Dassler ein Synonym für Korruption?


Dassler eine Geschichte des Sports.

Sportvermarktung im großen Stil!

Die ISL (International Sports & Leisure)

„Schmiergeld an Sportfunktionäre zu zahlen ist, als wenn man Lohn bezahlen muss, sonst wird nicht mehr gearbeitet …“

„Alle diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass sich die Sportfunktionäre dran halten …“

„Diese Praxis war branchenüblich, sie war unerlässlich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts.“

Die ISL (International Sports & Leisure), später unter der Holding ISMM firmierend, wurde 1982 vom damaligen Adidas-Chef Horst Dassler gegründet.

Ex-Adidas Eigentümer Horst Dassler, Bernard Tapie, Robert Louis-Dreyfus

Sie blieb bis zum Konkurs im Frühjahr 2001 im Besitz der Dassler-Familie, der vier Schwestern und zwei Kinder von Horst Dassler, der 1987 an Augenkrebs starb. Dassler war einer der besten Freunde und wichtigster Förderer des FIFA-Präsidenten Joseph Blatter und zahlte Mitte der 1970er Jahre, in Blatters ersten Monaten bei der FIFA, auch dessen Gehalt über Adidas-Konten. Das ist seit Jahren beschrieben und von Blatter bestätigt. Blatter hat am 10. März Geburtstag, Dassler hatte am 12. März Geburtstag – sie feierten immer gemeinsam am 11. März. Blatter stieg 1975 auf Dasslers Empfehlung/Auswahl als technischer Direktor bei der FIFA ein – in den ersten Monaten hatte er sein Büro in Dasslers Konzernzentrale (Adidas France) in Landersheim im Elsass. Sein Gehalt wurde von Adidas bezahlt, was später auch der zwischenzeitliche Adidas Chef Robert Louis-Dreyfuss bestätigte. Aus Vernehmungen und Aktennotizen in den langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzungen zum ISL-Konkurs geht klar hervor, dass das Bestechungssystem von Dassler früh in den 1980er Jahren, und sogar noch davor, etabliert wurde. Sein ehemaliger Buchhalter Jean-Marie Weber führte als ISL-Manager diese Praxis weiter. Ab 1998, damals begannen sich die ISL-Besitzer für einen Börsengang zu interessieren, wurde das System verfeinert. Im Dezember 1998 errichtete die „Shelter Trust Anstalt“ in Vaduz die Stiftung „Nunca“. Dieser „Nunca“ wurde später die auf den British Virgin Islands registrierte „Sunbow S. A.“ zugeordnet. Die Stiftungen tauchten weder in den Organigrammen des weitverzweigten und mit stets wechselnden Namen agierenden ISL-Konzerns auf, noch in den konsolidierten Bilanzen. Dassler war ein Visionär, der Erfinder des modernen Sportmarketings. Ob Olympische Spiele, Fußball-Welt- und Europameisterschaften oder Champions League – im Kern werden diese Ereignisse nach jenem Modus vermarktet, den der Deutsche Wirtschaftsmann Dassler kreiert hat: wenige Sponsoren erhalten umfassende Exklusivrechte. Fernsehrechte werden zentral gemakelt. Das Problem aber war: Wie gewann man Planungssicherheit? Wie kam man also an die Verträge?

isl-chart-2009

Dassler hatte Ende der sechziger Jahre damit begonnen, eine so genannte sportpolitische Abteilung aufzubauen. Über diese Abteilung, in der auch der spätere ISL-Chef Jean-Marie Weber arbeitete, wurden wichtige Funktionen im Weltsport besetzt. Dieser sportpolitische Geheimdienst hat nicht nur Personalien geklärt, sondern auch die Vergabe von Großereignissen wie Olympischen Spielen und den wichtigsten Weltmeisterschaften in olympischen Sportarten geregelt. Dieses dubiose Netzwerk war der Schlüssel für die Geschäfte der ISL. Viele der ehemaligen Mitarbeiter Dasslers und Funktionäre, die er in wichtige Positionen gebracht hat, sind bis heute aktiv. Dassler verstarb 1987 an Augenkrebs. Die geheimen Geschäfte der ISL-Gruppe übernahm Jean-Marie Weber.

Jean-Marie Weber

Er war Dasslers Assistent. Er war der Mann mit dem Geldkoffer. Er wusste also, wen Dassler bestochen hat. Ohne Bestechung ging das nicht, Dassler musste im Geschäft bleiben.  Nur durfte man es nicht so ohne weiteres veröffentlichen. Doch nach vielen Jahren haben wir nun im Gerichtssaal in Zug die Wahrheit gehört: Jean-Marie Weber hat das Schmiergeld verteilt. Nach Dasslers Tod übernahm Weber den Job.

ISL Chef Jean Marie Weber mit Fifa Chef Sepp Blatter

ISL Chef Jean Marie Weber mit Fifa Chef Sepp Blatter

Das Portfolio umfasste Verträge im Wert von rund 7 Milliarden Franken – weit mehr als 4 Milliarden Euro. Die Gruppe hatte gemeinsam mit Leo Kirch unter dubiosen Umständen auch die Fernsehrechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 in Japan und Südkorea und 2006 in Deutschland für 2,8 Milliarden Franken akquiriert. Die ISL-Manager machten Geschäfte mit den wichtigsten Funktionären des Weltsports. Diese Geschäfte beruhten auf persönlichen Beziehungen – und Schmiergeldzahlungen. Die ISL hatte ein perfektes Bestechungssystem aufgebaut, mit Schwarzkonten und Stiftungen wie der „Sunbow SA“ auf den britischen Jungferninseln und der „Nunca“ in Liechtenstein. Über diese beiden Stiftungen wurden in den letzten Jahren Millionensummen geschleust. In der Regel hoben Treuhänder das Gelb bar ab, brachten es über die Grenze und übergaben es an Weber. Der hat es an die Endempfänger weiter geleitet. Mitunter trug er fünf Millionen im Geldkoffer.

Fünf seiner Kollegen haben im Prozess bestätigt, dass das Schmiergeld von Weber verteilt wurde. Sie sagten, er habe ihnen nie Namen gesagt. Nur er wisse, wer mit welchen Summen bestochen wurde. Also fragte ihn der Richter, und Weber antwortete: „‚Es ist eine Frage der Ehre – ich kann es nicht sagen. “ Das ist eine sehr seltsame Ehre, dass er diese widerlichen Schmiergeldempfänger schützt, die den Weltfußball beherrschen. Ich bin mir relativ sicher, was dahinter steckt: Jean-Marie Weber schweigt, weil er Geld dafür bekommt, dass er weder in den Vernehmungen noch vor Gericht ausgepackt hat.

Einer der drei Richter sagte in der Verhandlung, das Korruptionssystem habe “ etwas Verschwörerisches an sich“. Im internen Sprachgebrauch der ISL hieß es natürlich nicht „Schmiergeld“, sondern: „Rechteerwerbskosten“, „Kommissionen“, „Honorare“ oder „Provisionen“. So ähnlich kennt man das zum Beispiel auch vom Siemens-Schmiergeldsystem.

Werner Würgler, ein renommierter Schweizer Strafverteidiger, stellte die ISL-Gruppe als Hausagentur der Fifa dar, um Fußballfunktionäre mit Schmiergeld zu versorgen: „Sie haben Vorgänge zu verbergen, gegenüber Strafuntersuchungsbehörden und auch gegenüber der Öffentlichkeit“, sagte er.

Darin besteht das Wesen der Korruption: Geber und Nehmer schließen keine Verträge ab, sie schreiben keine Rechnungen. Sie profitieren beide von ihrem Geschäft, wenn sie sich einig sind und schweigen, ist Aufklärung beinahe unmöglich. Anders als bei allen anderen Arten des Verbrechens gibt es bei der Korruption keine direkt Geschädigten, keine Opfer. Das erschwert die Aufklärung.

Sportvereine und Verbände genießen noch immer den rechtlichen Status von  gemeinnützigen Organisationen. Sie gelten als nicht gewinnorientiert. Die Gesetzgebung lässt ihnen weitgehend freie Hand. Sie kassieren Steuervergünstigungen, genießen Sonderregeln und müssen sich nicht an Transparenzkriterien messen lassen. Diese Grauzone zwischen Sport, Wirtschaft und Politik ist ein perfekt arrangierter Mikrokosmos, der weder von den Anti-Korruptions-Konventionen der Vereinten Nationen, noch der Europäischen Union oder der OECD tangiert wird.

Der internationale Sportbetrieb ganz allgemein, die Schweiz im Besonderen, bieten traumhafte Rahmenbedingungen für Korruption, mithin für das perfekte Verbrechen: Geber und Nehmer müssen sich nur einig sein. Und Schweigen bis in alle Ewigkeit.

Man kann es auch so formulieren wie Richter Marc Siegwart, der bei der Urteilsverkündung in Zug sagte:

Im Rechtsstaat gibt es keine Moraljustiz.

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Veröffentlicht am 30. April 2013 in Deutschland heute Abend, FC Schalke 04, Finanzen, Sport Allgemein, Tagesthemen und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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