Wer oder was war Charlie Hebdo? Jüdische Satire – Maurice Sinet


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Frankreich Juli 2008

Ein Skandal erschüttert die französische Kulturwelt, aber die Vorwürfe lassen sich auf den ersten Blick nur schwer erhärten. Der Anlass ist in Wirklichkeit eher harmlos, aber es rächt sich, dass der angegriffene Zeichner in Sachen antisemitischer Ressentiments ein paar „Leichen im Keller“ hat. Unterdessen wählt der schwarze Ex-Antirassist Dieudonné, mit dem der kritisierte Karikaturist Siné in der Vergangenheit zu tun hatte, einen spektakulären Taufpaten für seine jüngste Tochter: einen gewissen Jean-Marie Le Pen…

Dicke Luft in der Redaktion, Hunderte von E-Mails mit zum Teil heftigen Reaktionen (darunter, laut Herausgeber Philippe Val, angeblich welche mit Todesdrohungen) und mehrere Tausend Leserkommentare auf einschlägigen Blogs, wo die Beiträge zum Thema in den ersten Tagen über 100.000 mal gelesen wurde: Kaum jemanden schienen die Vorgänge bei der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo in den vergangenen 14 Tagen indifferent zu lassen.

Am Mittwoch, den 23. Juli 2008 erschien die Wochenzeitung erstmals ohne die regelmäßige Rubrik ihres langjährigen Zeichners „Siné“. Dem 79jährigen – mit bürgerlichem Namen Maurice Sinet – werden anarchistische Tendenzen und Sympathien, aber auch ein ziemlich sturer Dickkopf und ein mitunter griesgrämiger Charakter nachgesagt. Seit mehreren Jahrzehnten hatte er bei der, ursprünglich einmal antiautoritären und linksradikalen, heute eher liberal-antiklerikalen Wochenzeitung mitgemacht: Er war bei der ersten Variante von Charlie-Hebdo, die zeitweilig auch auf den Namen Harakiri hörte und bei der damals auch der bekannte Comiczeichner Marc Reiser mitwirkte, in den Siebziger Jahren ebenso mit dabei wie bei dem 1992 unter dem alten Namen neugegründeten Blatt. Damit ist nun Schluss.

Auslösendes Element dafür, dass der Herausgeber und Chefredakteur Philippe Val ihm jetzt die Zusammenarbeit aufkündigte, ist eine am 2. Juli erschienene Kolumne Sinés. In seinem üblichen Stil – in einer mit kleinen Comicbildern und viel Krakelschrift ausgefüllten Senkrechtspalte – hatte Siné sich einmal mehr sarkastisch bis hämisch über eine Reihe von Persönlichkeiten, Gruppen und Mentalitäten ausgelassen. Den Stein des Anstoßes bildete dabei folgende Passage: „Jean Sarkozy, würdiger Sohn seines Vaters und schon jetzt (Anm.: mit 21 Jahren) UMP-Bezirksparlamentarier, ist nahezu unter Applaussalven aus dem Gerichtssaal herausgekommen, wo er wegen Fahrerflucht angeklagt war. Der Staatsanwalt hat – einmal mehr! – Freispruch für ihn gefordert! Man muss dazu sagen, dass der Kläger Araber war! Das ist nicht alles: er“, gemeint ist Jean Sarkozy, „hat soeben erklärt, dass er sich zum Judentum konvertieren möchte, bevor er seine Verlobte ehelicht, die Jüdin und Erbe des Gründers (der Versandkaufhäuser) Darty ist. Er wird es im Leben weit bringen, der Kleine!“

Nachdem diese Zeilen erschienen waren, geschah zunächst einige Tage lang gar nichts. Aber am 8. Juli erklärte Claude Askolovitch, Journalist beim sozialliberalen Wochenmagazin Nouvel Observateur, in einer Radiosendung, es handele sich bei dieser Kolumne um „einen antisemitischen Text in einer Zeitung, die es nicht (d.h. die nicht antisemitisch) ist“. Daraufhin startete Herausgeber Philippe Val eine Untersuchung und berief die Redaktion zusammen. Er forderte Siné dazu auf, eine Entschuldigung zu formulieren. Als Grundlage, auf der er diese Forderung erhob, trug er allerdings zwei doch sehr unterschiedliche Dinge gleichzeitig vor und vermengte sie miteinander. Zum Einen stimmte Val der Auffassung zu, der Text könne zumindest als antisemitisch ausgelegt werden – indem er nämlich den Eindruck erweckt, um es „weit zu bringen“ in der französischen Gesellschaft, müsse man etwas mit dem Judentum zu tun haben. Auf der anderen Seite wünschte Val sich aber auch eine Entschuldigung gegenüber Jean Sarkozy und seiner Verlobten, Jessica Darty, die sich beleidigt fühlen könnten.

Inzwischen wird es, durch Philippe Val und andere, als blobes Gerücht dargestellt, dass Jean Sarkozy im Zusammenhang mit seiner geplanten Hochzeit zur jüdischen Religion konvertieren möchte. Nun heibt es, diese Behauptung sei falsch. Allerdings war sie bislang, seit fast einem Jahr, als angeblich richtige Information durch die bürgerliche Klatschpresse gegangen – und nicht dementiert worden.

Verhinderte Richtigstellung

Siné legte daraufhin einen Text vor, indem er eine Richtigstellung vornehmen wollte, der dann aber nicht in Charlie Hebdo erschien. Einige Tage später haben allerdings die beiden Websiten Marianne2 und Rue89 – die Homepage eines linksnationalistischen Wochenmagazins sowie ein Online-Medium, das von früheren Journalisten der Tageszeitung Libération betrieben wird – seinen Inhalt dann doch noch öffentlich gemacht. Siné schrieb darin: „Gut, es stimmt, dass das schlecht interpretiert werden konnte. Ich wollte die Idiotie kritisieren, die darin besteht, zu einer Religion – welcher auch immer – zu konvertieren, sowie die Faszination der Familie Sarkozy für den Zaster. Ich habe meine Aussage zusammengekürzt, und was letztendlich davon übriggeblieben ist, kann als zweideutiger und verurteilungswürdiger Kurzschluss analysiert werden. Ich entschuldige mich gegenüber jenen, die es so verstanden haben.“ Damit meinte er den „Kurzschluss“, der Juden mit Geld und einer vermeintlichen geheimen Macht assoziiert. Bei Jean Sarkozy und der Millionärserbin Jessica Darty bat er hingegen nicht um Pardon. Was man nun nicht unbedingt als unverzeihlich betrachten muss…

Das hätte es gewesen sein können. Kurz darauf erfuhr Siné aber, dass die darauf folgende Aussage nicht nur seinen mehr oder weniger klaren Richtigstellungstext enthalten sollte, sondern auch eine von Val formulierte und – angeblich – durch alle Mitarbeiter unterschriebene Erklärung, wonach „wir einstimmig die jüngsten Fantasieergüsse Sinés verurteilen.“ (Später haben sich allerdings zwei langjährige Mitarbeiter von ‚Charlei Hebdo’, Cabu und Cavanna, zu Wort gemeldet, die in dieser Angelegenheit gar nicht zu Rate gezogen worden waren. Cavanna, der zu den Gründern der Zeitung gehört, äuberte zwar auch Kritik an Siné – erklärte aber auch klar, dieser sei „kein Antisemit“, und „ich hätte auf keinen Fall 16 Jahre mit einem Antisemiten Seite an Seite gearbeitet.“) Der mit „die Redaktion“ unterschriebene Beitrag sollte zudem den Satz enthalten: „Die Verletzung unserer gemeinsamen Werte hat keinen Platz in unserer Zeitung.“ Damit wurde Siné symbolisch der Stuhl vor die Tür gestellt und der behauptete antisemitische Charakter seiner Kolumne ausdrücklich bestätigt. Denn ansonsten konnte der Zeichner nicht der „Verletzung unserer gemeinsamen Werte“ beschuldigt werden, zumal Philippe Val Letztere in der Öffentlichkeit dergestalt erläuterte, dass es sich um „die Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus“ handele.

Siné zog seine Richtigstellung zurück, die daraufhin nicht erschien. Infolgedessen kündigte Philippe Val ihm die Zusammenarbeit auf. In einem von ihm gezeichneten Artikel erklärte Val zudem, das „Gerücht“ über den angeblichen Konversionswunsch von Sarkozy Junior sei „weder akzeptabel, noch würde es vor einem Gericht standhalten“. Die letztgenannten Worte haben mehrere Beobachter – unter ihnen den früheren Le Monde-Chefredakteur Edwy Plenel in dem heute von ihm geleiteten Online-Magazin Mediapart.fr – dazu veranlasst, hinter dem Schritt Philippe Vals andere Beweggründe als das Erschrecken über mögliche antisemitische Beweggründe seines bisherigen Mitarbeiters zu vermuten. Sie mutmaßen, die Furcht vor einem Prozess, den der Präsidentensohn anstrengen könnte, habe mindestens ebenso stark den Ausschlag gegeben. Tatsächlich ist die Familie Sarkozy, allen voran der prominente Vater, durchaus dafür bekannt, dass sie in anderem Zusammenhang ohne Zögern die Gerichte zur Verteidigung ihrer persönlichen „Ehre“ gegen kritische Stimmen bemühen.

Es bleibt die Sache selbst, also die Worte, die Siné in seiner Kolumne niederschrieb. Hegte er dabei antisemitische Ressentiments, etwa dergestalt, dass er einen Zusammenhang zwischen sozialer Situation bestimmter Gruppen in der französischen Gesellschaft und ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit zog? Eine oberflächliche Betrachtung könnte diesen Schluss zulassen: Der „arabische“ Kläger im Fahrerfluchtprozess gegen Jean Sarkozy steht der „jüdischen“ Millionärserbin gegenüber. Nur ist die Frage, ob genau dieser „Zusammenhang“ vom Autor so intendiert war.

Ein eher harmloser Anlass

Aus der Lektüre der umstrittenen Kolumne ergibt sich dies unterdessen nicht: Dass insbesondere die Nachfahren „arabischer“ oder afrikanischer Einwanderer durch das französische Polizei- und Justizsystem oft überdeutlich benachteiligt werden, ist ein kaum bestreitbares Faktum. Dass Jean Sarkozy ein hemmungsloser junger Karrierist und Opportunist ist, dürfte sich ebenfalls schwer widerlegen lassen. Durch einige politische Tricks und Kniffs hat er es im vorigen Monat bis an die Spitze der Fraktion der Regierungspartei UMP im Bezirksparlament von Nanterre gebracht. In einem politischen Umfeld, das der neue Bezirkspräsident, Patrick Devedjian (UMP), unlängst selbst als „Augiasställe“ charakterisierte, die man dringend „reinigen“ müsse. Dass jemand wie Jean Sarkozy eher einer Multimillionärin denn einer hübschen Supermarktkassiererin etwas abgewinnen kann, dürfte ebenfalls niemanden verwundern.

Siné und sein Problemchen mit Religionen – ob Christen, Moslems oder Juden…

Last but not least kann man es Siné auch nicht prinzipiell übel nehmen, dass er etwas gegen eine religiöse Konversion im allgemeinen, und gegen einen von ihm als opportunistisch empfundenen Religionsübertritt im besonderen einzuwenden hat. Vor allem muss man die Persönlichkeit Sinés kennen, die sich durch eine strikte, oft barsche Frontstellung gegen Religionsgruppen aller Couleur auszeichnet. Im übrigen hat Siné selbst inzwischen mehrfach betont, im Falle, „dass Jean Sarkozy eine reiche Emirstochter ehelichen und (deshalb) zum Islam konvertieren möchte“, hätte er sich ganz genauso verhalten und seine Kritik auf dieselbe Weise dargestellt.

Am 11. Juni dieses Jahres, keine vier Wochen vor dem jüngsten Skandal, hatte er am selben Ort in seiner wöchentlichen Kolumne geschrieben: „Ich gestehe ein, dass die Moslems mir immer unerträglicher werden, und je mehr ich Kopftuch tragenden Frauen in meinem Stadtteil begegne, desto mehr habe ich Lust, ihnen heftig den Arsch zu versohlen.“ Wie so oft trennte Siné in seinem Verständnis von Antiklerikalismus dabei nicht scharf zwischen der Ablehnung einer Religion oder aller Religionen, sowie dem Angriff auf ihre individuellen Mitglieder als Personen. Zumal er auch noch hinzufügte, er habe Lust, „den Schulkindern, die in der Kantine kein Schweinefleisch essen möchten, den Linseneintopf mit Wurst in den Rachen zu stopfen.“ Hier hätte er längst die Grenze des Angriffs auf die persönliche Glaubens- und Gewissenfreiheit der Einzelnen übertreten.

Die Tatsache, dass die oben zitierte Kolumne vom 11. Juni ohne jegliche Reaktion blieb, jene vom 2. Juli (über Jean Sarkozy und seine angeblichen Pläne, zu konvertieren) aber so heftige Reaktionen auslöste, ruft nun wiederum – fast unvermeidlich – ganz bestimmte Stimmen auf den Plan. Etwa jene, in deren Augen die Moslems ohnehin tendenziell immer die Opfer sind, und gegenüber den Juden systematisch benachteiligt werden. Ein im Internet mehrfach geposteter Artikel auf der westalgerischen Tageszeitung ‚Le Quotidien d’Oran’ zieht etwa eine solche Parallele (jegliche Angriffe auf Moslems und den Islam seien erlaubt, solche gegen die jüdische Religion oder Bevölkerungsgruppe aber seien strikt verboten) und faselt von einer „Gedankenpolizei“, ‚police de la pensée’. Er trifft eine Tonlage, die durchaus in Kreisen der sozialen Unterklassen und der Einwanderungsbevölkerung Verbreitung finden kann – und durch den dick aufgetragenen Philosemitismus in der Politik Nicolas Sarkozy (und seines Clans) noch verstärkt zu werden droht: „Auf uns darff man herumreiten, aber über DIE darf man ja gar nichts sagen, DIE werden durch die Herrschaft beschützt…“ Ein potenziell gefährliches Phänomen, das die ohnehin vorhandenen Tendenzen zur „Opferkonkurrenz“ (Opfer des Holocaust hier, Opfer von Sklaverei und Kolonialmassakern dort werden für die Interessen der jeweils eigenen Gruppe gegeneinander ins Feld geführt) noch zu verstärken droht.

Demgegenüber hat eine Figur wie Siné übrigens durchaus keine bewusste, kohärente und stringente Haltung. Vielmehr variiert seine Position gegenüber den jeweiligen (von ihm mal mehr, mal weniger abgelehnten) Gruppen je nach Zeitpunkt und, anscheinend, je nach individuellen Stimmungen oder Launen. Denn, was durchaus (jedenfalls für bestimmte eher individualanarchistische Strömungen) anarcho-typisch wäre: Siné steuert oftmals weitaus mehr mit dem Bauch, als mit dem Kopf. So klingt oben angeführtes Zitat doch sehr „islamophob“. Andererseits aber schrieb derselbe Siné in seiner, nunmehr so heftig umstrittenen, Kolumne vom 2. Juli ganz am Ende, die Anpassungs- und Assimilierungsforderungen der Mehrheitsgesellschaft an die Adresse der Moslems gingen ihm auf die Nerven. Um seine Haltung zu unterstreichen, zog Siné eine Paralle zwischen moslemischen und orthodox-jüdischen Frauen, die einen „im Tschador“, die anderen „rasiert“. (Tatsächlich dürfen bzw; möchtgen sowohl streng praktizierende moslemische als auch jüdisch-orthodoxe Frauen jeweils ihre Haare nicht für Männerblicke sichtbar zeigen. Die Einen verbergen sie unter einem Schleier oder Kopftuch, die Letztgenannten rasieren oder schneiden sie hingegen ab und setzen eine Perücke darauf.) Siné fügte hinzu, gegenüber der „kahl rasierten Jüdin“ ziehe er dann doch immer noch „die moslemische Frau im Tschador“ vor.

Das ist sicherlich ebenso wenig für bare Münze zu nehmen, wie zahllose andere seiner Äuberungen: Siné hatte nur einfach, „aus dem Bauch heraus“, auf eine von ihm verspürte Ungerechtigkeit in Gestalt der Assimilationsforderung (der weiben Mehrheitsgesellschaft) reagiert. Nur lässt sich mit seinen jeweiligen eigenen Worten hinterher so ziemlich alles „beweisen“: Nimmt man seine Kolumne vom 11. Juni isoliert heran, lässt sich eine Argumentation über „islamophoben Rassismus“ (den Seinen und den der Anderen, die darauf nicht reagierten) daran aufziehen. Umgekehrt lässt sich, betrachtet man seine Kolumne vom 2. Juli isoliert, eine vermeintliche Bevorzugung von „Arabern“ oder „Moslems“ gegenüber „Juden oder Jüdinnen“ bei ihm ablesen. (Was übrigens der konformistische Fernsehphilosoph Bernard—Henri Lévy später in einem Beitrag in ‚Le Monde’ genau so aufgreifen würde, siehe zu diesem Beitrag unten mehr.) Wahrscheinlich entspricht weder das Eine noch das Andere der Geisteshaltung Sinés. Nur deutet die entstandene Maläse vielleicht doch daraufhin, dass seine Art von Humor vielleicht mitunter problematisch sein könnte…

Siné und seine „Leichen im Keller“

Aber auch wenn der unmittelbare Anlass für die Eskalation in der Charlie-Redaktion, die Kolumne vom 2. Juli, nicht unbedingt den nachweisbaren Vorwurf des Antisemitismus begründen kann: Es bleibt ein fundierter Verdacht, dass Siné genau dieses unausgesprochene Ressentiment, das von Kritikern benannt wird, also die Assimilation von „Juden“ mit „Reichtum und Erfolg“, in seinem Hinterkopf durchaus kultiviert. Denn unabhängig vom konkreten Anlass des Streiks weist Siné in dieser Hinsicht doch so manche „Leichen im Keller“ auf: Im Juni 2004 hatte er an einem gemeinsamen Auftritt mit dem schwarzen französischen Humoristen Dieudonné M’bala M’bala und Alain Soral teilgenommen. Es ging damals darum, die zu den Europaparlamentswahlen antretende Liste „Euro-Palestine“ zu unterstützen.

Die (neueste) Dieuedonné-Affäre: ein wirklich handfester Skandal

Während für einen Großteil des französischen „palästinasolidarischen“ Milieus – in dem zahlreiche Strömungen der Linken (CGT, KP, LCR, Antiautoritäre) vertreten sind – einen antisemitischen oder völkischen Charakter mit Recht bestritt werden kann, repräsentierte diese Liste den zum Teil unstrittig antisemitischen „Narrensaum“. Der als „Berufsprovokateur“ geltende Alain Soral, bis vor 15 Jahren einmal ein Linker, berät seit Anfang 2006 den rechtsextremen Politiker Jean-Marie Le Pen. Und der frühere Antirassist Dieudonné hat sich dem Chef des Front National ebenfalls angenähert: Am vorletzten Freitag, den 18. Juli 2008, fand die Taufe der jüngsten Tochter Dieudonnés, Plume, in einer katholischen Kirche im Beisein des Taufpaten statt – eines gewissen Jean-Marie Le Pen.

Beide Männer haben sich, obwohl vieles sie trennt, einander doch angenähert, weil sie sich beide als „Outlaws“ betrachten, die man in den „jüdisch dominierten Medien Frankreichs“ nicht zu Wort kommen lasse. Sicherlich ist bei Dieudonné auch eine bedeutende Menge Provokation im Spiel, die hauptsächlich dazu dient, von sich reden zu machen. Er rechtfertigte sich am darauf folgenden Wochenende denn auch mit den Worten: „Wissen Sie, was eine Imagekampagne im ersten Fernsehkanal kostet?“ Nur indem er den Medien „Negatives zum Fraß vorwerfe“, komme er in ihnen vor. (Bei derselben Gelegenheit setzte Dieudonné auch noch mal einen tendenziell antisemitischen Kalauer drauf: Um in die Medien zu kommen, weil er zusammengeschlagen werde – was ja auf Bestellung erfolgen könnte -, da müsse er schon Jude sein. „Oder reicht es“, fragte Dieudonné vor seinen Fans rhetorisch nach, „wenn ich eine Kippa aufsetze?“)

Als hinreichende Erklärung für die „Allianz wider Natur“ mit Jean-Marie Le Pen genügt dies freilich nicht. Denn ansonsten lässt sich – nur durch einen PR-Gag des Humoristen – nicht erklären, warum der 80jährige Rechtsextremist sich seinerseits auf die Geschichte einließ.

„Damals“, im Juni 2004, war der Rechtsdrall bei Dieudonné und auch Soral freilich noch nicht so klar zu erkennen wie heute. Oder in den Worten eines französischen Antifaschisten: „Der Misthaufen war damals schon da, aber der Baum darauf ist erst heute richtig gewachsen“. Freilich fand sich schon bei jenem Auftritt eindeutig Anstößiges. So hatte Siné auf der Bühne gezeichnet, während Dieudonné sprach – und sich zunehmend auf tatsächliche und vermeintliche „Unterstützer der israelischen Besatzungspolitik“ unter französischen Prominenten einschoss. Beim früheren sozialdemokratischen Finanzminister – und jetzigen IWF-Direktor – Dominique Strauss-Kahn angekommen, wählte Dieudonné eine betonte Verfremdung seines Namens, um seine jüdische Herkunft zu betonen: „Strauss-Cohen“. Spätestens damit tat er einen unbestreitbar antisemitischen Ausspruch: DSK ist zweifellos ein Verbrecher (da er als IWF-Direktor eine kriminelle Politik, die für den Hunger in der Welt mitverantwortlich ist, repräsentiert), hat aber wie jede andere menschliche Person das Recht, ausschließlich für das angegriffen zu werden, was er tut und wofür er verantwortlich ist – aber auf keinen Fall für seine Abstammung, Herkunft oder so genannte „Rassenzugehörigkeit“. Siné hatte nicht auf diesen Ausfall Dieudonnés reagiert.

Philippe Val: Andere als lupenrein antifaschistische Motive bewogen ihn zur Trennung von ‚Siné’

Aufgrund der „Leichen im Keller“, die der Anarcho-Zeichner mit sich herumschleppt, fiel es also leicht, beim Erscheinen seiner jüngsten Kolumne Verdacht zu schöpfen – auch wenn diese selbst zu weit weniger Kritik Anlass bot als seine früheren Auftritte.

Gleichzeitig trifft es durchaus auch zu, wenn Kritiker monieren, dass Philippe Val auch danach suche, durch verschiedene Personalentscheidungen endgültig mit der diffus linksradikalen Vergangenheit seiner Zeitung zu brechen. Phlippe Val, „antitotalitärer“ Verteidiger der „westliche Demokratie“ gegen Kritik von links wie von reaktionärer Seite, Befürworter des EU-Integrationsprojekts und des NATO-Kriegs gegen Serbien von 1999, trat in den letzten Jahren zunehmend auf die politische Bühne. Zunächst an der Seite der Grünen, aber im vergangenen Jahr 2007 dann als Befürworter einer Anhänger zwischen den Sozial- und Christdemokraten Ségolène Royal und François Bayrou (vgl. http://jungle-world.com ). Siné behauptet vor diesem Hintergrund: „Val wollte mich ohnehin seit zwei Jahren feuern.“

Einen heftigen Streit zwischen den beiden Männern hat es auch im Frühsommer dieses Jahres gegeben, weil Val den ihm ungenehmen Enthüllungsautor Denis Robert – durch die Blume, aber doch sehr deutlich – als Verschwörungstheoretiker abzutun versucht hatte. Aber besagter Denis Robert ist alles andere als ein antisemitischer, oder sonstwie finsterer, Verschwörungsfanatiker. Der Autor mehrerer Bücher hat in akribischer Kleinarbeit Details über das Funktionieren der in Luxemburg ansässigen Clearing-Bank (d.h. für die Abwicklung von Geldgeschäften zwischen Kreditinstituten zuständigen Bankanstalt) ‚Clearstream’ zusammengetragen und veröffentlicht. Die Anstalt ‚Clearstream’, bei der zahlreiche – u.a. französische – hochgestellte Persönlichkeiten über anonyme Konten verfügen sollen, unter ihnen auch Nicolas Sarkozy, ist in den letzten Jahren seit circa 2000 ins öffentliche Gerede gekommen. Sie wird – bei weitem nicht nur durch Denis Robert – verdächtigt, beim Transferieren von enormen Guthaben in „Steuerparadies“ wie auf die Virgin- und Kayman-Inseln, bei Geldwäsche und Waschengeschäften mit im Spiel gewesen zu sein. Den gerichtlichen Nachweis dafür zu führen, ist sicherlich schwierig. Allerdings hat Denis Robert die Mehrzahl seiner Prozesse gegen die Bank gewonnen. Im Juni hatte Philippe Val ihn jedoch durch einen Federstrich als Urheber von Verschwörungs-Unfug darzustellen versucht. Kleines Detail am Rande: Der Rechtsanwalt der Clearstream-Bank ist derselbe, der auch ‚Charlie Hebdo’ verteidigt, und mit Philippe Val persönlich befreundet ist… Dies war auch in „seiner“ Redaktion zum Teil nicht gut angekommen. Bei Siné hatte es zu einem empörten Aufschrei geführt.

Dass der Herausgeber also einen diffus antiautoritären Wirrkopf wie Siné aus völlig anderen als progressiven Motiven loswerden mochte, ist durchaus plausibel. An der notwendigen Kritik der Ressentiments, welche der Zeichner mitunter nährt, ändert dies hingegen nichts.

Kontroverse unter den Intellektuellen

Die ganze Affäre hat nun inzwischen eine Polemik unter Intellektuellen, Kulturschaffenden sowie unter politischen Aktivist(inn)en ausgelöst, wie sie Frankreichs intellektuelle Szene und Kulturwelt so gut beherrscht. Hitzig geht es her im Ideenstreit, es wird klar Partei ergriffen. Geschichtsmächtige Argumente werden bemüht und Ideen mit viel politischem, philosophischem, historischem Hintergrund werden ausgetauscht. Zwei mehr oder minder deutlich definierbare Lager bilden sich heraus. Und dabei hätte man zumindest bei bestimmten Personen und bei bestimmten Vereinigungen – bei nur ungefährer Kenntnis des Geschehens und ohne gröbere Ahnung vom vorherigen Debattenverlauf – erahnen bzw. „die Uhr danach stellen“ können, auf welcher Seite sie sich dabei wieder finden würden.

Beispielsweise dass Bernard-Henri Lévy („BHL“), der linksliberale und sich gern antifaschistisch – aber auch, und mindestens so sehr, antikommunistisch und anti-antikapitalistisch – gebende Fernsehphilosoph, sich rückhaltlos auf die Seite von Philippe Val stellen würde: Es war von vornherein klar. Und so kam es.

BHL, der im Laufe seiner Karriere schon sehr viel sehr groben Unfug verbreitet hat (vgl. http://jungle-world.com ), aber noch immer antifaschistisches Pathos zum – vermeintlich oder tatsächlich – rechten Zeitpunkt zu bemühen versteht, meldete sich mittels eines Gastbeitrags ‚Le Monde’ zu Wort. (Siehe unter http://abonnes.lemonde.fr) Darin schreibt er zunächst, völlig zu Recht, es gelte die legitime Kritik an Religionen von jeglicher Form der Rassenhetze zu unterscheiden: „Sich über Pfaffen, Imame oder Rabbiner lustig machen, Ja – aber niemals über ‚Araber’ oder ‚Juden’“. Im Anschluss daran behauptet er – und da wird es bereits wesentlich diskutabler -, der umstrittene Artikel von Siné erfülle den Tatbestand der antisemitischen Rassenhetze und stehe in einer historischen Reihe mit der „Gründerschrift“ der modernen antisemitischen Hetzliteratur: ‚Les juifs, rois de notre époque’ (Die Juden, Könige unserer Zeit) von Alphonse Toussenel (1845). Desweiteren kommt er sodann auf seine Lieblingsthema zu sprechen, die Links-Rechts-Gleichsetzung im Namen des (von ihm so heib geliebten) „Antitotalitarismus“ – die so lange Gleichheitszeichen herstellt und Sprünge zwischen Marxismus oder sozialem Protest einerseits und Faschismus/Rassismus/Antisemitismus andererseits durchführt, bis irgendwann „in der Nacht (und bei Tage) alle Katzen grau sind“.

Der moderne Antisemitismus des 20. Jahrhunderts, laut BHL im oben zitierten Artikel, hat folgende Akteure (in dieser Reihenfolge): „die französischen Anarchosyndikalisten im frühen 20. Jahrhundert“, „die (westdeutsche) Baader-Meinhof-Bande“ sowie „die so genannten Beafsteak-Sektionen der deutschen Nazibewegung, die infolge des kommunistischen Entrismus in die Massenbewegungen der NSDAP entstanden“. Dabei handelt es sich schon nicht mehr um eine wirkliche Argumentation, sondern bereits um ein pures Delirium. Oder um die Kunst, so ziemlich Alles mit Allem zu verwechseln: Das „Beafsteak“-Phänomen (die Bezeichnung rührt von der Idee „auben rot und innen braun“ her) gab es tatsächlich, man bezeichnete so bestimmte SA-Einheiten am frühesten Beginn der 1930er Jahre. Ihre Männer hatten oft zuerst bei den Parteikommunisten hospiziert, sich aber später den Nazis angeschlossen, weil letztere die schrillsten Parolen hatten und lauter schrieen, also vermeintlich die „radikalere Alternative“ darstellten. Es handelte sich dabei um Arbeiter ohne politisches Klassenbewusstsein, Arbeitslose oder verlumpte Kleinbürger. Dass sie durch die NSDAP angezogen wurden, war ein politisches Drama, aber keineswegs das Ergebnis einer bewussten Strategie seitens der damaligen Arbeiterparteien (SPD, KPD, plus kleinere Parteien wie SAP oder KPO) – im Gegenteil war diese Anziehungskraft der Nazipartei als „radikale“ Scheinalternative ein fundamentales Problem für die Kräfte der Arbeiterbewegung. Hingegen gab es sehr viel später, nämlich ab 1935/36, als sämtliche Parteien auberhalb der NSDAP längst verboten und zerschlagen worden waren, eine Phase des kommunistischen „Entrismus“ (Synonym für unerkanntes, kollektives Eindringen) in die Nazi-Betriebsorganisation „Deutsche Arbeitsfront“ DAF. Diese Taktik der, seit Jahren in der Illegalität operierenden, Kommunisten sollte allerdings keinesfalls der Stärkung von Nazi-Verbänden führen, sondern diese im Gegenteil von innen heraus aushöhlen und zur Sprengung bringen. Die (wohl illusionäre) Hoffnung der Parteikommunisten lautete, durch Aufwerfen der sozialen Frage lieben sich die bei der DAF organisierten Arbeiter, allmählich oder abrupt, von der Naziführung abwenden und gegen diese aufwiegeln.

Letzteres Kalkül ist nun nicht aufgegangen, und es hat absolut nicht funktioniert. Aber es handelt sich bei dieser fehlgeschlagenen Rechnung (unter Bedingungen, wo die illegalisierten KP-Strukturen verzweifelt nach IRGENDWELCHEN Handlungsfeldern und –möglichkeiten gegen das Nazi-Regime suchten, notfalls eben „von innen heraus“) eben keinesfalls um einen Beweis der „Annäherung“ zwischen Kommunisten und Nazis. Völlig im Gegenteil. Diese Feststellung steht aber völlig im Gegensatz zu dem, was BHL angeblich „beweisen“ möchte – nämlich, dass die „totalitären“ Kräfte, die Linke und die Nazis, schon immer in ein und derselbe Sauce geschwommen hätten. They call it „Antitotalitarismus“, but its real name is „Bullshit“…

Auf BHL antwortete der linksradikale Philosoph Alain Badiou, der im vergangenen Jahr 2007 ein kleines, aber weitverbreitetes Bändchen über das politische Phänomen Sarkozy vorlegt hat – und den BHL in seinem Beitrag in die Nähe des Faschismus rückte. Sein Gastbeitrag erschien ebenfalls in ‚Le Monde’ (vgl. http://abonnes.lemonde.fr). Darin ging es allerdings eher um die Voraussetzungen von Kritik und das Recht (oder nicht), den politischen Gegner zu beschimpfen, als um die Bewertung von Siné.

In der Folgezeit kristallisierten sich zwei Blöcke heraus. Einerseits konnten Philippe Val und BHL die üblichen Verdächtigen hinter sich sammeln, darunter die Leitungen der bürgerlich-antirassistischen Vereinigungen SOS Racisme und LICRA. Also kurz ausgedrückt: den rechten Flügel der Antirassismus-Organisationen in Frankreich: SOS Racisme wird eng durch den Parteiapparat der französischen Sozialdemokratie kontrolliert. Und der Vorsitzende der LICRA (Internationale Liga gegen den Rassismus und den Antisemitismus, Ende der 1920er Jahre gegründet) ist der Europaparlamentarier der konservativen UMP und frühere Berater des Ex-Innenministers Charles Pasqua, Patrick Gaubert. Derselbst Patrick Gaubert hatte im Juni dieses Jahres beispielsweise die damals vom Europaparlament angenommene „Abschiebe-Richtlinie“, von franzöischen NGOs und Solidaritâtsvereinigungen nur als „Richtlinie der Schande“ (directive de la honte) bezeichnet, verteidigt und gegen Kritik in Schutz genommen. Kurz, es handelt sich nicht wirklich um die Spitzen der Gesellschaftskritik…

Auf der anderen Seite sammelten sich tendenziell sowohl die Verteidiger der Freiheit der Kunst (unter ihnen viele Zeichner- und Karikaturistenkollegen von Siné), als auch Anhänger der klassenkämpferischen Linken. In ihren Augen wird gegen Siné ein – keineswegs durch reale antisemitische Ausfälle begründeter – politischer „Hexenprozess“ geführt. Kritik an Sinés eigenen Inhalten, auch wenn sie zum Teil durchaus vorhanden ist, kommt dabei tendenziell eher ein bisschen kurz. Allerdings sorgt die Dynamik der Debatte selbst notgedrungen für eine polarisierende Dynamik, in der man irgendwann notgedrungen „für“ oder „gegen“ etwas oder jemanden eintritt. Seitens von engagierten Linken wird oft zugunsten von Siné angeführt, dass dieser sich ein – unbestreitbares! – historisches Verdienst als „Kofferträger“ (illegaler Unterstützer) für die algerische Nationale Befreiungsfront (FLN) während des französischen Kolonialkriegs in Algerien in den 1950er und frühen 60er Jahren erworben habe. Eine Betätigung, welche damals dioch erheblichen Mut und Bereitschaft zum Widerstand gegen die Mächtigen, aber auch gegen einen in der Gesellschaft tief verankerten Rassismus erforderte. Und schlieblich spielt es für den Verlauf der Debatte sicherlich eine Rolle, dass – wie ein Blogbeitrag es kürzlich trefflich auf den Punkt brachte – „die <Linke> à la Philippe Val und BHL der kapitalistischen Rechten näher steht als man glaubt“ (vgl. http://poli-tic.lejdd.fr).

Ebenso vorhersehbar war, dass die Antirassismusverbände selbst sich im Laufe dieses Streits aufspalten würden. Die beiden rechteren unter ihnen, SOS Racisme (dereinst durch Präsident François Mitterand lanciert) und LICRA (heute im Umfeld der UMP angesiedelt) verurteilten Siné in scharfen Worten und verteidigten das Vorgehen Philippe Vals. Die LICRA möchte gar Strafanzeige gegen Siné erstatten, wegen „antisemitischer Äuberungen“. Auf der anderen Seiten hat die „linkere“ der drei groben Antirassismusorganisationen, der MRAP (‚Bewegung gegen Rassismus und für Völkerfreundschaft’, historisch eher KP-nahe) sich bisher jeder offiziellen Position „für“ oder „gegen“ jemanden in diesem Konflikt enthalten. Nicht aus Bequemlichkeit, vielmehr war intern eine kontroverse Debatte darüber real geführt worden. Auch wenn die Tendenz eher dahin ging, Siné gegen die falschen Vorwürfe – im Zusammenhang mit seiner aktuell umstrittenen Kolumne über das Präsidentensöhnchen Jean Sarkozy – zu verteidigen, so sorgten doch Vorbehalte gegen die Inhalte Sinés (jetzt und in der Vergangenheit) dafür, dass jede offizielle Pro-Stellungnahme zugunsten des Zeichners unterblieb. Privat unterzeichneten allerdings manche Funktionsträger Schreiben oder Solidaritätserklärungen an bzw. für Siné.

Eine Petition zur Unterstützung Sinés, als Freigeist und „Grobmaul“ (grande gueule), hat inzwischen 8.800 Unterschriften erzielt. (Vgl. http://www.soutenir-sine.org/petition/ ) Unter ihnen sind eine Reihe von Prominenten, beispielsweise der frühere NGO-Spitzenfunktionär und spätere NGO-Kritiker Rony Brauman, der atheistisch-antiautoritäre Philosoph Michel Onfray, aber auch Figuren der (radikalen) Linken wie Olivier Besancenot und Alain Krivine, und zahlreiche Zeichner und Karikaturisten (der berühmte Katzenzeichner Philippe Geluck, Willem von ‚Libération’, Pichon…). Auch der oben erwähnte Autor Denis Robert hat die Solidaritätserklârung unterschrieben. (Vgl. http://tempsreel.nouvelobs.com ) Der Zeichner der liberalen Pariser Abendzeitung ‚Le Monde’ sowie des konservativ-liberalen Wochenmagazins ‚L’Express’, Plantu, ging in seinem Einsatz für die Meinungsfreiheit Sinés und gegen die „Zensur“ durch Philippe Val sogar sehr weit: In einer Abbildung für ‚L’Express’ zeichnete Plantu den Herausgeber von ‚Charlie Hebdo’, Val, in jenem charakteristischen Hemd mit Armbinde (nach dem historischen Muster des „Braunshemds“ oder faschistischen „Schwarzhemds“), das er bislang füyr Figuren wie Jean-Marie Le Pen, aber auch Slobodan Milosevic reserviert hatte. Der im Diktatorenhemd auftretende Philippe Val verpasst in dieser Karikatur einem durch die Luft geschleuderten Siné einen monumentalen Fubtritt, mit dem Wort (in einer Sprechblase): „Gefeuert!“ Manche Beobachter fragen sich allerdings, ob Plantu dadurch nicht seine eigene Karriere – insbesondere beim ‚Express’ – gefährdet hat…

Ein zur o.g. Petition gegenläufiger Artikel, der als Gastbeitrag in ‚Le Monde’ unter dem Titel „Für Philippe Val, für ‚Charlie Hebdo’ und für einige Prinzipien“ erschien, trägt die Unterschrift von zwanzig Prominenten. (Vgl. http://abonnes.lemonde.fr) Unter ihnen der (man möchte fast hinzufügen: unvermeidliche) Fernsehphilosoph BHL, die französischen Neokonservativen Pascal Bruckner und Alexandre Adler (letzter ein früherer Kommunist), aber auch eine noble Figur wie der strikte republikanische Universalist Robert Badinter (Justizminister während der Abschaffung der Todesstrafe 1981/82). Auch die grüne Senatorin, und Bürgermeisterin der Pariser Vorstadt Montreuil, Dominique Voynet, und SOS Racisme-Chef Dominique Sopo zählen zu den Unterzeichner/inne/n, ebenso wie die prominente progressive Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine, der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der Regisseur Claude Lanzmann, die Historikerin Elisabeth Rudinesco sowie der parteikommunistische Ex-Minister (und Streber) Jean-Claude Gayssot. Der Text erinnert an einige grotesk bis erschreckend wirkende Äuberungen Sinés – ohne allerdings klarzustellen, dass viele von ihnen (etwa Auslassungen, in denen Siné sich scheinbar als Antisemit oder homophob outet) gar nicht inhaltlich ernst zu nehmen, sondern viel mehr sarkastisch-ironische Äuberungen waren.

Auf ihn antwortet wiederum der Ex-Trotzkist und nunmehr linke Sozialdemokrat Gérard Filoche in einem Beitrag im ‚Nouvel Observateur’, der darauf insistiert, es gelte die Freiheit der Kunst zu verteidigen. (Vgl. http://tempsreel.nouvelobs.com ) Siné sei kein Antisemit, ob seine Auslassungen aber den Tatbestand „des guten oder des schlechten Geschmacks“ erfüllten, darüber hätten – so Filoches Kernaussage – nicht zwanzig Prominente zu urteilen (und zu verurteilen).

Alles in allem bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück: So falsch der symbolische Prozess ist, der Siné derzeit aufgrund eines (im Grunde harmlosen) Beitrags vom 2. Juli dieses Jahres gemacht wird – so zutreffend ist es leider auch, dass er aus der jüngeren Vergangenheit so manche „Leiche im Keller“ mit sich herumschleppt. Die notwendige differenzierte Kritik verstummt allerdings mitunter, wo sich festgezurrte Lager in der Debatte bilden – so hoch auch das grundsätzliche Engagement von französischen Intellektuellen in ihren oft schwungwollen und ziemlich grundsätzlichen Debatten einzuschätzen ist – und wo Pro- oder Kontra-Bekenntnisse gefragt sind.

Juristische Aufarbeitung steht ins Haus

Siné hat inzwischen angekündigt, Klage gegen Askolovitch – der als Erster den Vorwurf des Antisemitismus gegen seine Kolumne erhoben hatte – wegen wahrheitswidriger übler Nachrede zu erstatten. Ferner wird er seine Kündigung bei ‚Charlie Hebdo‘ arbeitsgerichtlich anfechten. Die Angelegenheit wird also in einiger Zeit noch die Gerichte beschäftigen.

Editorische Anmerkungen

Den Text erhielten wir vom Autor für diese Ausgabe.

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Veröffentlicht am 11. Januar 2015 in Deutschland heute Abend, Tagesthemen und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. „Tatsächlich dürfen bzw; möchtgen sowohl streng praktizierende moslemische als auch jüdisch-orthodoxe Frauen jeweils ihre Haare nicht für Männerblicke sichtbar zeigen. Die Einen verbergen sie unter einem Schleier oder Kopftuch, die Letztgenannten rasieren oder schneiden sie hingegen ab und setzen eine Perücke darauf.)“

    Orthodoxe Jüdinnen rasieren sich nicht die Haare ab, das ist ja blühender Unsinn. Außerdem tragen die meisten von ihnen keine Perücken, sondern Kopftücher, Hauben, Haarnetze, etc.

    Zu sehen in diesem Video – v. a. ab 14:47:

    • Hallo Anita,
      deine Kritik trifft den Falschen, denn diese Aussage stammt von dem im Beitrag erwähnten Maurice Sinet.
      Aber danke für die erklärenden Worte.
      Ein schönes Wochenende wünsche ich dir natürlich noch…
      dieblauweisse

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