben kön­nen, ist da­von aus­zu­gehen, dass ein­fluss­rei­che In­ve­sto­ren­kre­ise in den USA eben­so wie die ukrai­ni­schen Na­tio­na­li­sten so­wie der ei­ne oder an­de­re Oli­garch ih­re Zie­le bis­lang nicht er­reicht ha­ben und nun da­rü­ber nach­den­ken, wie sie das doch noch be­werk­stel­li­gen kön­nen.

Welche Ziele die Se­pa­ra­ti­sten wei­ter ver­fol­gen wer­den, ist un­klar. Für ei­nen Staat ‚Neu­russ­land‘ er­scheint das er­ober­te Ter­ri­to­rium nicht aus­rei­chend, da­zu feh­len wohl min­de­stens noch Mariu­pol und eine Land­ver­bin­dung zur Krim so­wie viel­leicht auch noch Char­kiw. Ein star­ker Au­to­no­mie- Sta­tus in den der­zei­ti­gen Gren­zen wä­re schon eher denk­bar.

Links:

Poroschenko rekrutiert nur Kanonenfutter
Tausende fliehen nach Blutbad aus Donezk
Separatisten kündigen Großoffensive an

Januar 2015

2015-01-23

Flughafen Donezk

Im Januar nehmen die Kämpfe in der Ostukraine trotz des offiziell weiterhin geltenden Waffenstillstandes von Minsk aus dem September 2014 wieder an Intensi­tät zu. Ins­be­son­de­re das Gebiet um den Flug­hafen von Donezkist heftig umkämpft. Die Flug­hafen­gebäude und ein erst 2012 zur Fußball- EM erbautes neues Terminal sind weit­gehend zerstört. Dennoch besitzt der Flughafen erhebliche strategische Bedeutung, sowohl was eine mög­li­che künftige Grenz­ziehung anbelangt als auch als poten­tielle Infra­struktur zur Sicherung von Ver­sorgung und Nach­schub. Daneben erlangt der Air­port immer höhere Symbol­kraft, je länger die Kämpfe andauern.

Fi­nan­ziel­le Mo­bil­ma­chung

Ukraine strebt militärische Lösung an

Der Grund für die Eskala­tion dürfte in der weit­gehend von den USA domi­nier­ten Politik der Ukraine liegen, die offen­bar eine mili­tärische Lösung des Konfliktes anstrebt. Die USA und die Ukrai­ne set­zen alles daran, die EU immer tiefer in den Kon­flikt zu ver­stric­ken. Da der ukrainische Staat (im Gegensatz zu den Oligar­chen) prak­tisch pleite ist, soll die ukraini­sche Ar­mee mit er­heb­lichen Fi­nanz­mit­teln aus Deutsch­land und der EU auf­ge­rü­stet wer­den („finan­ziel­le Mobilmachung“). Der ver­mut­lich fi­nan­ziell mit ho­hen Sum­men im Kon­flikt en­ga­gier­te Finanz­investor Soros fordert 20 Mrd für die Ukraine von den europä­ischen Steuer­zahlern. Bei sei­nem Be­such An­fang Januar in Berlin wirbt der ukrai­ni­sche Re­gie­rungs­chef Ja­zen­juk bei Mer­kel eine 500 Mio Euro Kre­­dit­bürg­schaft Deutsch­lands sowie wei­te­re 1,8 Mrd Euro EU- Kre­dite ein. Eine Woche später ver­han­delt Mer­kel mit Obama über wei­te­re Gelder. Derweil beschafft die Ukraine Waffen und hebt 50.000 fri­sche Soldaten aus. Weitere Mobili­sierungs­wellen wer­den ange­kündigt. Das EU- Par­la­ment sichert der Ukraine am 15. Januar 2015 Un­ein­ge­schränk­te So­li­dari­tät zu und be­grüßt die Auf­rüstung. Diese Er­klä­rung er­in­nert fatal an die Zu­si­che­rung be­din­gungs­lo­ser Un­ter­stüt­zungfür Öster­reich- Un­garn durch Kaiser Wilhelm im Jahre 1914, die unter vielen Hi­sto­ri­kern als Aus­lö­ser des 1. Welt­krieges gilt. Bereits am 04. Dezember 2014 hatte der ameri­kanische Kon­gress die Re­so­lu­tion ‚H. Res. 758‘ be­schlos­sen, welche nach den Worten des ehe­maligen Kongress- Ab­ge­ord­ne­ten Ron Paul einer ‚Kriegs­er­klä­rung an Russ­land‘ gleich­kommt.

Mins­ker Waf­fen­still­stand be­kräf­tigt

Die Gefechte um Donezk fordern sowohl unter den be­tei­lig­ten Streit­kräf­ten als auch in der Zivil­bevöl­kerung viele Opfer. Immer wieder schlagen Grad- Granaten auch in zivilen Gebäuden der umliegenden und sogar in weiter entfernt liegenden Stadt­teilen ein. Der Beschuss von Wohn­ge­bie­ten erfolgt vermutlich meist durch ukrai­ni­sche Regierungs­streit­kräfte, um in Wohn­gebieten ver­mu­tete Stel­lun­gen die Separa­tisten aus­zu­schal­ten.

Am 21. Januar tref­fen in Berlin der deut­sche, der fran­zö­si­sche, der ukrai­ni­sche und der rus­si­sche Außen­minister zu­sam­men und bestätigen nach zähen Ver­hand­lungen im We­sent­li­chen die Ver­ein­ba­run­gen aus dem Min­sker Ab­kom­men aus dem Sep­tem­ber 2014. Das schwe­re Kriegs­ge­rät soll von bei­den Par­tei­en von der verein­barten De­mar­ka­tions­li­nie zu­rück­ge­zo­gen wer­den. Viel Zu­ver­sicht spricht nicht aus der Ab­schluss­er­klä­rung Stein­meiers.

Pentagon plant Entsendung von Militärberatern

Am gleichen Tag bestätigt das Pentagon Äußerungen von US- Lt. Gen Ben Hodges, der wäh­rend eines Besuches in Kiew die Ent­sen­dung ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten in die Ukraine für dieses Früh­jahr ankün­digt. Die Sol­daten sol­len in Lviv (West­ukrai­ne) sta­tio­niert werden und bei der Aus­bil­dung von Sol­da­ten ein­ge­setzt werden. Weitere Infos

Granaten auf Donezk

Einen Tag nach dem Tref­fen in Berlin schlägt eine Grad- Ra­kete in einer Bus­hal­te­stelle in Donezk ein und tötet 13 Zivi­li­sten. Vie­le wei­te­re Men­schen wer­den ver­letzt. Das Bürger­krieg hat inzwischen vermutlich weit mehr als 5.000 Todes­opfer und zehntausende Verwundete gefordert. Wahrscheinlich hundert­tau­sen­de Men­schen haben Haus oder Woh­nung, Hab und Gut ver­lo­ren und 1 Mil­lion Men­schen oder mehr sind oder waren auf der Flucht, in Rich­tung Russ­land oder in andere Landes­teile der Ukraine zu Verwand­ten oder Freun­den. Die Lebens­be­din­gun­gen in der Ost­ukrai­ne sind jäm­mer­lich, viele Woh­nun­gen nicht mehr be­heizt, Nah­rungs­mit­tel sind knapp.

Separatisten kündigen Offensive an

Wiederum einen Tag später (23.01.2015) kündigen die Separatisten, die es offenbar leid sind, den Bestrebungen der Kiewer Regierung im Sinne einer mili­tä­ri­schen Lösung tatenlos zuzusehen, eine Großoffensive mit dem Ziel an, das gesamte Krisengebiet zu erobern. Das könnte eine wei­te­re er­heb­li­che Ver­schär­fung des Kon­flik­tes be­deuten.

Russland wendet sich ab

Unterdessen scheint auch Russlands Geduld mit dem Westen weitgehend erschöpft. Das vage und recht merkwürdige, fast schon ein wenig nach Panik aussehende Angebot Merkels beim Wirtschaftsforum in Davos für ein Handelsabkommen oder gar einen gemeinsamen Wirtschaftsraum der EU und der Eurasischen Union von „Lissabon bis Wladiwostok“ jedenfalls bleibt bis auf weiteres unbeantwortet. „Lissabon bis Wladiwostok“ – da war doch was? Richtig: Einen derartigen Vorschlag hatte Putin bereits vor mehr als 4 Jahren anläßlich eines Besuches in Deutschland gemacht. Aber irgendwie wurde nichts daraus…

Auch auf Kontakte zu Abgeordneten des EU- Parlaments, welches kürzlich eine scharfe Resolution gegen Russland verabschiedet hatte, legt der Kreml laut einer Meldung der DWN inzwischen offenbar keinen Wert mehr. Wozu auch? Zu einer eigenständigen, die Interessen der Europäer ver­tre­ten­den und einen part­ner­schaft­li­chen Um­gang mit Russ­land an­stre­ben­den Politik ist die EU of­fen­kundig nicht wil­lens oder in der Lage. Und wenn es doch einmal den klamm­heim­li­chen Versuch in dieser Rich­tung gibt, so wird er von den USA vereitelt.

Raketenangriff auf Mariupol

Am Abend des 24. Januar wird ein Raketenangriff auf Mariupol gemeldet, das unter Kon­trol­le der ukrai­ni­schen Re­gie­rung steht. Der An­griff er­folg­te ver­mut­lich durch die Se­pa­ra­ti­sten. Das ist allerdings erstmal wirklich nur eine Vermutung. Ein Wohn­­viertel soll ge­trof­fen wor­den sein. Es sol­len et­wa 30 To­des­op­fer und hundert Verletzte zu be­kla­gen sein.

Die Eskalation in der Ukraine erhöht den Druck auf die deutsche und eu­ro­päi­sche Politik ge­wal­tig. Mit der Aus­weitung der Kämpfe stellt sich im­mer dring­li­cher die Frage, ob man sich ge­gen­über al­len Sei­ten ernst­haft für ei­ne fried­li­che Bei­le­gung des Kon­flik­tes ein­set­zen will oder ob aus Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit un­ver­se­hens Aus­weg­lo­sig­keit wird…

Friedens­ge­sprä­che ge­schei­tert

Am 26.01. sagt Putin, in der Ukraine kämpfe eine NATO- Legion. Das Ziel [des Westens] sei es, Russ­land geo­po­li­tisch klein zu halten.

Ende Januar gelten die Friedens­gespräche vom 21. Januar als ge­schei­tert. Obama und Merkel einigen sich auf weitere Kredite für die Ukraine. Die Ukraine kämpft unter­dessen mit dem Problem, dass ihr die Sol­da­ten davon­laufen. 1 Mio männ­liche Ukrainer im wehr­fähi­gen Alter sollen bereits nach Russ­land ge­flo­hen sein.

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Veröffentlicht am 29. Juni 2015 in Deutschland heute Abend, Tagesthemen und mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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